Getrickst oder betrogen?

Verdanken die Deutschen "ihre" Nofretete nur einer Trickserei oder womöglich einem handfesten Betrug? Die ägyptische Forderung nach Rückgabe ihrer Königin entbehrt zumindest nicht jeglicher Grundlage.

Eine der wichtigsten Ikonen Deutschlands ist eine Ägypterin. Seit Oktober vorigen Jahres wird die rund 3350 Jahre alte Büste der Königin Nofretete in einem eigenen Raum des Neuen Museums in Berlin zelebriert. Doch ihre Heimat ruft nach ihr, genauer gesagt die ägyptische Altertümerverwaltung und ihr rühriger Generalsekretär Zahi Hawass, der übrigens gestern 63 Jahre alt geworden ist. Allerdings denkt die heutige Besitzerin, die 1956 gegründete Stiftung Preußischer Kulturbesitz, nicht im Leisesten daran, die Büste herauszurücken.

Der Streit um Nofretete ist Jahrzehnte älter als Hawass und die Stiftung. Er geht zurück ins Jahr 1924, als die Ägypter erkennen mussten, welchen außergewöhnlichen archäologischen Fund aus ihrem Boden die Deutschen in ihren Besitz gebracht hatten. Seither fordern sie dieses Prachtexemplar zurück. Mit welchem Recht? Und warum erst seit 1924? Schließlich war Nofretete bereits im Jahr 1913 per Schiff aus Ägypten abgereist.

Der Grund für die elfjährige Verspätung der ägyptischen Einsprüche ist, dass Nofretete bis dahin von ihrem Entdecker, dem deutschen Archäologen Ludwig Borchardt, als geheime Verschlusssache behandelt worden war. Nachdem sie Berlin erreicht hatte, wurde sie auf Betreiben Borchardts nur einem kleinen Kreis, darunter Kaiser Wilhelm II., gezeigt. Borchardt begründete dies mit seiner Befürchtung, Ägypten könne die Bedingungen für künftige Grabungen erschweren.

Das erweckte schon damals beim Direktor der ägyptischen Abteilung der Königlichen Museen, Heinrich Schäfer, den Verdacht, "dass es bei der Erwerbung nicht mit rechten Dingen zugegangen sei". Doch Borchardt pochte stets darauf - wie heute noch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz - dass beim Übergang der Büste in deutschen Besitz alles rechtens verlaufen sei.

Das Verfahren, durch das Nofretete in deutsche Hand gelangte, entsprach dem damals angewandten Modus, der Ägypten einen angemessenen Teil der vom Ausland finanzierten Grabungen gewährleisten sollte: Der jeweilige Fundbestand musste der Ägyptischen Altertümerverwaltung vorgelegt werden. Die konnte sich das beste Stücke aussuchen. Der Rest wurde geteilt; eine Hälfte und das Glanzstück blieben in Ägypten - und das wäre in diesem Fall zweifellos die am 6. Dezember 1912 ausgegrabene Büste der Nofretete gewesen.

Allerdings entschied der mit der Teilung beauftragte Inspektor der Altertumsverwaltung, die im britisch beherrschten Ägypten mit Franzosen besetzt war, anders. Jener Unglücksrabe namens Gustave Lefevbre wählte für den Verbleib in Ägypten einen kleinen Klappaltar aus und überließ die "bunte Königin", wie sie damals hieß, der Deutschen Orient Gesellschaft (DOG), für die Borchardt tätig war.

Die bereits früh angemeldeten Zweifel, dass bei der Teilung manipuliert worden sei, sind seit damals nicht verstummt, sondern lauter geworden. Der Journalist Gert v. Paczensky hat in seinem 1984 erschienenen Buch "Nofretete will nach Hause" zahlreiche Belege präsentiert, die den Verdacht erhärten, Lefevbre sei von Borchardt übertölpelt worden. Ein 1998 veröffentlichter vertraulicher Bericht des bei der Teilung anwesenden DOG-Schriftführers Bruno Güterbock aus dem Jahr 1924 beweist, dass die Deutschen - entgegen Borchardts späteren Behauptungen - sehr wohl um den Wert der Büste wussten und Borchardt durch "Vermogelung des Materials" und einen "sehr klugen Schachzug" das Interesse des Franzosen von Nofretete ab- und auf den Klappaltar hinlenkte.

Mag dieser Trick sich noch im Rahmen des Legalen bewegt haben, so hätte Borchardt diesen eindeutig gesprengt, wenn der Verdacht des Ägyptologen Rolf Krauss zutrifft. Der hat 2009 im amerikanischen Ägyptologen-Fachblatt KMT stichhaltige Indizien vorgelegt, die dafür sprechen, dass Borchardt jenen Klappaltar gefälscht hat. Zwar bezeichnete der Direktor des Ägyptischen Museums Berlin, Dietrich Wildung, dies als "Schmarrn", wie der "Spiegel" damals berichtete. Doch ernstzunehmende Ägyptologen widersprachen dieser Abwiegelung unter Hinweis auf Krauss ansonsten unbestrittene Kompetenz.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Leiter der Ägyptischen Sammlung des Museums August Kestner in Hannover, Christian Loeben, bestätigt, dass bislang kein Gegenargument aufgetaucht sei, welches die Kraussschen Bedenken ausgeräumt habe. Sollten die sich bewahrheiten, dann läge eine bewusste Täuschung bei der damaligen Teilung vor. Damit aber wäre der damalige Teilungsvertrag ungültig und die ägyptischen Ansprüche auf Rückgabe berechtigt.

Nun sei allerdings Kairo am Zuge und müsse den umstrittenen Klappaltar untersuchen lassen - und zwar mit naturwissenschaftlichen Methoden. Denn, so stellt Loeben fest: "Ägyptologisch kommen wir da nicht weiter."


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Autor: HENNING PETERSHAGEN | 29.05.2010

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