Die Sprache als Heimat

Günter Grass hat sein "wahrscheinlich letztes Buch geschrieben: "Grimms Wörter". Eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, aber auch Geschichtsbuch und Autobiografie - Sprachgewalt pur.

Ein großer Schriftsteller gestaltet seinen Abschied. Literaturnobelpreisträger Günter Grass (82) hat seinen autobiografischen Zyklus mit einem dritten Werk vollendet. Nach dem Paukenschlag "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) über Jugend, Kriegs- und Nachkriegszeit folgte "Die Box (2008), eine verschlüsselte Hommage an die eigene Familie. Jetzt also "Grimms Wörter".

Diese "Liebeserklärung" ist der deutschen Sprache gewidmet, seiner eigentlichen Heimat. Ein Leben lang hat sie Grass Geborgenheit und Sicherheit, literarische Ausdruckskraft und gesellschaftspolitischen Einfluss gegeben. Grass beweist sich als begnadeter Wortfinder, Lautmaler, Silbenstecher, der den Leser, aber fast mehr noch den Hörer des von ihm selbst gesprochenen Hörbuchs, in den Bann zieht.

Die Konzeption des Buches ist anspruchsvoll gewirkt, manche werden die Verknüpfung literarischer Passagen mit politischen Sichtweisen als Gratwanderung empfinden. Grass erzählt das Leben der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die seit 1838 an einem großen Wörterbuch der deutschen Sprache arbeiteten - und zieht immer wieder politische Parallelen zum eigenen Leben.

Die Zeitläufte der deutschen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert werden dabei immer wieder reflektiert, die NS-Zeit ebenso wie die beiden deutschen Staaten nach dem Krieg bis zur Wiedervereinigung. "Mir schien, dass der Teil meiner Autobiografie, der in ,Beim Häuten der Zwiebel und ,Die Box nicht vorkommt, meine politische und gesellschaftliche Tätigkeit, in einer Geschichte über die Grimms Platz haben könnte", sagt Grass.

Und so arbeitet er sich auf mehreren Ebenen ab, die immer wieder nach seinem bewährten Schreibstil der "Vergegenkunft" - der Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart uns Zukunft - ineinandergreifen. Er erzählt die Geschichte der Grimms, die zu den sieben Göttinger Professoren gehörten, die eine "Protestation" gegen das Aushebeln der einigermaßen fortschrittlichen hannoverschen Verfassung durch Fürst Ernst August veröffentlichten - weil sie ihren eigenen Eid auf diese Fassung als gebrochen ansahen und dies nicht hinnehmen wollten.

Grass selber erinnert sich beim Wort Eid an sein Gelöbnis bei der Waffen-SS. "Das Kriegsende befreite mich von dem beschworenen blinden Gehorsam, ohne daß ich sogleich sehend wurde und begriff, welches Ausmaß an Verbrechen ein Eid, gesprochen in einer Frostnacht, bemänteln kann. Nie wieder würde ich einen Eid sprechen."

Jacob Grimm wurde wegen seines Protestes ausgewiesen, er ging nach Kassel. Bald sollte Wilhelm folgen - und der Auftrag zum Wörterbuch ihnen ein Auskommen sichern. Erst 1960 - es gab trotz deutscher Teilung Stellen in Ostberlin und in Göttingen, die zusammenarbeiteten - wurde das 32-bändige Werk fertig, die Grimms hatten selber nur die ersten Bände geschafft.

Grass erzählt auch Schlüsselerlebnisse seines politischen Engagements: Den Wandel vom politisch verführbaren Jugendlichen in der NS-Zeit zum Demokraten, seine Kritik an der Adenauer-Ära, seinen jahrzehntelangen Einsatz für die SPD, seinen Kampf für verfolgte Autoren in der DDR wie Erich Loest, seine Proteste gegen die Irakkriege.

Neun Kapitel umfasst das Werk, die ersten sechs sind angeordnet nach den ersten Buchstaben des Alphabets von A bis F. Die letzten drei Kapitel lauten "Vom Friedhof zu endlosen Kriegen", "Ungezählte Kuckucksrufe" und "Am Ziel". Als Philologe im Wortsinn, als Freund des Wortes und der Sprache, schreibt sich Grass aus, setzt sich auseinander mit Wortableitungen und neuen Wortschöpfungen. Er zitiert mittelalterliche und barocke Autoren ebenso wie Luther oder den Kirchenliedschreiber Paul Gerhardt, immer wieder aber die Brüder Grimm und deren Zeitgenossen Achim von Arnim oder Clemens und Bettina von Brentano.

Im Schlusskapitel "Am Ziel" rudert Grass imaginär gemeinsam mit den Brüdern Grimm auf dem Neuen See und jubelt über den Abschluss der 32-bändigen Ausgabe. "Nichts ist fertig" - "Nichts wird fertig", antworten Jacob und Wilhelm und machen so den nie enden wollenden Schöpfungsprozess von Sprache und Wörtern deutlich. Besonders berührend ist eine Passage, in der Grass an die vielgerühmte und vom Steidl Verlag neu herausgebrachte Rede Jacob Grimms über das Alter erinnert und sich selber unter die Zuhörer mischt.

Der Tod tritt auf. Grass schreibt: "Doch da mir, umringt von mehr und mehr Ungewißheiten, einzig der Tod gewiß ist, will ich ihn, wie Jacob es tat, als ungeladenen, aber unumgänglichen Gast empfangen und allenfalls mit der Bitte belästigen: mach es kurz und schmerzlos. Noch fremdelt er, wird aber vertrauter mit jeder schlafarmen Nacht. Ich weiß, auf ihn ist Verlaß."

Info Günter Grass: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. 368 Seiten mit farbigen Vignetten von Grass. Steidl Verlag, 29.80 Euro. Grass hat auch das Hörbuch eingelesen: 11 CDs, 14 Stunden, 39.90 Euro.


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Autor: MATTHIAS HOENIG, DPA | 18.08.2010

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