Interview mit dem Cartoonist Peter Gaymann

Peter Gaymann hat es geschafft: 70 Comic-Bücher, viele davon vergriffen, dazu alle zwei Wochen ein Cartoon in einer großen Frauenzeitschrift. Jetzt stellt er sogar im Kunstmuseum aus. Dort trafen wir ihn.

CLAUDIA REICHERTER |
Cartoonist Peter Gaymann hat zum 65.Geburtstag sein Kölner Atelier leergeräumt und die Einrichtung nach Freiburg geschafft. Dort eröffnete am Tag danach, am 27. Juni, die erste Ausstellung seiner Arbeiten in einem Kunstmuseum. Weil die Schau in dem vor 30 Jahren eröffneten Museum für Neue Kunst in der ehemaligen Mädchenbürgerschule vielfältig und originell ist, treibt sich der Mann mit der Baskenmütze dort selbst gern herum. Außerdem ist er in Freiburg geboren. So wird er auch bei seinem Besuch zur langen Museumsnacht sogleich von einem ehemaligen Studienkameraden angesprochen. An jenem Wochenende Ende Juli hat Gaymann einen vollen Terminkalender: besichtigt mit Kuratorin Isabel Herda nochmal die sechs gemeinsam konzipierten und zum Teil – etwa, damit sein Original-Atelier oder ein eigens geschaffener Fake-Shop genau reinpassen – extra verkleinerten Räume samt  „Kunst am Meter“, Cartoonwerkstatt und 99 an die Wand zu beamenden Comics.
 
Danach geht es zum Büchersignieren in den Innenhof. Gaymann benutzt dazu einen Stift, der „vielleicht nicht so lichtecht ist, aber dafür gut läuft“, damit die Hand nicht schwer wird. Denn er zeichnet zu jeder Widmung individuell passende Hühner. Für Iris eins mit Blume, und fürs Hochzeitspaar Max und Sandra sogar zwei. Mit rotem Herz. Zwei Stunden später zeichnet der Autodidakt live open air vor einer sich dicht drängenden Fanschar auf große Flipchart-Bögen und stellt sich Fragen von Kuratorin Herda und Kunstprofessor Michael Klant. Der nächste Termin ist um 22.45 Uhr, wieder zeichnet und signiert er im Museum.
 
Tags drauf führt der 65-Jährige um die Mittagszeit ein befreundetes Paar und dessen Gäste durch seine Ausstellung „Kunst kommt von kaufen“. Dazwischen nimmt er sich Zeit für ein Interview in seinem ausgelagerten Atelier. Das Original in Köln wurde zunächst frisch gestrichen. Nun richtet er es neu ein.
 
Runde Geburtstage sind ja oft Momente, an denen man innehält und auf sein bisheriges Leben zurückblickt. War Ihr 65. ein Tag, an dem Sie eher voraus- oder zurückblickten?
PETER GAYMANN: 65 ist herkömmlicherweise verbunden mit dem Schritt ins sogenannte Rentenalter, was jetzt einen Künstler zum Glück nicht so interessiert, aber da wirft man schon einen Blick zurück und nach vorn: Was kommt noch, was passiert noch? Was kannst du überhaupt noch machen, wieviele Jahre hast du noch? Da war schon so ein bisschen Rückblick, aber die Ausstellung und das ganze Fest hier sind eher zukunftsorientiert. Ich hab zwar hier mein Atelier reingestellt, aber es ist keine Retrospektive. Nicht nach dem Motto, „die 200 besten Cartoons aus Gaymanns Zeichnerleben“ oder sowas. Dies ist eine thematische Ausstellung, die  mal ganz anders aufgebaut ist und so ein bisschen meine anderen Seiten zeigt. Normalerweise sagen die Leute „Gaymann und Huhn – fertig“, aber dass ich auch etwas konzeptioneller denke, dass ich Objekte habe, dass ich Collagen mache und Reisezeichnungen, wird vielerorts gar nicht wahrgenommen.
 
In einem Interview anlässlich Ihres 60. Geburtstags sagten Sie, es sei Ihr Traum, auch mal was Ernstes zu machen. Ähnlich wie ein komödiantischer Schauspieler gern auch mal ernste Rollen spielen will. Erfüllen Sie sich mit dieser Freiburger Ausstellung diesen Traum? Der Titel „Kunst kommt von kaufen“ verweist auf eine durchaus ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kunstmarkt...
GAYMANN: Der Titel kann satirisch und selbstironisch verstanden werden, denn man ist ja immer auch Teil eines solchen Systems, nimmt teil an diesem Markt, hat ja auch einen Marktwert. Die Frage, die sich hier stellte, ist: Werde ich jetzt dadurch, dass ich ins Museum komme, zum Künstler? Oder ist man halt nach wie vor so Unterhaltungskünstler, wie man das in Deutschland ist, wenn man Karikaturen macht oder Cartoons. Man kommt nicht ohne Weiteres als Zeichner ins Museum. Weil das eine sind Cartoons, das andere ist Kunst. Da wird immer noch sehr stark getrennt.
 
In Basel gibt es aber ja das schöne Cartoonmuseum...
GAYMANN: Das sind dann Spezialmuseen, klar, da gibt es auch in Hannover das Wilhelm-Busch-Museum und noch paar Anlaufstellen, die Caricatura... da kommen dann die Zeichner und die Karikaturisten rein, aber in den anderen, die Kunst zeigen, da ist man erstmal nicht vorgesehen. Auch viele Galerien haben immer noch einen Fokus auf Kunst, zeigen keine Comics oder Cartoons. Das ist etwas besser geworden, aber ich kann mich an Zeiten erinnern, als ich in Galerien gezeigt wurde und die Leute haben zu dem Galeristen gesagt, „musst du jetzt schon so’n Scheiß ausstellen?“...
 
Deutet der fingierte Museums-Shop am Eingang Ihrer Freiburger Ausstellung darauf hin, dass Sie als Zeichner immer noch in der Gebrauchskunstsparte stecken?

GAYMANN: Karikaturisten und Cartoonisten erstellen erstmal oft Auftragsarbeiten, arbeiten ja oft für Medien, für Zeitschriften, Zeitungen, Buchverlage, also es ist eine andere Wiedergabe, die auch vom Publikum her ganz anders wahrgenommen wird. Ich bin nicht darauf angewiesen, dass meine Bilder als Originale gezeigt werden, hab’ Veröffentlichungen zum Teil in riesigen Auflagen. Das Publikum kommt an meine Sachen auf eine Art und Weise heran, dass es das konsumieren oder auch schön finden oder an die Wand hängen kann. Ob das jetzt Kunst ist oder nicht, wollt’ ich jetzt gar nicht mehr diskutieren. Aber interessant ist, dass ich mir in dem Moment, wo ich mich als Karikaturist wie im Buch „Reif fürs Museum“ mit dem Thema Kunst auseinandersetzte, fast schon selbst den roten Teppich ins Museum ausgerollt habe. Vereinfacht gesagt: Wenn du Lehrercartoons zeichnest, landest du im Lehrerkalender, wenn du Ärztecartoons zeichnest, kannst du in Arztpraxen ausstellen. Und wenn du Kunstcartoons zeichnest, landest du plötzlich im Museum. Hätte mich das Museum auch genommen ohne das? Hätte es gesagt, Gaymann hat einfach 40 Jahre lang schöne Cartoons gemacht, die zeigen wir jetzt mal? Weiß ich nicht. Das ist ja eine thematische Ausstellung und da passt natürlich alles ganz gut zusammen: meine Arbeit, meine ganze Lebenserfahrung, die da reinfließt, meine Vielfältigkeit. Aber auch das Museum hat wohl ein Interesse daran, sich selbst zu spiegeln, und sich zu sagen, "wir holen uns einen, der uns zeigt, wie's bei uns so aussieht". Also man braucht sich gegenseitig in dieser Hinsicht.
 
Ihre Herkunft spielte da vielleicht auch eine Rolle.
GAYMANN: Ja, ich bin in Freiburg geboren, und ich hab mich auch sehr gefreut, dass das jetzt hier stattfindet, aber ich mache diese Art von Ausstellung jetzt auch in anderen Museen. Es wird da eine Nachfolgeausstellung im Stadtmuseum von Hofheim im Taunus bei Frankfurt geben, von 15. November an, und nächstes Jahr ab März eine im Stadtmuseum Bayreuth. Sie alle haben auf dieses Thema Kunst reagiert. Was hier wirklich schön war: dass es eigentlich ein Heimspiel war, dass das Museum für mich eine Woche lang wie so ein Meetingpoint war, dass viele Freunde, Bekannte zum Teil noch aus der Schulzeit, der Studienzeit, ich hab hier ja noch meine Brüder, dazugekommen sind. Man hat sich wieder gefunden. Es war wie eine Kommunikationsmaschine, das fand ich richtig klasse...
 
Was waren die wichtigsten Eckpunkte in Ihrem Leben?
GAYMANN: Da kann ich ein paar nennen, klar, also dass ich hier in Freiburg geboren bin, ist ein wichtiger Punkt. Dass ich hier meine Schulzeit verbracht habe. Dass ich hier auch die Anfänge meiner Zeichnerei hatte. Dass ich das aus mir heraus geschafft hab‘, indem ich das ohne Sponsoren, ohne Unterstützung der Eltern, ohne irgendwelche Stipendien oder sonstwas, ohne Kunststudium einfach gemacht habe.
 
Sie haben ja Sozialpädagogik studiert.
GAYMANN: Ja, genau. Das hat jetzt vielleicht am Rande damit schon was zu tun, weil natürlich immer alles zusammengehört. In meinen ersten Zeichnerjahren hab ich hin und wieder für Jugendliche und an der VHS Zeichenkurse angeboten. Da hatte ich natürlich durch meine Ausbildung eine Ahnung davon, wie man auf die Leute zugeht.
 
Ich habe gelesen, dass Sie schon als junger Mensch Tomi Ungerer sehr bewunderten, der ja aus dem Elsass in direkter Nachbarschaft zu Freiburg stammt, und sich fragten, wie man Cartoonist wird, und sich nach dem Studium einfach gesagt hätten, ich mach das jetzt einfach mal zwei Jahre lang und schau, was passiert...
GAYMANN: Ich hatte ja keine Ahnung und auch keine wirkliche Unterstützung. Ich hatte zwar schon Kontakte geknüpft zu freien Künstlerkreisen hier in Freiburg und da Gleichgesinnte getroffen. Da hat man mal zusammen kleine Ausstellungen organisiert. Das war die Keimzelle. Von der Badischen Zeitung erhielt ich dann die ersten Presseaufträge, war jeden Samstag erstmal  in der Wochenendbeilage drin. Der nächste größere Eckpunkt für mich war dann allerdings der Weggang von Freiburg.
 
Mitte der 80er Jahre zog es Sie von der Heimat weg…

GAYMANN: Als ich gerade langsam meine ersten Erfolge hatte, bin ich für fünf Jahre nach Italien gegangen. Das war ein großer Schritt, denn ich hatte eine junge Familie, ein Kind mit 5 oder 6 Jahren, das gerade eingeschult werden sollte. Trotzdem hab ich hier alle Zelte abgebrochen und bin nach Italien gezogen.
 
Was war dafür der Auslöser?
GAYMANN:  Erstens war da der Wunsch, mal aus diesem Nest Freiburg rauszukommen, und zu diesen Verbindungen und Vernetzungen auf vielerlei Ebene, die noch so studentisch waren, Abstand zu bekommen. Zweitens war da als Freund und Fan von Cinecittà, den Fellini-Filmen, und Büchern und Filmen von Pasolini schon immer dieses Sich-hingezogen-fühlen zu Italien, zu Rom vor allen Dingen. Rom war so ein bestimmter Sehnsuchtsort für mich. Ich bin froh, dass ich meine Familie überzeugen konnte, dass sie mitgeht. Dabei konnte ich damals gerade zum ersten Mal in meinem Leben hier von meiner Arbeit leben.
 
Ist es egal, wo Sie arbeiten?
GAYMANN: Heute schon. Damals war das noch schwieriger, denn da gab es zum Teil ja noch nicht mal Fax oder so. Geschweige denn Computer oder irgendwas. Ich musste jedes Original mit der Post anfangs noch von Rom nach Deutschland schicken. Das war schon nochmal ein bisschen mühseliger, aber es ging, es hat funktioniert, und die fünf italienischen Jahre haben mich sicher auch geprägt.
 
Was war nach fünf Jahren der Grund für Ihre Rückkehr? Die Schullaufbahn der Kinder?

GAYMANN: Nein, das war okay, meine Tochter war dort in der deutschen Schule, hat aber auch schon ganz schön Italienisch gesprochen. Das war also kein Problem. Und mein Sohn, der Julian, ist ja in Rom geboren. Der war drei, als wir wieder zurück nach Deutschland zogen. Das war eine Familienentscheidung. Jeder hatte seine Meinung: Ich wäre gern noch länger geblieben, aber meine Frau wollte nach Deutschland zurück. Beruflich bin ich bin damals viel hin- und hergeflogen. Wenn man in Italien lebt und in Deutschland veröffentlicht, da fehlen einem manchmal schon bestimmte Themen. Oder bestimmte Feinheiten. Als Cartoonzeichner bist du ja auch viel auf Beobachtungen angewiesen.
 
Das heißt, Sie hätten dann mit der Zeit eher italienische Cartoons zeichnen müssen mit italienischen Themen...?
GAYMANN: Das hab ich zum Teil gemacht für italienische Zeitungen, aber nicht im großen Stil. Dafür hätte ich noch verschärfter Italienisch beherrschen müssen. Es ist teilweise auch ein anderer Humor und eine andere Umgangsweise. Dass ich damals in Deutschland schon Postkarten in Millionenauflage verkaufen, Bücher machen und für Tageszeitungen arbeiten konnte, war ein großer Vorteil, sonst hätte ich mir das gar nicht leisten können.
 
Zeichneten Sie damals auch schon für die „Brigitte“?
GAYMANN: Die „Brigitte“ kam erst gegen Ende meiner Rom-Zeit. Das ist schon toll, da immer noch gleich nach der Inhaltsangabe vorzukommen, in jedem Heft. Das fing gegen 1990 an. 2015 haben wir das 25-Jährige gefeiert. Wir haben einen Vertrag mit halbjährlicher Kündigungsfrist. Keiner hat sie bisher beansprucht.
 
Sind Sie froh, dass Ihre Frau Ihnen immer wieder Probleme liefert als Stoff für Ihre „Brigitte“-Serie  „Die Paar Probleme“?
GAYMANN: (lacht) Es ist immer eine Mischung bei solchen Geschichten: Ich verwerte eigene Erfahrungen, aber auch die von Freunden. Was man liest, was man hört. Es ist einfach das große Thema Paarsein, Beziehungen pflegen, Junge, Alte, Kinder… Man schöpft immer aus dem, was man hat oder kennt oder mal gehört hat. Ich hab natürlich nicht alles selbst erlebt. So viele Probleme kann einer ja gar nicht aushalten (lacht). Aber auch ich hatte meine Probleme, wie jeder andere auch. Ich finde es gut, wenn man mit einem Thema  vertraut ist, aber doch eine gewisse ironische Distanz wahren kann. Humor hilft prinzipiell oft, eine Art Perspektivwechsel vorzunehmen. Damit du nicht in deinem Leid oder der Verzweiflung des Lebens erstarrst, sondern sagst: Kuck dich mal von außen an, dann bist du auch nur einer von vielen und das, was Dein Problem ist, haben viele andere auch. Da bist Du schon mal nicht mehr alleine... Humor ist einfach eine Lebenshaltung, und ich versuche das so zu vermitteln. Nicht, dass ich den Paaren sagen würde: Kuckt ihr Deppen euch mal an, ihr kriegt ja nicht mal ne Ehe hin. Sondern ich zeig's immer so, dass das auch ich sein könnte. Oder dass es einfach menschlich ist. Das nehmen die Menschen an. Das erfahre ich immer wieder mal  in Gesprächen oder bei Signierstunden. Die Leute sagen, wir haben das Gefühl, du sitzt bei uns in der Küche und schreibst mit. Aber auf der anderen Seite fühlen wir uns nicht beleidigt oder von dir angegriffen, sondern wir können da auch drüber lachen oder das einfach so wirken lassen...
 
Das ist ja auch das Frappierende bei Ihren Hühnern, dass die Frauen sich da offensichtlich überhaupt nicht angegriffen fühlen...
GAYMANN: Nee, war noch nie ein Problem, das würde ich hier sonst verraten. Es kam noch nie irgendeine Frau zu mir, die gesagt hätte, bist du wahnsinnig, du zeichnest uns hier als Hühner? Ich meine, ich zeichne die Männer auch als Schweine. Es ist halt 'n Tier. Aber grade Frauen haben immer unglaublich positiv auf diese Sachen reagiert.
 
Wie kam es, dass das Huhn so eine Vorrangstellung in Ihrem Universum einnahm, dass das zum Huhniversum wurde? Sie haben früher ja auch ganz viele andere Tiere gemalt. Weil es leicht zu zeichnen ist?
GAYMANN: Es ist eher zufällig entstanden, so viel kann ich mit Sicherheit sagen. Es war keine bewusste Entscheidung, dass ich gesagt hätte, ich brauche jetzt eine Marke, ein Markenzeichen, ein bestimmtes Tier oder sonst irgendwas, damit ich mich von anderen unterscheide. Ich hab einfach versucht, überhaupt zu zeichnen. Im Prinzip sind diese Hühnerzeichnungen im Rahmen meiner Badischen-Zeitungs-Cartoons entstanden. Damals hab ich da jeden Samstag Tierwitze dringehabt, ganz viele unterschiedliche Tiere gezeichnet, von Schnecken über Ratten über Mäuse, Bären, Hunden und so - dann kamen da eben auch ab und zu Hühner zum Vorschein.  Das Komische war eher, dass das Publikum immer so verschärft auf diese Hühner reagiert hat, als ob sie die rausgefiltert hätten von den anderen Dingen. So geht es mir heute manchmal noch, dass zu mir gestandene Frauen kommen und sagen, ich bin soo ein Fan von Ihnen, ich lese seit 20 Jahren die „Brigitte“ und ich hab alle Hühnercartoons daraus.  Dabei hab‘ ich noch nie ein Huhn für die „Brigitte“ gezeichnet (lacht).
 
Stimmt, das sind ja „Die Paar Probleme“...
GAYMANN: Und das sind Menschen, ja? Ich hab auch die verschiedensten Bücher gemacht mit Menschen. Ich hab mit Katzen ein Buch gemacht, mit Schweinen, ich mach' es so, wie's mir gefällt. Aber die Hühner, das war so "buff, das ist jetzt Gaymann!". Ja, gut, dann war's halt so. Ich meine, ich bin nicht schlecht damit gefahren. Diese Hühnersachen hatten komischerweise immer mehr Erfolg. Mehr Käufer. Obwohl ich nie das Gefühl hatte, ich hab da jetzt ‘nen anderen Humor oder so. Es muss also auch was mit dem Betrachter zu tun haben. Oder mit der Zeit oder mit was auch immer. Mit dem Tier, das vielleicht als Cartoontier vorher noch nicht so häufig da war. Irgendwas muss es ja sein, was die Leute zum Lachen reizt - oder zum Kaufen.
 
Was haben Sie gegen Knäckebrot?
GAYMANN: (lacht hell auf) Wegen des Zitats „Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot“? Beim Kulinarischen kommen immer zwei Dinge zusammen: die Lust am Essen und die Angst vorm Dickwerden (lacht). Deshalb haben Koch- und Diätbücher die höchsten Auflagen. Dieses Spannungsfeld ist auch ein Thema für Cartoonzeichner. Da hab ich dann Leute nicht nur beim Essen gezeigt, sondern auch auf der Waage stehend, auch das gehört zum menschlichen Leben dazu. Da kam halt dieser Text einfach mal so, das kann man nicht erklären. Die Texte entstehen manchmal beim Zeichnen, beim Überlegen, manchmal erst Wochen später.  Aber ich habe eigentlich nichts gegen Knäckebrot. So wie ich auch nichts gegen Vegetarier habe, aber trotzdem mal’n Vegetarierwitz machen muss. Wenn man heutzutage ein bisschen aneckt, ist das meist gar nicht die große politische Nummer, sondern wenn man was gegen Vegetarier sagt. Oder wenn man beim Zeichnen irgendwie eine Katze bisschen blöd behandelt. Da kommt dann eher schon mal'n verschärfter Tonfall, wenn mir jemand schreibt. Aber auch das hält sich in Grenzen, das ist schon okay.
 
Eine ernste Frage: Wie gehen Sie mit Drohungen und Gewalt gegen Kollegen etwa vom französischen Satiremagazin Charlie Hebdo um? Ist das etwas, was einem als Karikaturist Angst macht, oder entsteht da sogar eher sowas wie eine Trotzreaktion?
GAYMANN: Also, ich bin ja nicht unbedingt unter dem Stichwort "politisch" einzuordnen, sondern behandle eher gesellschaftliche oder Zeitgeist-Themen. Aber natürlich reagiert man auf solche Sachen ganz stark. Einen Cartoon dazu habe ich in einem Raum des Freiburger Museums an die Wand gezeichnet. Das hatte ich direkt am Tag des Anschlags auf Charlie Hebdo gezeichnet. Du musst nicht unbedingt Zeichner sein, dass du denkst, scheiße, jetzt erwischt's da eine ganze Reihe von Kollegen auf so eine Art und Weise, die sie nicht verdient haben. Egal, wie sie nun ihre Sachen machen. Das Attentat hat mich sehr traurig gemacht und auch fast ein bisschen hilflos. Es ging mir früher schon mal so, als Tschernobyl in die Luft gegangen ist. Da dachte ich, was willst du denn als Karikaturist noch übertreiben? Die Wirklichkeit haut immer noch eins mehr drauf, ist immer noch brutaler, oder? So ging’s mir bei Charlie Hebdo jetzt auch. Ich hatte da schon ein, zwei Tage, an denen ich kaum arbeiten konnte und wie gelähmt war. Es ging mir nicht so wie manchen anderen, die sofort in die Aggression geh‘, ich kam eher ins Nachdenken. Trauern. Und natürlich hab ich viel mit Menschen darüber diskutiert, wie man damit umgeht.  Ich war auch mit verschiedensten Kollegen an einer Gruppenausstellung in Köln zu diesem Thema beteiligt. Insofern bin ich manchmal doch politisch, in Anführungsstrichen. Als Zeichner stoße ich persönlich selten an solche Grenzen. Es gibt ja außer diesen religiösen Themen kaum welche, wo dir einer an die Wäsche geht. Dass mal einer eine einstweilige Verfügung startet, oder sagt, er fühlt sich beleidigt oder nicht verstanden, das ist normal. Aber dafür ist man eben Satiriker und will auch mal was übertreiben. Das muss ich natürlich schon dürfen, wenn ich diesen Beruf habe. Manchmal hab ich schon Sachen ausgestellt, wo ich dachte, wenn da jetzt einer ganz streng ist, sagt der vielleicht, der ist jetzt auch fällig... Ich bin aber nicht ängstlich. In dem Sinne, dass ich sowieso eher ein optimistischer Typ bin, keiner, der sich verkriechen würde. Aber ich bin auch keiner, der um des Provozieren Willens unbedingt meint, jetzt müssen wir denen erst recht eine draufgeben oder noch härter werden. An so einer Eskalation liegt mir nichts. Im Gegenteil, ich wäre interessiert daran, solche Probleme kommunikativer zu lösen. Zu entzerren statt zuzuspitzen. Aber es gibt in der Zeichnerwelt durchaus Kollegen, die sind da anders gestrickt. Da gibt es Leute, wie in der Musik, die sind Punker, die andern sind Jazzer, die andern Volksmusiker, wieder andere sind Liedermacher und so. Da gibt es unterschiedliche Herangehens- und Ausdrucksweisen. Und wenn du ein Hardrocker bist, bist du halt anders drauf. Deshalb darf man auch die Zeichner jetzt nicht über einen Kamm scheren und fragen, was sagt ihr dazu? Wir sind ja auch ganz unterschiedlich.
 
Der Titel dieser Freiburger Ausstellung spielt auf den explodierenden Kunstmarkt an. Wie stehen Sie dazu?
GAYMANN: Ja, das passt natürlich jetzt schon. Das ist vielleicht ein Ausdruck dieser Zeit. Manchmal gibt es ja Dinge, die liegen förmlich in der Luft und da reagiert man drauf. Ich hab das immer verfolgt, denn ich schaue ja nicht nur Cartoons an, sondern auch andere Ausstellungen und lese Bücher, interessiere mich für Kunst. Und es hat mich zum Teil immer mehr geärgert, verunsichert, oder einfach gelangweilt. Was mit Kunst da jetzt so alles angestellt wird: Angefangen damit, dass man Kunst wie eine Aktie betreibt; dass Kunst heute eigentlich tatsächlich nicht mehr von können kommt. Weil du kannst ja als Künstler hingehen und sagen, ich kann weder malen noch zeichnen noch sonstwas, ich kann aber irgendeine Idee an jemanden delegieren und sagen, du baust mir jetzt mal ein Schwein mit lauter Nägeln drin. Du kannst das alles als Konzept verkaufen. Der Kunstbetrieb ist so aufgeblasen und so vielfältig, dass man gar nicht mehr richtig die Grenzen sieht. Wo fängt das an und wo hört’s auf? Kann wirklich jeder sagen, ich stell’ mein Wasserglas ins Museum und das ist jetzt Kunst? Da denkt man halt so bissel drüber nach, und darüber, wie so ein Markt entsteht. Wie so eine Art Kunstmafia da ihre Preise macht, wie bestimmte große Galerien Künstler hypen. Das hat gar nichts mehr damit zu tun, wie das Publikum die sieht, sondern die werden einfach aufgebaut und andere werden dafür fallengelassen. Warum  jetzt ein Gerhard Richter, den ich persönlich für überbewertet halte, Millionen kriegt für ein Bild, und andere, super Künstler, die ich kenne, froh sind, wenn sie mal 2000 oder 3000 Euro im Jahr verdienen, obwohl sie fabelhafte Zeichnungen machen? Das sind schon Dinge, wo ich mich manchmal schön aufregen kann (lacht). Andererseits sage ich aber nicht, Kunst ist beschissen, denn Kunst an sich finde ich ja nicht beschissen. Aber bestimmte Dinge reflektiert man einfach. Das habe ich in dieser Arbeit gemacht. Ich hab keine Lösung und es ist nicht so, dass ich deswegen nachts nicht schlafen könnte. Kunst ist ja auch eine große Spielwiese und jeder darf da frei arbeiten und machen. Nur: Wie kommt das zustande, wie passiert das, wie wird das aufgebaut? Das ist auch zum Teil aufgebläht, nicht? Da mal laut drüber nachzudenken, auch mal überhaupt Kritik äußern zu dürfen in den heiligen Hallen der Kunst, ist hier jetzt mal mein Thema gewesen.
 
War es für Sie leichter, das zu machen, weil Sie eben nicht diese akademische Ausbildung haben?
GAYMANN: Nun, da kann ich mit einem relativ unverbrauchten Blick draufschauen, was heißt unverbraucht, ich beschäftige mich ja die ganze Zeit mit Bildern, nicht nur mit meinen eigenen, aber trotzdem schau ich nicht mit so einem akademischen Blick drauf. Wobei, es ist auch einfach eine Frage der Haltung. Letztens hab ich ein Buch in die Hand bekommen, in dem die Autorin das ganz gut beschrieb, wie man im Museum heute immer nur die Haltung haben kann, "entweder finde ich's gut , oder ich versteh's halt nicht". Dass einem das auch so suggeriert wird, wenn du's nicht gut findest, dann kapierst du's halt nicht. Muss das so sein? Muss ich das immer kapieren, was da einer an die Wand nagelt, oder kann ich das auch mal einfach beschissen finden? Deshalb hab‘ ich da hinten an die Wand den Pokal für den schlechtesten Künstler 2015 gezeichnet. Sowas sollte es ja vielleicht auch mal geben, nicht? Nicht immer nur die Gewinner. Da will und darf ich mich als Satiriker outen - und ich glaube, da spreche ich vielleicht Vielen aus der Seele.
 
Unsere Reihe heißt ja "Sommergespräche": Was wäre für Sie ein perfekter Sommertag?
GAYMANN: Ein perfekter Sommertag ist natürlich immer auch mit Freizeit verbunden, schönes Wetter, mit Italien. Ich werde im August mal wieder nach Umbrien fahren, wo ich seit 25 Jahren in den Bergen ein kleines Häuschen habe. Dort ist es ganz friedlich und ganz toll. Ein paar Bauern laufen mit ihren Ziegen rum, und ich kann schöne alte Steine abzeichnen, im Schatten sitzen und in die Berge kucken. Das ist für mich absolute Entspannung und ein schöner Sommertag. Ich bin ein Sommermensch, ein Sonnenkind, lieber schwitze ich als dass ich friere, genieße es, dass man da nur leichte Sachen anziehen kann und dass die Tage lang sind. Aber wenn dazu noch kommt, dass ich in einer tollen Umgebung bin, und vielleicht meinen Skizzenblock dabei habe und in aller Ruhe was machen kann, das ist für mich schon perfekt. Wenn möglich noch was Gutes zu trinken dazu.
 
So gern er in der alten Heimat Fans und einstigen Weggefährten begegnet, am frühen Sonntagnachmittag ist Gaymann dann froh, als er sich in der Nähe des Museums in einen lauschigen Biergarten setzen kann. Er bestellt einen Wurstsalat und alkoholfreies Bier. Dann geht es zurück nach Köln.

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