Jeder ist ein Musikant

Ulm.  Das Liederprojekt von Carus-Verlag und SWR 2 verbindet Menschen - nun auch durch Kinderlieder. Das Mitsing-Konzert im Ulmer Stadthaus zeigte zum Auftakt: Singen macht stark, Singen macht Spaß.

Vorsicht, Mitsing-Falle. "Wer kennt dieses Lied?", ruft Hans de Gilde, Chorleiter der Ulmer Spatzen, ins vollbesetzte Stadthaus und hebt die Noten von "Es war eine Mutter" in die Höhe. "Die können gleich mitsingen." Dutzende stimmen ein, doch das reicht de Gilde nicht. "Jetzt alle bitte!" Gleich ertönt das Lied gutgelaunt aus 400 Kehlen. Ja, so ansteckend ist gemeinsames Singen - genau darum ging es gestern im Ulmer Stadthaus beim Mitsing-Konzert von Carus-Verlag, SWR 2 und SÜDWEST PRESSE, und genau darum geht es beim gesamten Benefiz-Liederprojekt, das nun in die dritte Runde geht: mit Kinderliedern.

"Heut ist ein Fest", erklang als Kanon - das war es tatsächlich, schließlich waren vom Kindergartenkind bis zur Ur-Oma alle dabei; nur die "Tante aus Marokko" fehlte, aber die wurde dafür beherzt besungen. Es geht beim Liederprojekt eben ums Miteinander durch Musik. "Hier und heute stimmt das nicht, aber es wird zu wenig gemeinsam gesungen in den Familien, Kindergärten und Grundschulen", sagte Johannes Graulich, Kinderarzt und Geschäftsführer des Carus-Verlags. Und so hatte er, angeregt durch den Sänger Cornelius Hauptmann, 2009 das bundesweite Liederprojekt ins Leben gerufen. Zunächst standen Wiegenlieder im Mittelpunkt, es folgten Volkslieder, und nun Kinderlieder.

Mehr als 100 namhafte Künstler von Jonas Kaufmann bis Peter Schreier haben sich bislang beteiligt. Da pro verkaufter CD zwei Euro gespendet werden, sind 200 000 Euro zusammengekommen: für insgesamt 18 Vorhaben, die das Singen mit Kindern fördern, vom Chor im Jugendzentrum bis zur Musiktherapie in der Kinderpsychiatrie.

Gleich 300 junge Künstler haben nun an den drei Kinderlieder-CDs mitgewirkt: Mädchen und Jungen von zehn Kinderchören, von den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben über Leipziger Thomaner-Anwärter bis zu den Ulmer Spatzen. Hinzu kommen wieder namhafte Solisten wie Angelika Kirchschlager, Helene Schneiderman und Michael Volle, der - wie passend - von seiner Tochter Ann-Sophie am Klavier begleitet wird. Eben ein generationenumfassendes Vorhaben: Die fünfjährige Johanna von den Tübinger Neckarschwa(l)ben singt "Alle meine Entchen", der große Bass Kurt Moll (73) ist mit "Winter ade" zu hören.

Sechs Studios, 22 Aufnahmetage, 356 Stunden Produktion - das Kinderlied-Projekt bietet beeindruckende Zahlen. Entsprechend gelungen sind die CDs mit ihren oft süffigen Arrangements und reizvollen Interpretationen, das hübsch illustrierte Begleitbuch inklusive toller Mitsing-CD (von Carus und Reclam) und die Notenhefte. SWR 2 wird ein Jahr lang jeden Samstag ab 16 Uhr das jeweilige Kinderlied der Woche senden, im Internet gibt es reichlich Begleitmaterial, die SÜDWEST PRESSE ist jede Woche mit einer Kinderlied-Geschichte dabei.

"Singen macht stark", lautet das Motto, und die Sopranistin Sarah Wegener, die in diesem Jahr bei den Schwetzinger Festspielen in der Titelpartie der zeitgenössischen Oper "Bluthaus" von Georg Friedrich Haas glänzte, erläuterte das gestern: "Singen hilft, weil es aus einem selbst kommt, weil wir selbst unser Instrument sind und dabei eine Wärme durch uns hindurchströmt." Mit dem "Bi-Ba-Butzemann" zeigte sie, dass auch Spaß durch einen hindurchströmt, und bei "Ich bin ein Musikante" sangen alle mit - jeder ist ein Musikant.

"Singen fördert den Teamgeist" erklärte Dirigent de Gilde, dessen Spatzen prominent auf den CDs vertreten sind; 14 Mitglieder von Vor- und Kinderchor gaben im Stadthaus bei dem von SWR-Journalistin Verena Hussong moderierten Konzert Kostproben ihres Könnens. Und das Publikum ließ sich sogar zu einem sechsstimmigen Kanon mitreißen. Da war Jürgen Kanold, Kultur-Ressortleiter der SÜDWEST PRESSE, baff: "Ich habe als Opernkritiker schon viel erlebt, aber dieser Chor schlägt alles."

"Singen stärkt das Selbstbewusstsein", erläuterte Friedhilde Trüün, die das Kinderlied-Buch herausgegeben hat, "nicht zuletzt durch den Applaus". Den gab es reichlich, für die Künstler und für ein rundum gelungenes Projekt.


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Autor: MAGDI ABOUL-KHEIR | 04.10.2011

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