Strick-Guerilla schlägt zu
München. Auf dem Sofa sitzen und Socken stricken war gestern. Die Münchner Strick-Guerilla nimmt Wolle mit auf Stadttour und strickt ein, was gerade in die Quere kommt. Sogar ein Bronzepferd erhält Stulpen.
. Es ist eiskalt. In München liegt Schnee. Nur "Castor" sitzt halbnackt auf seinem Pferd vor der Kunstakademie und trotzt der Kälte. Gänsehaut hat er keine. Castor und sein Pferd sind aus Bronze. Doch bald wird das Tier warme Fußstulpen haben - es wurde heute von den Münchner Guerilla-Strickern für deren Zwecke auserkoren. Yarnbomber - Strickgarnbomber - werden sie auch genannt. Klingt gefährlich . . . "Lets bomb!" ruft einer von ihnen, und los gehts.
Heute sind außer Klaus Dietl (36) auch Maria Cincotta (32), Veronica Burnuthian (21) und Daniel Door (27) dabei. Für Maria ist es das erste Mal - auch für ihren Hund Winston, einer, der selbst ziemlich viel Wolle mit sich herumschleppt. Stricken lernt jeder im Handumdrehen. Klaus Dietls Sporttasche ist mit Wollknäueln vollgestopft. Er drückt jedem ein Knäuel in die Hand.
Maria und Veronica kümmern sich um das linke Pferde-Hinterbein. Den Faden fädeln sie so um die Finger ihrer Hände, dass ein Maschenschlauch, ähnlich wie bei einer Strickliesel, entsteht.
"Strickliesel" - ein Reizthema für Dietl. Im Biedermeier seien die Männer froh gewesen zu wissen, dass ihre Frauen brav daheim bei der Handarbeit saßen. Aus dieser antifeministischen Ecke will er das Stricken schleunigst befreien. Dietl hat einen geschlechtsneutralen "Strick-Gugelhupf" entworfen, der freilich nach dem Strickliesel-Prinzip funktioniert.
Immer wieder bleiben Leute vor der Strick-Guerilla stehen. Sie lachen, schütteln den Kopf oder fragen: Warum macht ihr denn so was? "Genau das wollen wir auslösen, Gespräche mit Leuten", sagt Dietl. Mit Flüchtlingen und Künstlern mit Migrationshintergrund haben die Street-Art-Aktivisten zwei Telefonzellen aneinandergestrickt; mit Patienten einer Nervenheilanstalt webte Dietl wollene Texte und Symbole in einen Bauzaun.
Vergangenes Jahr leitete er ein Seminar an der Wiener Kunstakademie. Das Thema: Eignet sich textiles Material, um politische Fragen aufzugreifen? Mit Studenten strickte er während eines Protestmarsches gegen Studiengebühren einen Teppich. Jeder konnte jederzeit mitanknüpfen - Stricken als friedlicher Protest, Stricken statt Sprayen. "Was für uns auch zählt: Wir wollen uns öffentliche Plätze zurückerobern, sie spielerisch mitgestalten", sagt Dietl.
Die Finger werden langsam steif. "Oh, jetzt hast du eine Masche fallen lassen!" , ruft Maria. Wie lange das Kunstwerk wohl diesmal bleibt? Eine offzielle Strickgenehmigung haben die Bomber nicht. "Sachbeschädigung ist es aber nicht. Es wird ja nichts dauerhaft beschädigt", sagt der Künstler.
Mit einer offiziellen Beschädigungsgenehmigung hingegen bohrt die Österreicherin Christine Pavlic Löcher in Parkbänke und bestickt sie mit Herzen oder Sprüchen. Die Aufträge erhält sie nämlich mittlerweile von Bürgermeistern.
Die Texanerin Magda Sayeg und ihr Strickkollektiv Knittaplease sollen 2005 zu den Ersten gehört haben, die Strommasten, Telefonzellen oder Straßenlampen knallbunt bestrickten, um ihrer grauen Umwelt etwas Wärme zurückzugeben. "Magda Sayeg - ach ja, die ist aber nicht gerade meine Freundin", sagt Dietl. Sie betreibe Kommerz statt Kunst, weil sie bei jedem Strickwerk ihre Adresse hinterlasse und mittlerweile auch gestrickte iPhone-Hüllen verkaufe.
Dietl sieht seine Wurzeln eher bei Marcel Duchamp. "Der hat 1942 eine ganze Ausstellung mit Bindfaden eingesponnen."
Wie auch immer. Die wieder erwachte Strickeuphorie ist in den vergangen Jahren bis nach Europa herübergeschwappt. Lange Zeit war Stricken out. Junge Leute dachten dabei an Ringelsöckchen strickende Omas oder an ihre 68-Mütter, die in den Vorlesungen strickten. Jetzt stricken Männer und Frauen in Berliner Strickcafés, einige Läden verkaufen ausschließlich Gestricktes, Wollläden haben ihr Sortiment an die junge Kundschaft angepasst, und Designer toben sich mit Wolle aus.
Die Stulpen sind fertig, Castors nackter Fuß wurde mit eingestrickt. Maria hat eine Idee: "Ich würde gerne mal Werbung einstricken - ständig soll ich irgendetwas kaufen!" Sofort erzählt die quirlige junge Frau mit der tiefen Stimme und dem schallenden Lachen, was sie vergangenen Sommer gemacht hat. "An der Isar, wo ich wohne, gibts eine Frauenstatue. Die hat immer ihren nackten Busen gezeigt. Ich hab ihr mal meinen alten Bikini angezogen!"
Nach zwei Wochen trug die Statue plötzlich eine Mütze. "Das war cool! Es war wie ein Projekt, das du mit Leuten machst, die du gar nicht kennst. Mit geheimen Teilnehmern also!"
Am 8. März wird wieder gestrickt. Da ist Weltfrauentag und die Bavariastatue auf der Münchner Theresienwiese soll einen Teppich bekommen. Dietl: "Die Dame soll aus ihrer Symbolrolle heraustreten und von ihrem Sockel herabsteigen ins echte Leben."
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Autor: ISABELLA HAFNER | 28.02.2011
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Veronica Burnuthian (21), links, und Maria Cincotta (32) sind mit dabei, wenn es heißt "Let's bomb". Die Münchner Strickguerilla strickt ein, was ihr in die Quere kommt.
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