"Ich war noch niemals in New York" jetzt in Stuttgart

Stuttgart.  In Hamburg lockte es 1,5 Millionen Zuschauer an. Gestern Abend hatte "Ich war noch niemals in New York", das Musical mit Songs von Udo Jürgens, im Stuttgarter Apollo-Theater Premiere.

"Stuttgarts neues Hitmusical". Die Ankündigung im Foyer des Apollo-Theaters ist mutig, ist aber mehr als nur reine Marktschreierei. Zum einen lockte "Ich war noch niemals in New York" in Hamburg, wo es 2007 Premiere hatte, schon 1,5 Millionen Zuschauer an, zum anderen sollen in Stuttgart bereits 100 000 Tickets im Vorverkauf abgesetzt worden sein. Soweit zum Erfolg beim Publikum. Aber den Slogan kann man ganz anders verstehen, nämlich inhaltlich. Denn "Ich war noch niemals in New York" ist ein Musical, das aus 21 Hits von Udo Jürgens besteht.

Ein bewährtes Strickmuster, das sich schon bei "Mamma mia" und "We will rock you" - auch in Stuttgart - bewährt hat. Die spannende Frage ist dabei immer: Schafft man es, diese Hits so in eine Handlung zu packen, dass die Geschichte mehr wird als die Illustration einer Best-of-CD? Und passt die Ästhetik der Bühnenfassung zu den Songs?

Gleich vorweg: Diese Aufgaben haben der Wiener Dramatiker Gabriel Barylli, von dem das Libretto stammt, und das Stuttgarter Inszenierungsteam um Regisseurin Carline Brouwer wirklich ansprechend und mit viel Witz bewältigt.

Da ist erstmal die Story. Die erfolgreiche und ehrgeizige TV-Moderatorin Lisa Wartberg (Sabine Mayer) hat ihre Mutter (Regina Venus) in ein Altersheim entsorgt. Die verliebt sich dort in Otto Staudach (Ernst Wilhelm Lenik), dessen Sohn Axel (Karim Khawatmi) sich auch nur alle Jubeljahre blicken lässt. Die Alten beschließen, alle Konventionen bleiben zu lassen und auszubrechen. Sie türmen aus dem trostlosen Heim und buchen auf Kosten der erfolgreichen Moderatorin eine Kreuzfahrt mit Ziel New York. Die von der Heimleitung alarmierten Kinder machen sich wider Willen auf den Weg, ihre Eltern wieder zur Vernunft zu bringen und landen auf dem gleichen Schiff, wo sich nach allerlei Irrungen auch in der nächsten Generation das Glück anbahnt.

Klingt nach TV-Unterhaltung à la "Traumschiff" und sieht auch so aus - nach Fernsehen. Aber nicht wie die endlosen Geschichten von der MS Deutschland, sondern wie die Shows, die die deutsche Fernsehunterhaltung in den 70er Jahren produziert hat: bunt, glitzernd - und mit viel Revue- und Balletteinlagen. Eine Ästhetik, mit der viele Fans von Udo Jürgens großgeworden sind und die der Entertainer ja auch bei seinen Konzerten durchaus pflegt.

Nur mit einem Udo-Jürgens-Abend hat das Ganze nichts zu tun. Es werden zwar seine Songs gesungen, teils köstlich in überraschende Zusammenhänge gestellt - nur wie sie gesungen werden, das hat Eigenständigkeit und Klasse, dank Arrangeur Michael Reed. Der hat die Songs zerlegt, sie zu echter Bühnenmusik mutieren lassen, setzt sie mal rezitativ, mal illustrierend ein, zitiert auch das Vorgänger-Musical "We will rock you": schlicht brillant.

Damit das Ganze nicht in hemmungslose Flitter-TV-Nostalgie abgleitet, hat Barylli die Handlung mit einem geschickten Kniff im Hier und Heute verlegt. Lisa Wartbergs Visagist (Uli Scherbel) und ihr Regisseur (Marco Billep) sind ein Paar und leben ihre Homosexualität wunderbar überkandidelt und offen auf der Bühne aus. Das ist wiederum ein Thema, über das in den so schrillen 70ern nur hinter vorgehaltener Hand spekuliert wurde.

Übrigens: Die Frage ob alle in New York ankommen, bleibt in diesem Musical offen. Ist auch wurscht. Der Weg dorthin ist im Apollo-Theater sehr amüsant.


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Autor: HELMUT PUSCH | 19.11.2010

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