Youtube-Videos und Tablets: NS-Gedenkstätten modernisieren sich

Opa war nicht im Krieg - das hören die NS-Gedenkstätten immer häufiger. Neue Ideen für die Vermittlung müssen deshalb her.

IRENA GÜTTEL, DPA |

Die Queen blickt zusammen mit Schülern gebannt auf ein Tablet. Auf dem Bildschirm ist eine dreidimensionale Rekonstruktion des Konzentrationslagers Bergen-Belsen zu sehen: Baracken, Wachtürme, Zäune - Orte, die heute auf dem Gelände nicht mehr existieren. Die Animation faszinierte nicht nur Elisabeth II. bei ihrem Besuch der Gedenkstätte. Seit August können Schüler und andere Gruppen auf diese Weise das Lager erkunden - und die furchtbaren Zustände dort viel eher nacherleben.

"Das Thema war früher viel stärker in der Familie beheimatet", erläutert die pädagogische Leiterin Katrin Unger. Opa kämpfte noch selbst im Krieg, wurde vertrieben oder geriet in Gefangenschaft. "Heute wird es mehr zum Thema aus dem Geschichtsbuch."

Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stehen die Gedenkstätten vor Herausforderungen: Von den Menschen, die den Nazi-Terror erlebt haben, leben nur noch wenige. Viele Besucher haben keinen familiären Bezug mehr zu der Zeit und setzen sich deshalb anders damit auseinander. Neue, auch unkonventionelle pädagogische Konzepte sind gefragt: Es geht weniger um Betroffenheit und reines Erinnern. Stattdessen sollen aktuelle Bezüge Interesse wecken.

Was funktioniert, was nicht? Marcus Meyer und sein Team am Bremer U-Boot-Bunker Valentin profitieren von den Erfahrungen anderer Einrichtungen. Die Gedenkstätte in dem gigantischen Nazi-Bauwerk besteht seit gut zwei Monaten, die veränderte Besucherstruktur prägte von Anfang an die pädagogische Arbeit. "Es gibt generell die Panik, dass Menschen mit Migrationshintergrund oder aus der vierten Nachkriegsgeneration kein Interesse mehr an dem Thema haben", sagt Meyer, der wissenschaftliche Leiter. "Es ist aber vor allem eine Frage, wie man auf sie zugeht."

In Bremen setzt man vor allem auf die Schicksale einzelner Zwangsarbeiter. "Dadurch wird es viel greifbarer", sagt der 40-Jährige. "Da ist man schnell bei Empathie, ohne dass man diese konstruieren muss." Meyer und seine Kollegen schicken Besucher mit Tablets über das Gelände, mit denen sie die Orte fotografieren sollen, die sie spannend finden. "Unser Anspruch ist nicht, dass die Menschen das System Zwangsarbeit verstehen, sondern dass sie über den Ort nachdenken."

Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, sagt: "Es ist uns lieber, dass die Leute mit drei Fragen nach Hause gehen, als sich von 15 Antworten erschlagen zu fühlen." Gedenkstätten müssten eine Plattform für ein kritisches Geschichtsbewusstsein sein. "Es geht nicht mehr nur ums Erinnern, sondern auch darum, Anlässe zu schaffen, über aktuelle Konflikte zu reden." So lud die Gedenkstätte Fußball-Ultras aus Deutschland und Tschechien ein, um sie miteinander ins Gespräch zu bringen. Daraus entstand eine Diskussion über Fankulturen und dass sich diese nicht gegen Minderheiten wie Homosexuelle oder Juden richten sollten.

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