Veterinäre Veteranen

Zu einem Saunaabend im Zirkuszelt am Stuttgarter Marienplatz lud das Comedy-Duo Die Kleine Tierschau ein. Mit ihrem ureigenen Getöse feiern die Veteranen des schwäbischen Kabaretts ihren 30. Geburtstag.

CHRISTINA KIRSCH |

Zwei Dromedare eines Kamelhofs lassen ungeniert ihren Dung über den roten Teppich vor dem Zelt kullern. Kinder wollen weiches Fell streicheln, Mütter wollen lieber ein Eis, und Väter stehen am Ausschank an. Die Kleine Tierschau ist in der Stadt. Das Comedy-Duo lädt am Stuttgarter Marienplatz zur Premiere seines Geburtstagsprogramms in ein Zirkuszelt ein. "Menschen, Tierschau, Sensationen" sind versprochen und werden auf gut Schwäbisch auch geboten. Alles ist ein bisschen aufgeplustert, vergockelt und begackeiert, aber im Kern grundsolide und reell. Schwäbisch eben. Nepp gibt es woanders.

Michael Gaedt und Michael Schulig kennt man seit 30 Jahren als Zelebranten des Großspurigen, die keinen Aufwand an Requisite und Ulk scheuen, um groß herauszukommen. Dafür braucht Schulig aber nur einen Kontrabass, um an Länge überragt zu werden. Wahre Größe zeigt er, wenn er sein buntes Leib- und-Magen-Instrument auf dem Rücken liegend spielt und seinem Kompagnon mit einem Pocketbike durch die Beine fährt. Der Kleine ist der Kuschelige, der Große der Angeber. Als letzter freilebender Ostalbtiger dient sich Schulig den Logengästen zum Kraulen an. Mit stolz geschwellter Brust stolziert Gaedt als Rambo und Gogo-Girl durch die Manege. Freilaufende Motoren wie das Ford-Granada-Monstrum bändigt er mit links. Vorher darf der Motor noch aufjaulen und die Luft verpesten. "Ein bisschen Leid muss sein", heißt es später. Dazu gehört auch die Saunatemperatur im geschlossenen Zelt.

"Zirzensische und zoologische Sensationen" verspricht Michael Gaedt im Jubiläumsprogramm. Gezeigt werden eine atemberaubende Messernummer und ein Kraftakt, bei dem sich Gaedt eine Betonplatte auf den Bauch legen und zertrümmern lässt. "Der Beddo war he" nennt sich die Persiflage. Und die Messer werden glücklicherweise auch nicht echt geschleudert.

Fast schon obligatorisch ist der volle Körpereinsatz der beiden Helden, der in den 80er Jahren darin gipfelte, dass das damalige Trio in schwäbischen Turnhallen nackt Klassik spielte. In der Jubiläumsshow entledigt sich Gaedt einer beachtlichen Anzahl an Slips und zeigt doch letztlich keine Blöße, sondern sammelt danach die ganze Unterwäsche wieder ein. "Ein Mann räumt auf" heißt die kleine Szene mit Arnold Schwarzenegger. Am verwunderlichsten daran ist, wie schnell Gaedt die Slipparade angezogen hat. Denn zwischen den Nummern ist kaum Zeit.

Seit Jahren verulkt die Kleine Tierschau Rocktitel wie Deep Purples "Smoke on the Water", das die Jungs der Einfachheit halber von Google-Sprachtools übersetzen ließen und als "Rauchen Sie auf dem Wasser" zum Besten geben. An den Gitarren, dem Bass, auf dem Kazoo und an den Tröten posaunen die Entertainer ihre Partynummern unters Volk. Eine Turbanwickelmaschine hat genauso ihren Auftritt wie die elektrische Zahnbürste oder der chromglänzende City-Roller. Nicht zu vergessen die Schlümpfe und die rasanten Steppeinlagen.

Auch die Pferdenummer fehlt nicht. Die beiden Möchtegern-Cowboys jaulen auf motorisierten Zirkuspferdchen ihre Einsamkeit in die Großstadtprärie: "Es ist so einsam im Sattel, seit mein Pferd gestorben ist." Zum Schluss möchte man mit Lurchi, dem Gaedtschen Salamander sprechen: Lange schallt es im Zirkus noch "Die Kleine Tierschau lebe hoch!"

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