Zur Kulturgutschutz-Debatte: Günther Wessel über illegalen Antikenhandel

Eine schwierige Recherche, die punktgenau ins Herz der aktuellen Diskussion um verschärften Kulturgutschutz trifft: Der Journalist Günther Wessel hat über "Das schmutzige Geschäft mit der Antike" geschrieben.

LENA GRUNDHUBER | 1 Meinung

Die Sache war wichtig genug, um sie doppelt in Ordnung zu bringen: Erst gab der baden-württembergische Kunststaatssekretär Jürgen Walter die Plastik der Göttin Durga an den indischen Botschafter in Berlin zurück, dann überreichte Kanzlerin Merkel sie nochmal in Indien - als wolle man sichergehen, dass die Durga ist, wo sie hingehört.

Ärger genug hat das 1300 Jahre alte Stück gemacht, seit es im Jahr 2000 vom Land fürs Stuttgarter Linden-Museum für 250.000 Dollar erworben wurde: "Eines der absoluten Spitzenstücke unter den erhaltenen kashmirischen Kunstobjekten" (Kunstministerium) hatte sich als Schmugglerware entpuppt, aus einem Tempel geraubt und von Händler Subhash Kapoor verkauft. Als "renommierter und seriöser Spezialist für indische Kunst" habe der gegolten, heißt es im Ministerium - nun sind Geld und Objekt weg, geblieben ist die Einsicht: Selbst ein Händler mit internationalem Renommee kann ein Schmuggler sein.

Die Konsequenz? Für manche Experten gibt es nur eine: "Kaufen Sie keine Antiken. Niemals", empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte in einer Handreichung. "Don't buy that stuff!" - mit diesem Zitat des Ex-Kunsthändlers Christoph Leon schließt auch ein dieses Jahr erschienenes Buch von Günther Wessel über "Das schmutzige Geschäft mit der Antike" (Ch. Links Verlag, 184 S., 18 Euro). Der Journalist untersucht den globalen illegalen Handel mit Kulturgütern und kam damit genau recht zu der hitzigen Debatte um das neue Kulturgutschutzgesetz.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters will, gegen den wütenden Protest der Branche, allerlei Regeln verschärfen. Dazu gehört auch, dass künftig die legale Einfuhr einer Antike nachgewiesen werden muss, um sie verkaufen zu können. Das bisherige Gesetz wurde 2013 in einem Bericht der Bundesregierung beispiellos zerrissen: Kein einziges Stück sei aufgrund des bestehenden Gesetzes an ein Herkunftsland zurückgegangen, die Situation belaste die internationalen Beziehungen, "schnellstmögliche Novellierung" sei anzustreben. Mittlerweile scheint der Handlungsbedarf gestiegen, denn das Geschäft mit den Antiken diene auch der Finanzierung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), heißt es immer wieder; insgesamt nähmen Raubgrabungen im Orient besorgniserregend zu.

Wessels Recherchen sind nicht dazu angetan, die Sache entspannter zu sehen. Der Journalist ist der Sache regelrecht nachgegangen, ließ sich in Kairo die Satellitenfotos von Grabungslöchern in der Wüste zeigen und nahm selber in Augenschein, wie die Ausgrabungsstätten umgepflügt werden; die Räuber schicken wohl Kinder in die gefährlichen Löcher, um die wertvollen Stücke aus der Erde zu holen.

Vielfach ist es blanke Not der armen Bauern, doch Wessel hört auch von organisierten Banden, die in Ägypten antike Gräber leer räumen - offenbar auch auf Bestellung. Originale würden oft als Kopien getarnt das Land verlassen. Wessel zitiert Politiker und Militärs, die über Antikenschmuggel aus Afghanistan und Irak berichten und lässt sich von einer Interpol-Expertin das Vorgehen des IS erklären: Der lasse die darbende Bevölkerung graben und kassiere Steuern darauf.

Zum Einwand des Antikenhändlerverbands, dass der Handel mit kürzlich ausgeführtem syrischen und irakischen Kulturgut in der EU ohnehin verboten sei, merkt er an, was auch Archäologen erklären: "Ob ein Stück aus dem heutigen Irak, dem Iran oder gar aus Syrien stammt, ist oft nicht eindeutig zu sagen." Die antiken Reiche gehen nicht in modernen Grenzen auf, umso leichter, die Herkunft der Objekte zurechtzubiegen.

Der Zusammenhang zwischen Terrorismus und Antikenhandel ist im Kriegschaos schwer zu beweisen, dass mit illegal gehandelten Stücken Milliarden pro Jahr verdient werden, ist eine Schätzung. Doch die Indizienlage, die Wessel aus seinen Recherchen herausarbeitet, ist erdrückend. Ende November legte er in der "Zeit" nach: Aus Unterlagen des US-Militärs gehe hervor, dass die Terroristen ein Ministerium für "Natürliche Ressourcen und Antiken" unterhielten, bei dem getöteten IS-Führer Abu Sajjaf habe man etwa 700 zum Verkauf bestimmte Objekte gefunden. Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, vermutet, dass die hochpreisigen Stücke nicht öffentlich verkauft, sondern in Freihäfen gelagert werden, bis die Spuren verwischt sind - und aus geraubtem Gut vielleicht wieder ein Museumsobjekt wird.

Strengere Gesetzeslage

Kulturgutschutz Der Entwurf zum Kulturgutschutzgesetz steht vor allem wegen der strengeren Bestimmungen zum Schutz national wertvollen Kulturguts in der Kritik. Das Gesetz soll jedoch auch die Einfuhr illegal gehandelter Antiken unterbinden. Bisher galt das "Listenprinzip", nach dem die Herkunftsländer anhand einer Liste nachweisen mussten, dass ein Objekt ihnen gehört. Wer künftig archäologisches Kulturgut einführt, braucht eine Ausfuhrerlaubnis des Herkunftslandes, sofern dieser Staat eine solche Genehmigung vorsieht. Dies gilt ab 2007, als Deutschland eine Unesco-Konvention von 1970 ratifizierte.

Kritik Der Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe kritisiert auch den neuen Gesetzentwurf: Geschmuggelte Raubgrabungsfunde, die vor 2007 nach Deutschland gelangten, würden dann rückwirkend zu legalem Handelsgut werden, sagte der Mitarbeiter des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz der dpa. Der Bundesrat schlägt eine Verschärfung vor: Wenn sich nicht klären lasse, ob ein geschütztes Kulturgut vor oder nach dem Stichtag 2007 ins Bundesgebiet, den Binnenmarkt oder einen Drittstaat eingeführt worden sei, wird widerleglich vermutet, dass das Kulturgut nach diesem Tag ausgeführt wurde.

1 Kommentar

01.01.2016 13:54 Uhr

Wem nutzt dieses Gesetz wirklich?

Es ist immer wieder spannend, wie schnell man mit Argumenten eine Beweislastumkehr fordert. Ist den Protagonisten eigentlich bewusst wie schnell man der Gesellschaft und unserem Justizsystem nachhaltig Schaden zufügen kann?

Mit auf guten Vorsätzen begündeten Unterstellungen und der moralischen Keule lassen sich nahezu alle menschlichen Regungen ächten, kriminalisieren und anschließend verbieten.

Hierzu gibt es eine Petition, die nicht nur von Händlern und Sammlern unterstützt wird. Auch Wissenschaftler und Mitarbeiter von Museen unterstützen diese Initiative:

https://www.openpetition.de/petition/online/fuer-den-erhalt-des-privaten-sammelns

Als Beispiel soll ein Beitrag des Bayerischen Rundfunks über das Museum Solnhofen dienen:

http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/frankenschau-aktuell/exponate-in-gefahr-100.html#&time=&time=

Man kann nur jedem empfehlen, sich über das Pro & Contra, dem Umfang, aber auch die Machbarkeit des Kulturgutschutzgesetz auseinander zu setzen. Wichtig ist auch zu erfahren welche Gruppierungen betroffen sind und wessen Interessen in letzter Konsequenz vertreten werden.

Nutzt dieses Gesetz wirklich der ganzen Gesellschaft oder nur einigen wenigen Gruppen? Wer hat das Kulturministerium so gesellschaftlich katastrophal beraten? Unter vorgehaltener Hand soll das Gesetz auch nicht "Grütters-Gesetz" sondern "Schäuble-Gesetz" genannt werden.

http://www.welt.de/print/wams/kultur/article149895902/Nichts-ist-unmoeglich.html

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