Rund um die Uhr dabei

Berlin.  Viele Millionen Tonträger verkauften die Berliner Philharmoniker. Das große CD-Geschäft aber ist vorbei. Das Weltklasseorchester hat deshalb im Internet eine faszinierende digitale Konzerthalle aufgebaut.

"Ich empfehle Ihnen einen guten Kopfhörer", sagt der Mann von den Berliner Philharmonikern am Telefon. Gut, aber einen solchen Rat hat der Klassikliebhaber, der ein Konzert des Weltklasseorchesters besuchen möchte, noch nie bekommen. Allerdings reist der Hörer jetzt auch nicht, sagen wir mal, von Stuttgart, Ulm oder Tübingen aus in die Hauptstadt, um in der berühmten Scharoun-Philharmonie eine Aufführung von Gustav Mahlers 1. Sinfonie unter Sir Simon Rattle zu genießen, sondern er sitzt am Laptop, um sich über das Internet in eine virtuelle Konzerthalle einzuklicken - auch live.

Was dann aber zu erleben ist: große Musik in bestechender Qualität. Und die Erkenntnis reift: Das ewige Problem, dass zu Hause kein Platz für die CD-Stapel vorhanden ist, wird sich bald erledigen. Dank ihres jahrzehntelangen Chefdirigenten Herbert von Karajan, der ja ein Technik-Freak gewesen war, spielten die Berliner Philharmoniker schon immer innovativ und stießen früh ins digitale Zeitalter vor. 2009 aber entdeckten sie das Internet-Geschäft und eröffneten eine "Digital Concert Hall", eine virtuelle Konzerthalle, eine Videoplattform. Gegen Bezahlung kann der Nutzer rund 30 Konzerte der "Berliner" pro Saison live hören.

Diese Mitschnitte werden anschließend in einem jederzeit abrufbaren, großartigen Konzert-Archiv gespeichert. Werkinformationen sowie Videos mit Pausengesprächen, also Interviews mit den Dirigenten und Solisten, runden das Angebot ab. Vor allem: Diese Konzertmitschnitte sind exklusiv im Netz, nicht im Fernsehen zu sehen, nicht auf CD erhältlich.

Die Berliner Philharmoniker haben dafür eigens die Produktionsfirma Berlin Phil Media gegründet, ein großes Team kümmert sich um die digitale Konzerthalle, ferngesteuerte Kameras liefern aus der Philharmonie eine ziemlich perfekte High-Definition-Aufzeichnung. Der Ton ist ausgezeichnet, sofern der Nutzer an seinem Computer über einen guten Internetzugang verfügt (DSL 6000 oder mehr wird empfohlen). Entsprechend der Bandbreite der Internetverbindung wird automatisch die optimale Qualitätsstufe der Übertragung ausgewählt - und ein guter Kopfhörer verbessert tatsächlich noch das Klangerlebnis.

"So sieht die Zukunft aus", sagt Chefdirigent Sir Simon Rattle, "die Menschen erwarten einfach, dass Kunst heute wie Wasser je nach Bedarf zur Verfügung steht." Mit großem Werberummel für die "Digital Concert Hall" sind die Berliner Philharmoniker gerade in die Saison 2010/11 gestartet, und das Eröffnungskonzert gabs nicht nur live im Internet, sondern wurde auch in europaweit mehr als 60 Kinos ausgestrahlt. Was der New Yorker Metropolitan Opera seit Jahren mit Live-Übertragungen in Kinos erfolgreich gelingt, nämlich weltweit ein großes Publikum zu faszinieren, das wollen nun auch die klassischen Konzertveranstalter versuchen. Allen voran die Berliner Philharmoniker, die mit Martin Hoffmann einen neuen Intendanten haben, der zuvor die Fernsehproduktionsfirma MME leitete (und auch "Bauer sucht Frau" herausbrachte).

"Wir müssen die Musik an Orte bringen, wo sie nicht zu Hause ist", sagt Medienmanager Hoffmann auf der Suche nach neuem Publikum. Pech nur, dass beim Eröffnungskonzert vergangenen Freitag der Andrang der Nutzer derart groß war, dass mancher potenzielle Hörer wegen der Überlastung des Servers nicht einmal bis zur Internetseite der digitalen Konzerthalle vordringen konnte. Der Fluch des Erfolgs.

Mittlerweile haben sich 40 000 Interessierte in der Digital Concert Hall registriert, und die Berliner Philharmoniker rechnen damit, bald die Zahl von 4000 Abonnenten zu erreichen, sagt "Creativ Producer" Frank Christoph - in die Philharmonie am Kemperplatz passen nur 2440 Zuhörer. Das nächste Live-Konzert steht übrigens am 12. September, 20 Uhr, an, Rattle dirigiert Igor Strawsinsky "Pulcinella"-Suite. Der Countdown läuft: "Der Konzertsaal öffnet 11T:7S:51M:46S", hieß es gestern Mittag im Internet.

Aber was das Konzertarchiv derweil alles zu bieten hat: Schönbergs "Gurrelieder" zum Beispiel mit Jonas Kaufmann, dirigiert von Claudio Abbado. Oder die 5. Sinfonie von Jean Sibelius unter Rattle. Und das rund um die Uhr.


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Autor: JÜRGEN KANOLD | 02.09.2010

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