Lohnende Entdeckung: Jommellis "Berenike" an der Oper Stuttgart

Eine umjubelte Ausgrabung aus der Frühklassik an der Oper Stuttgart: Nach rund 250 Jahren ist wieder eine Inszenierung von Niccolò Jommellis "Berenike, Königin von Armenien" zu erleben.

JÜRGEN KANOLD |

Die Trainingsjacken und Freizeitklamotten ausgezogen und reingeschlüpft in pseudo-antike Kostüme, Tücher über die Schulter geworfen, Schwerter umgeschnallt: Spielen wir Oper, irgendsowas über einen römischen Regenten namens Lucio Vero, der sich in die Braut (Berenice) seines totgeglaubten Feindes (Vologeso) verliebt. Vor einer eher hässlichen Hinterhoflandschaft hängen Säulen-Attrappen aus schwerem Stoff herunter, billig, aber gut für die Illusion. Auch halten sie Fußtritte aus. Die breite Marmor-Treppe davor sieht wiederum ziemlich echt aus und führt: zu einem Orchester, zu Instrumentalisten aus Fleisch und Blut, in eine wunderbare Welt wiederbelebter Musik, die alle bewegt, aufwühlt.

Ganz so geradlinig geht's natürlich nicht zu, wenn das intellektuell beschlagene Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito Regie führt, es will kein durchmotiviertes, rein doppelbödiges Theater im Theater bieten oder die Figuren mit einem Seifenopern-Privatleben motivieren. Vieles bleibt bewusst zeichenhaft, es ist ein im Wortsinne herausragendes Spiel, mit ernsten und komischen Situationen. Anna Viebrock hat für diese Inszenierung von Niccolò Jommellis "Berenike, Königin von Armenien" auch keinen ihrer magisch-realistischen Schauplätze gebaut, sondern eine Als-ob-Kulisse, einen weit geöffneten Rätsel-Raum, garniert mit Versatzstücken aus Tintorettos Gemälde "Die Fußwaschung" von 1549.

Es ist Kunst, vielleicht auch eine betont manieristische, um ein uns fremdes, nicht unkompliziertes historisches Werk aus der Übergangszeit zwischen Spätbarock und Klassik vorzustellen, uns dafür zu interessieren - aber nicht nur als Museumsbesucher. Andererseits ist der Ansatz dieser Inszenierung so einfach wie bezwingend, um eine vergessene Oper aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ins Heute zu holen: Ja, wir spielen sie! Jetzt! Es lohnt sich. Und Barrieren zur Musik gibt es keine, der Weg zum hoch aus dem Graben gefahrenen, sehr präsenten, von Gabriele Ferro emphatisch dirigierten Staatsorchester ist frei - das ist ein schönes Bild.

Wie soll man dieses 1766 in Ludwigsburg uraufgeführte, von Herzog Carl Eugen bei seinem weltberühmten "Oberkapellmeister" Jommelli bestellte Werk auch auf die Bühne bringen? Damals mussten in dem erst 1765 eröffneten, in kürzester Zeit aus Holz gezimmerten, 3000 Zuschauer fassenden Opernhaus des Regenten auch 200 Soldaten antreten für eine Arena-Szene. Brot und Spiele, nicht nur im alten Rom, sondern auch für den größenwahnsinnigen wie unterhaltungsbedürftigen württembergischen Herzog. Der Zirkus läuft nun etwas anders ab, ironisch, gebrochen. Da will also Lucio Veros Vertrauter Aniceto (Igor Durlovski wechselt lustig zwischen Countertenor und Bass) den Partherkönig Vologeso den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen, und Berenice stürzt herbei, um mit ihm zu sterben - und das passiert mit und geradezu in der Musik: zwischen agierendem Orchester und Publikum im Zuschauerraum, mit Löwengebrüll aus dem Off.

Es geht um kein dekoratives Spektakel, man muss auch nicht den Jommelli mit überdrehten Gags befrachten, um ihn zu ertragen. Es wirkt die verblüffend frühklassische, damals sehr moderne Musik. Gabriele Ferro treibt kraftvoll an, in Richtung Mozart, hat das Material geschickt arrangiert, zwischen Streichquartett-Archaik und Tutti-Wucht. Was die erstaunlich diffizilen Accompagnati aussagen und die weit ausholenden, teils sehr virtuosen Arien ermöglichen, ist tatsächlich eine Seelenschau in der Oper. Liebe und Eifersucht, Treue, Zuversicht und Verlust: Alles da.

Das Ensemble begeistert: Sebastian Kohlhepp als lyrisch-heldischer Lucio Vero, der mit Koloraturen-Ketten fesselt; Sophie Marilley als sehr ernsthafter Vologeso, Ana Durlovski als tapfer leidende Berenice mit klar fokussiertem Sopran, Helene Schneiderman als gewitzt erfahrene Lucilla, Catriona Smith als hypernervöser Flavio, den Jommellis motorisierender Rhythmus heftigst zucken lässt.

Auch wenn sich die jungen Leute in einem Friede-Freude-Eierkuchen-Finale wieder die Trainingsjacken überstreifen, die Musik hat sie drei Stunden lang ziemlich durchgeschüttelt - geradezu mitgenommen. So macht das Wirkung auch auf uns Zuschauer.

Saison 2015/2016

Der neue Spielplan Vor der Premiere von "Berenike" stellte Intendant Jossi Wieler am Sonntagnachmittag im Schauspielhaus die sechs Neuinszenierungen der kommenden Saison 2015/2016 vor. Im Schauspielhaus? Die Ortswahl war eine Reverenz an den Partner im Staatstheater Stuttgart: Calixto Bieito wird im Januar 2016 Henry Purcells Semi-Oper "The Fairy Queen" nach Shakespeares "Sommernachtstraum" spartenübergreifend auf die Bühne bringen. Zum Saisonstart im Herbst inszeniert das Duo Wieler/Sergio Morabito einen Klassiker: Beethovens "Fidelio". Die zweite Premiere des Intendanten wird Bellinis Belcanto-Hit "I Puritani" sein (mit Gabriele Ferro am Pult). Kirill Serebrennikov, einer der spannendsten russischen Regisseure der Gegenwart, inszeniert die "Salome" von Richard Strauss, und Susanne Kennedy zeigt Philippe Boesmans' Oper "Reigen".

Hommage Als Hommage an Gerard Mortier, den verstorbenen Intendanten des Teatro Real Madrid, bringt die Oper Stuttgart als Koproduktion Christoph Marthalers Inszenierung von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" heraus; es dirigiert Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling, der auch "Fidelio" und "Reigen" einstudieren wird.

 

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Kotzhügel und Zaun: Botschaften ...

Das Tanzen auf den Tischen ist nicht erlaubt. Foto: Felix Hörhager

Der Besuch des Oktoberfestes kann ein großes Abenteuer sein. Damit alles glatt geht, geben einige Botschaften ihren Landsleuten nützlich Ratschläge an die Hand. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr