Der große Auftritt

Mit dem neuen Jahr beginnen in Essen, Pécs und Istanbul die Programme des Kulturhauptstadt-Großfestivals. Wichtiger als die Veranstaltungen sind die Investitionen in Kulturbauten und Stadterneuerung.

Essen - Die Tribüne unter freiem Himmel auf Essens Zeche Zollverein steht schon. Mit einem Fest in der stillgelegten Großzeche startet am 9. Januar nach drei Jahren Vorbereitung das Kulturhauptstadt-Programm im Ruhrgebiet. Essen und 52 Revierkommunen von Sonsbeck am Niederrhein bis Hamm in Westfalen wollen zeigen, dass sie nicht nur graue Industrieregion "tief im Westen" sind, sondern ein moderner Ballungsraum mit einer europaweit wohl einmaligen Ansammlung von Theatern, Museen und Kultureinrichtungen.

300 Projekte haben Chef-Organisator Fritz Pleitgen und seine 100 Mitarbeiter zusammengestellt. 2500 Veranstaltungen sind geplant - Volkstümliches wie ein Kulturtag an Biertischen auf der gesperrten Ruhrgebietsautobahn A 40, künstlerisch Hochstehendes wie die Homer-Neuinterpretationen aller Ruhr-Theater ("Odyssee Europa"). Die Kulturhauptstadt hat an der Ruhr einen Bauboom mit allein 120 Millionen Euro an Landes- und Europafördergeldern ausgelöst. Jahrzehntelang aufgeschobene Projekte wie die Renovierung der Bahnhöfe in Essen und Dortmund wurden endlich angepackt, für Millionensummen entstehen fünf Besucherzentren, die auch nach 2010 Ruhrgebietsbesucher leiten werden. Dortmund bekommt das 46 Millionen Euro teure Kulturzentrum "U", Hagen eröffnete ein Museumszentrum und in Essen hat die Krupp-Stiftung 55 Millionen Euro für ein neues Folkwang-Museum auf den Tisch gelegt, das Ende Januar Eröffnung feiert. Das neue Ruhrmuseum auf Zollverein kommt dazu.

Pécs - Auf dem Szechenyi-Platz der südungarischen Stadt Pécs wird Tag und Nacht durchgearbeitet. Mit zischenden Handbrennern wärmen Bauarbeiter in der bitteren Kälte die Granitplatten vor, die dann andere Arbeiter zurechtschneiden und auf dem Platz verlegen. Akkordtempo ist angesagt, denn bis zur Jahreswende muss der renovierte Platz im Herzen der Stadt fertig sein. Ab 1. Januar 2010 nennt sich Pécs ja Europäische Kulturhauptstadt. Auch sonst brummt und dröhnt es in der ganzen Stadt vom umtriebigen Herumfuhrwerken der Bagger und Kräne. Denn so wie der große Tag naht, so ist klar, dass - von der Stadt-Verschönerung im Zentrum abgesehen - so gut wie nichts bis dahin fertig sein wird. In den Planungsjahren zuvor hatten bei den Verantwortlichen schiere Inkompetenz und Chaos geherrscht. Für die Verwaltung der 160 000-Seelen-Stadt hatte sich der Kulturhauptstadt-Auftrag als eine Schuhnummer zu groß erwiesen. Dabei ist das, was irgendwann einmal entstehen wird, durchaus beachtenswert. So etwa die Rundum-Erneuerung des Viertels um die ehemalige Porzellanmanufaktur Zsolnay als Künstler- und Studentenquartier. Neu gebaut werden auch eine große Konzerthalle und eine zeitgemäße Bibliothek. Die Stadt ergreift das Glück beim Schopf, um sich neu zu erfinden, um sich zu europäisieren - wenn auch mit gehöriger Verspätung. Die Konzerthalle wird erst im Oktober 2010 fertig, das Zsolnay-Viertel gar erst 2011.

Istanbul - Ein handfester Korruptionsskandal und Streit um das Programm haben die Vorbereitungen Istanbuls auf die Rolle als Kulturhauptstadt 2010 monatelang überschattet. Doch im neuen Jahr will sich die türkische Millionen-Metropole als "anregendste Stadt der Welt" präsentieren. Als Brücke zwischen Asien und Europa ist Istanbul Begegnungsstätte der Zivilisationen. Diese haben ein reiches kulturelles Erbe hinterlassen, das über Touristenmagneten wie die Blaue Moschee, die Hagia Sophia und den Topkapi-Palast weiter hinausgeht.

Auch die Bewohner Istanbuls sollen ihre Stadt und die Schönheiten nun wiederentdecken, wie der Vorsitzende des Vorbereitungskomitees, Sekib Avdagic, sagt. Aus mehr als 2200 Vorschlägen wurden 451 Projekte bewilligt, darunter Ausstellungen, Tanz, Theater und Konzerte. Außerdem wurden Teile der historischen Gebäude restauriert. Enttäuschung wurde aus den Reihen derjenigen laut, die Istanbul nicht als lebendes Museum, sondern als Stadt im Aufbruch zeigen möchten. dpa


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30.12.2009

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