Der Schatten des Giganten

Er war der erste europäische Superstar des Jazz, gilt heute noch als einer der technisch besten Gitarristen und ist das unumstrittene Idol aller Sinti-Musiker. Django Reinhardt wurde vor 100 Jahren geboren.

Seine Karriere schien eigentlich schon beendet, bevor sie richtig begonnen hatte. Denn am 2. November 1928 ging der Wohnwagen des 18-jährigen Musikers Jean Baptiste Reinhardt, den alle Django riefen, in Flammen auf. Er und seine Frau kamen nur knapp mit dem Leben davon, der Ringfinger und der kleine Finger der linken Griffhand des Gitarristen waren durch die erlittenen Verbrennungen weitgehend gelähmt. Fatal für einen jungen Mann, der seit seinem 12. Lebensjahr seinen Lebensunterhalt als Profimusiker verdiente.

Doch der junge Django Reinhardt, der am 23. Januar 1910 im wallonischen Teil Belgiens geboren wurde und der vor seinem Unfall nur als mittelmäßiger Instrumentalist gegolten hatte, übte eineinhalb Jahre lang, erfand eine ganz eigene Grifftechnik und wurde zum umjubelten Superstar des europäischen Jazz. 1934 gründete er das Quintette du Hot Club de France, ein Ensemble, das neben Djangos Sologitarre mit zwei Rhythmusgitarren, einem Bass und der Geige Stéphane Grappellis besetzt war. Die Mischung aus New-Orleans-Jazz, Roma-Folklore und der vom Czardas inspiriertem Up-Beat-Rhythmen der Gitarren, der swingenden Geige Grappellis und den mit Zigeuner-Tonleitern versetzten Improvisationen Reinhardts schlug ein.

Das war Spielfreude pur, ohne technische Grenzen, und das von einem Instrumentalisten, der mit nur zwei gesunden Fingern und dem Daumen der Linken Dinge spielte, an die vor ihm andere mit allen Fünfen nicht mal gedacht hatten. Ein ganz neuer Jazzstil war geboren, der Gypsy-Swing oder Jazz manouche.

Swing sollte auch immer die Domäne des stets äußerst elegant auftretenden Musikers mit dem Menjou-Bärtchen bleiben. Enttäuscht kehrte er 1946 von einer USA-Tournee mit Duke Ellington zurück. Der Trend dort ging schon in Richtung Bebop. Kein Genre für einen Musiker, der so elegant und melodiös sein Publikum verzaubern konnte, der mit so wundervoll-melancholischen Kompositionen wie "Nuages" und "Manoir de mes rêves" Jazzgeschichte geschrieben hat.

Am 16. Mai 1953 starb Reinhardt an einer Hirnblutung, in seinem Wohnort Samois-sur-Seine. Dort findet vom 23. bis 27. Juni das 30. Festival zu seinem Andenken statt. Dutzende der besten Jazzgitarristen versammeln sich alljährlich dort, um ihrem großen Vorbild nachzueifern. Dessen Schatten ist auch eine schwere Hypothek für jeden Sinti-Gitarristen. Denn sie alle müssen sich an ihm messen lassen.

Eine harte und gute Schule, aber auch eine Last. Denn das Markenzeichen Gypsy-Swing war auch jahrzehntelang eine Fessel. Sinti, die nicht bereit waren so zu klingen wie Reinhardt und sein berühmtes Quintett, bekamen Probleme. Bei den eigenen Leuten, die die Tradition gefährdet sahen, aber auch mit der Musikindustrie. Der Geiger Zipflo Reinhardt war so einer, das Gitarrenwunderkind Bireli Lagrene, aber auch der Gitarrist Bobby Falta, der mit Djangos Vetter Schnuckenack Reinhardt den Gypsy-Swing in dem 70er Jahren in Deutschland zu seiner Renaissance verhalf. Als Falta einem Produzenten eine Platte ohne Gypsy-Swing vorschlug, winkte der einfach ab: kein Bedarf.

Das eherne Gesetz "Ein Zigeuner muss wie Django spielen" sollte auch noch Jahrzehnte Gültigkeit haben. Erst in den vergangenen zehn Jahren wurde die Formel Sinti-Musiker ist gleich Gypsy-Swing langsam aufgeweicht, weil sich junge Interpreten wie Bobby Faltas Sohn Lancy Falta, die Sängerin Dotschy Reinhardt oder das Gitarren-Talent Diknu Schneeberger nicht mehr in diese eingängige Schablone pressen lassen wollen. Sie lösen sich selbstbewusst aus der Beschränkung und wollen nicht mehr wie Django Reinhardt, oder besser nicht mehr nur so wie Django Reinhardt, Stéphane Grappelli und das legendäre Quintett du Hot Club de France klingen. Der lange Schatten des Gitarren-Giganten verblasst allmählich, 100 Jahre nach seiner Geburt.


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Autor: HELMUT PUSCH | 22.01.2010

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