Verzicht auf Pantomime

Nach sechs Jahren als Tänzer und zehn Jahren als fester Choreograf am Stuttgarter Ballett verabschiedet sich Christian Spuck mit seinem umfangreichsten Handlungsballett: "Das Fräulein von S.".

Nach dem "Sandmann" jetzt das "Fräulein von Scuderi". Haben Sie ein besonderes Faible für den "Gespenster-Hoffmann"?

CHRISTIAN SPUCK: Das ist Zufall. Ich habe einen Stoff gesucht, bin auf die Novelle gestoßen, habe sie mehrfach gelesen. Meine Motivation war nicht, bei E. T. A. Hoffmann nachzuschauen, welche Novelle sich noch als Handlungsballett eignen könnte. Aber die dunkle, tiefe Seite, die es bei Hoffmann wie bei Büchner grundsätzlich gibt, auch das Phantastische, Groteske, zugleich das leicht Humorvolle, wie zweischneidig die Figuren sind - das kommt mir sehr entgegen.

Hoffmann gilt mit dieser Erzählung als Erfinder der Kriminalnovelle, noch vor Poe, dessen "Berenice" Sie ja als Oper inszeniert haben.

SPUCK: Dabei eignet sich E. T. A. Hoffmanns Stoff gar nicht besonders gut für ein Handlungsballett. Dafür bietet sich eigentlich mehr eine Geschichte an, in der es um die Befindlichkeiten und Konflikte der Protagonisten geht. Bei Hoffmanns "Fräulein von Scuderi" steht mehr die Konstruktion und die spannende Struktur der Novelle im Vordergrund. "Das Fräulein von S." ist sehr komplex, auch weil mit 34 Tänzerinnen und Tänzern viele Figuren auf der Bühne sind, darunter allein acht Hauptrollen.

Was bedeutet das, eine neue Erzählform fürs Handlungsballett?

SPUCK: Zuerst einmal Verzicht auf die übliche Pantomime, wie es sie beim Handlungsballett im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhunderts gibt. Und dann die Aufgabe der eindeutigen Erzählperspektive, bei der die Zuschauer reine Betrachter sind: Was sie sehen, passiert wirklich, es geht um den Transport der Geschichte und der Gefühle. Wenn man das ein wenig aufweicht und verfremdet, wenn man leichte Perspektivwechsel stattfinden lässt, könnte es durchaus wieder spannender werden.

Ist es das, was Sie meinten, als sie sagten, Tanz sei eine andere Form von Musiktheater?

SPUCK: Tanz ist Musiktheater! Wir haben übrigens ursprünglich Musik aus der Zeit der Madame de Scuderi gesucht, um 1680 herum, Lully ist da der Bekannteste. Doch diese kurzen Barockstücke sind ungeeignet, das ganze Stück zu tragen. Nun verbinden wir die Zeit des Hochbarock, des Louis XIV., mit der Zeit E. T. A. Hoffmanns: der Romantik. Im 1. Akt wird ein Streichquartett live Musik von Robert Schumann musizieren, unterbrochen von kurzen Interventionen von Martin Donner. Der zweite Akt wird mit Musik von Philip Glass unterstützt, und im dritten Akt haben wir mit Michael Torkes "Ash" eine kleine Verbeugung vor Beethoven, den Hoffmann sehr schätzte. Grundsätzlich haben wir versucht, den Abend ein wenig mit den Augen Hoffmanns zu erzählen, auch gibt es eine neu erfundene Figur auf der Bühne, die aus einer Hoffmann-Novelle sein könnte.

Einer wie der wahnsinnige Kapellmeister Kreisler?

SPUCK: Nein, es ist eine Figur namens "S". Sie tritt neben der Hauptfigur, dem Fräulein von Scuderi, auf. Somit wird der Titel des Balletts zweideutig. Ich habe ziemlich viel Spaß daran, momentan Eindeutigkeiten zu vermeiden. Diesen Charakter S. spielt eine bekannte französische Schauspielerin, Mireille Mossé, die das Publikum an die Hand nehmen und im ersten Akt durch die Geschichte führen wird. Aber auch ihr kann man nicht immer trauen.

Die eigentliche Madame de Scuderi könnte als eine Art frühe Miss Marple verstanden werden. . .

SPUCK: Das Fräulein von Scuderi ist keine Miss Marple. Sie ist eine Schriftstellerin mit Herz und Verstand, in sich ruhend. Eine sehr alte Dame, reich an Weisheit und Routine im Umgang am Hofstaat, die einzig aus Zivilcourage und Überzeugung gegen ein korruptes Rechtssystem versucht, einen Unschuldigen vor der Verurteilung zu schützen. Um das zu erreichen, leistet sie leichte detektivische Aufklärungsarbeit, was es mit den Juwelenmorden in Paris auf sich haben könnte.

In dieser Rolle sehen wir Marcia Haydée, die Sie in Stuttgart, als letzten Tänzer in ihrer Direktorinnenzeit, engagiert hat.

SPUCK: Vor fünf Jahren haben wir einen Fernsehfilm zusammen gemacht, "Penelope". Als ich sie vor einem Jahr gefragt habe, ob sie an einer neuen Produktion mitarbeiten möchte, hat sie sofort zugesagt. Bei den Bühnenproben ist zu beobachten, welch unglaubliche Ausnahmekünstlerin sie immer noch ist. Es gibt wenige Künstler, die allein durch ihre Anwesenheit eine solche Kraft und Klarheit im Ausdruck entwickeln.

Mit welchen Gefühlen wechseln Sie jetzt nach Zürich, wo Sie Direktor des Balletts werden?

SPUCK: Leicht fällt es mir nicht. Stuttgart ist meine künstlerische Heimat. Hier habe ich mit Reid Anderson und dem Stuttgarter Ballett sehr große Unterstützer und Förderer meiner Arbeit gefunden. Zürich wird ein jetzt notwendiger Neuanfang für mich, auf den ich mich sehr freue.

Stuttgart, das war das Stuttgarter Ballett, das war die eigene freie Truppe mit Marco Santi, und das war auch die preisgekrönte Arbeit für Gauthier Dance am Theaterhaus, "Poppea/Poppea".

SPUCK: Eric Gauthier hat hier was hingekriegt, was einzigartig ist in Deutschland. Man merkt, wie dem jetzt nachgeeifert wird, wenn man auf das Bundesjugendballett in Hamburg schaut, das jetzt auch in Gefängnissen, Krankenhäusern und Altenheimen tanzen möchte. Eric war der Erste, der gesagt hat, Tanz ist für alle da, und ich gehe zu den Leuten, die nicht zu uns kommen.

Werden Sie von Zürich aus auch weiter der Oper widmen?

SPUCK: Priorität hat das Zürcher Ballett. Es gibt inzwischen viele konkrete Angebote von bekannten Opernhäusern. Ich glaube, bevor ich eine Tanzproduktion woanders choreografiere, würde ich eine Regiearbeit einer Oper vorziehen, auch um dem Zürcher Ballett eine gewisse Exklusivität zu erhalten. Mit dem Zürcher Opernintendanten Andreas Homoki bin ich bereits im Gespräch über Koproduktionen. Ich habe jedenfalls Lust, weiterhin auch Opern zu inszenieren.


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Autor: WILHELM TRIEBOLD | 09.02.2012

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