Wir spielen Mythos
München. Menschen haben sich für eine Performance versammelt: Der neue "Ring des Nibelungen" der Bayerischen Staatsoper, inszeniert von Andreas Kriegenburg, startete mit dem "Rheingold" - weitgehend bejubelt.
Die Masse Mensch, in chorischer Stärke, sie tritt in Richard Wagners "Ring des Nibelungen" erst am vierten Tag des Bühnenfestspiels, im zweiten Akt der "Götterdämmerung", auf. Und zwar in aller Bedrohlichkeit: mit Hagens bewaffneten "Mannen". Im Münchner Nationaltheater aber hat sich jetzt schon vor dem Es-Dur-Nebel des "Rheingold"-Vorspiels ein ganzes Opernvolk auf der Bühne versammelt.
Nicht nur Rheintöchter und in den Apfel beißende Götter, sondern eine große Statistenschar. Inspizienten erkunden die Lage, und ist das dort nicht Regisseur Andreas Kriegenburg selbst, der sich mit einem Sänger locker unterhält? Man wünscht sich "Toi, toi, toi", und los gehts mit plätscherndem Rhein vom Tonband. Doch "wogendes Gewässer", das stellt man selbst dar: die Klamotten ausgezogen zur nudistischen Performance, mit blauer Farbe die Körper angeschmiert und sich zur choreografierten Welle bewegend. Alberich, der sexbesessene Nibelung, schwimmt nach den Rheintöchtern im Menschensee.
Den "Interpretationsballast" herunterbrechen und sich auf "das soziale Motiv des Erzählens" konzentrieren - so hatte Kriegenburg angekündigt, Wagners "Ring"-Welt in ihrer Entstehung untersuchen zu wollen. Das ist ein realistischer, ein sehr theatralischer, auch ein bescheidener, nicht immer nur spannender Ansatz, aber es bedeutet: Wir erspielen uns den Mythos selbst, wir lassen uns nicht berauschen, wir wollen bei Wagner überprüfen, wie das funktioniert, wir erleben diese Welt gemeinsam, wir erzählen uns unsere Illusionen. Und vor allem: Soll nur keiner einen Zweifel daran haben, dass der ganze Zauber nur menschlich und auch von Menschen gemacht ist.
Das Gold des Rheins? Lebendig, ein kinderkleiner Mensch in goldfarbenem Trikot, den Alberich über der Schulter wegträgt. Die Kröte, in die er sich später prahlend verwandelt, um vor Wotan anzugeben? Auch ein bibbernder Akteur aus der Performance-Truppe. Die Riesen Fafner (Philip Ens) und Fasolt (Thorsten Grümpel), die Bauherren von Walhall? Sie kommen auf Menschen-Würfeln daher, als hätte die Schrottpresse ihre Arbeiter deformiert. In Nibelheim ist es nicht besser, dort werden erlahmende Werktätige in Bodenluken entsorgt und verbrannt, als müssten sie in der Hölle schmoren. Eindeutig erzählte Aussagen also über die Macht in der verfluchten Welt - aber auf abstrakter Bühne (Harald B. Thor), ohne aufgezwungene Bildergewalt.
Wobei Kriegenburg durchaus interpretiert: Die Götter eilen nicht ihrem Ende zu, sie sind schon am Ende, bevor es richtig anfängt. Und die Natur ist aus dieser blassen Welt - die ja in Kriegenburgs Lesart nur eine theatralische Behauptung ist - auch verbannt. Und zwar gründlich. Denn um romantischen (Klang-)Zauber geht es Kent Nagano am Pult des mächtigen Bayerischen Staatsorchesters ebenfalls nicht. Da wird in aller Härte und Unerbittlichkeit und gerne auch in voller Lautstärke ein Musikdrama auf- und vorgeführt. Da schreiten auch musikalisch die Götter auf keiner Regenbogenbrücke auf Walhall zu, da hämmert infernalisch im Finale geradezu ein Todes-Rhythmus. Das kann man alles so pauschal modern denken, man könnte aber auch gerade das "Rheingold" weich, in aller Farbigkeit ausmalen und Wagner mehr klingen lassen.
Das Sängerensemble? Die heftigste Zustimmung ernteten Stefan Margita als großmäulig unsympathischer Loge und Johannes Martin Kränzle als ein hoch emotionaler Alberich. Dessen schon altersgezeichneter, um die Macht zitternder Gegenspieler Wotan ist Johan Reuter mit gefasstem, wohlgerundetem Bassbariton; mit schön fließendem Mezzo beeindruckt auch Sophie Koch als Göttergattin Fricka.
Eine erstaunlich einhellige Zustimmung für dieses "Rheingold" mit Ballett, das dem Zuschauer keine Lösungen oder Weltbilder anbietet, sondern eher Fragen stellt. Wagner-Puristen nahmen das Angebot in der Premiere erstaunlich jubelnd an. Sie gehen offenbar davon aus, dass sie von Kriegenburg bis zur "Götterdämmerung" keine bösen Aufreger zu erwarten haben.
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Autor: JÜRGEN KANOLD | 06.02.2012
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Seid umschlungen, am Flussbett: ein menschenreiches "Rheingold" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Wilfried Hösl
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