Filmemachen ist Luxus

Ein extremer Kriminalfall wird zur extremen Liebesgeschichte: "Glück", der neue Film von Doris Dörrie, feiert auf der Berlinale Premiere. Die 56-Jährige erzählt, dass Glück in der Karriere bei weitem nicht alles ist.

Frau Dörrie, wenn man schon einen Film mit dem Titel "Glück" dreht, muss man sich für Fragen wie diese wappnen: Gibt es überhaupt dauerhaftes Glück?

DORIS DÖRRIE: Nein. Wir wüssten nicht, was Glück ist, wenn es von Dauer wäre.

Sie trauen sich, vom wahren Glück und von der großen Liebe zu erzählen. Braucht man dafür heute, wo alles ironisiert wird, Mut?

DÖRRIE: Nö. Zum Filmemachen benötige ich keinen Mut, nur zum Leben. Filmemachen ist für mich Luxus und Privileg. Dafür brauche ich nur etwas, das mich packt und das ich erzählen will. Das war bei "Glück" so, weil mich diese beiden Menschen tief gerührt haben.

Ferdinand von Schirachs Erzählung, auf der Ihr Film basiert, ist ganze 13 Seiten lang. Hatten Sie beim Drehbuchschreiben nie Angst, dass die Substanz der Geschichte nicht ausreichen könnte?

DÖRRIE: Nein. Ich wollte diese Geschichte genau deswegen machen, weil sie für mich viel Luft und Platz geboten hat. So konnte ich sie auch zu meiner Geschichte machen.

Und dabei wird aus einem Kriminalfall ein Liebesfilm.

DÖRRIE: Mich interessieren Krimis nicht wirklich. Ich lese sie nicht gern, ich sehe sie nicht gern. Was mich gepackt hat, waren diese zwei Menschen, die denkbar schlechte Voraussetzungen zum Glücklichsein haben, es dennoch schaffen. Ich kann zeigen, wie Menschen, die traumatisiert sind, eine zweite Chance aufs Glück bekommen.

Ihre Komödien enthalten ernste Töne, in Ihren Tragödien gibts auch viel zu lachen. Ist das für Sie eine hilfreiche Art, das Leben zu betrachten?

DÖRRIE: Ja, denn es schafft Distanz und bewahrt einen davor, sich selbst zu ernst zu nehmen. Es kostet allerdings Mühe, das eine im anderen zu entdecken; es ist aber auch genau das, was mich in seiner Ambivalenz beim Erzählen interessiert. Es kommt der Realität am nächsten. Etwas, das nur komisch oder tragisch ist, finde ich artifiziell.

Ihr Film basiert auf einer Erzählung, diese wiederum auf einem realen Fall. War das für Sie bedeutsam?

DÖRRIE: Es ist schon wichtig zu wissen, dass das wirklich mal in Berlin passiert ist. Das verleiht dem eine andere Wucht. Deshalb begebe ich mich beim Drehen auch wirklich auf die Straße und bastele nicht im Studio etwas Künstliches.

Dieses flexible, spontane Drehen auf der Straße - das können Sie auch dank der digitalen Technik. Befreit Sie das als Filmemacherin?

DÖRRIE: Ja. Vor zehn Jahren war ich bei "Erleuchtung garantiert" eine der Ersten, die so gearbeitet hat. Alle haben mich für verrückt erklärt, aber es hat funktioniert. Beim "Fischer und seine Frau" bin ich dann wieder ins alte System der großen Technik und des großen Teams zurückgegangen, aber die Trägheit des Apparats hat mich unglücklich gemacht. Für meine Geschichten ist die digitale Technik der beste, da unmittelbare Weg. Es stehen einem so viele Möglichkeiten offen - aber man muss auch sehr genau wissen, was man will. Sonst versinkt man leicht.

Sie schreiben auch Prosa und inszenieren Opern. Unterscheiden Sie zwischen Filmfiguren, literarischen Figuren und Bühnenfiguren?

DÖRRIE: Nein. Ich schreibe über Figuren, die mich interessieren, und manchmal entwickelt es sich eher zu einem Drehbuch, und manchmal eher zur Literatur hin.

Aber man erzählt filmisch und literarisch doch unterschiedlich.

DÖRRIE: Aber eines bleibt gleich - einprägsames Schreiben besteht immer aus Bildern und sinnlichem Beschreiben. Und das ist für mich immer der gleiche Prozess: so bildlich und sinnlich wie möglich die Dinge zu beschreiben. Im Rückschluss bedeutet das, dass etwas, das sehr sinnlich beschrieben ist, auch sehr leicht zu drehen ist.

Sie haben 16 Kinofilme und etliche TV-Filme gedreht, vier Romane, neun Kinderbücher und fünf Erzählungsbände veröffentlicht, sieben Opern inszeniert. Woher kommen Ihre Bilder, die Inspiration?

DÖRRIE: Meine Hauptinspiration sind meine fünf Sinne und die aufmerksame Erfahrung der Welt. Der Rest ist Handwerk, Disziplin und gezielte Faulheit.

Hilft Ihnen das Erzählen in Bildern auch auf der Opernbühne?

DÖRRIE. Sicherlich. Da beschweren sich die eher konventionell gestimmten Opernbesucher, dass es zu viele Bilder sind. Nur, mein Gott, warum gehe ich in die Oper, wenn ich keine Bilder sehen will? Dann hör ich mir doch lieber eine CD an.

An der Bayerischen Staatsoper haben Sie dem Ensemble für Verdis "Rigoletto" Science Fiction wie "Star Wars" gezeigt - Ihre Inszenierung spielte auf dem "Planet der Affen".

DÖRRIE: Weil die Opernsänger noch nie davon gehört hatten! Irre, oder? Es sind wirklich sehr unterschiedliche Planeten, die Oper und der Film.

Und umgekehrt: Hat Ihnen die Arbeit auf der Theaterbühne schon beim Filmen geholfen?

DÖRRIE: Mein Film "Nackt" ist meine Version von "Così fan tutte". Das hat nur kaum ein Filmkritiker bemerkt, weil die wiederum nicht in die Oper gehen.

Wieso inszenieren Sie eigentlich auf der Bühne nicht das für eine Filmerin naheliegende, also Schauspiel, sondern die artifizielleste Kunstform, die Oper?

DÖRRIE: Ich finde Oper gar nicht so artifiziell, sondern sehr emotional. Musik erreicht uns am allerschnellsten. Schauspiel interessiert mich nicht so sehr, weil es von gesprochener Sprache abhängig ist. Oper ist für mich dagegen wie eine Vorstufe zum Film. Und Literatur ist Kino im Kopf.

Wenn Sie einen Film drehen oder eine Oper inszenieren, haben Sie ein großes Team zu führen, wenn Sie schreiben, sind Sie für sich. Tut Ihnen dieser Wechsel zwischen sozial anspruchsvollem Arbeiten und dem Rückzug auf sich selbst gut?

DÖRRIE: Ich genieße das. Es wäre für mich sehr schade, wenn ich eines von beidem aufgeben würde. Wobei ich das Schreiben nie aufgeben könnte.

Hatten Sie Glück in Ihrer Karriere?

DÖRRIE: Bestimmt. Ich habe das auch immer sehr betont, bis mir andere Leute gesagt haben: Jetzt sei mal nicht so kokett, dein Erfolg hat auch damit zu tun, dass du sehr viel und kontinuierlich gearbeitet hast.

"Glück" ist ein wuchtiger Titel. Ebenso "Paradies", "Nackt" oder "Männer". Schaffen Sie damit nicht große Erwartungshaltungen?

DÖRRIE: Diese Frage ist mir nach "Männer" das erste Mal gestellt worden, und ich verstehe sie bis heute nicht. Wenn ich mich auf Erwartungen einstellen wollen würde, wäre ich verratzt. Das darf man als Künstler gar nicht erst versuchen.

Mit "Männer" haben Sie 1985 den Durchbruch geschafft, aber Sie werden auch immer wieder daran gemessen. Haben Sie das nie verflucht?

DÖRRIE: Nein. Denn der Film hat mich - zum Glück - nicht reich gemacht, aber er hat mir erlaubt weiterzuarbeiten. Das ist vielen nicht vergönnt.

Diese beiden "Männer", von Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht gespielt, sind heute Mitte, Ende 50. Haben die ihr Glück gefunden?

DÖRRIE: Mal mehr, mal weniger. Wie wir alle.

Aber mal nachschauen, wie es den beiden Männern heute geht, wollen Sie in einer Fortsetzung nicht?

DÖRRIE: Nein! Das sind Personen, die ich aus den Augen verloren hab.


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Autor: MAGDI ABOUL-KHEIR | 07.02.2012

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