Der Lebensläufer
Er gehört zu den wichtigen deutschen Intellektuellen: Alexander Kluge. Dieser zeitkritische Erzähler und Geschichtensammler in Wort, Film und Fernsehen feiert seinen 80. Geburtstag.
"Die Lebensläufer und ihre Lebensgeschichten" heißt ein Kapitel in dem neuen Buch von Alexander Kluge. Und ein besonders unermüdlicher "Lebensläufer", der alles aufliest, was ihm unterwegs begegnet, das ist dieser Literat und Filmemacher selbst. Kluge, der am Dienstag, am 14. Februar, seinen 80. Geburtstag feiert, gehört zu den namhaften Intellektuellen im Lande, zu den guten Rat verschreibenden Zeitzeugen und Philosophen. Er war mal als promovierter Rechtsanwalt gestartet, der auch Kirchenmusik und Geschichte studierte, er ist bis heute TV-Produzent. Aber vor allem ist Kluge Autor und Filmer und überhaupt Autorenfilmer.
Im Jahre 1962, und das ist auch schon ein halbes Jahrhundert her, veröffentlichte Alexander Kluge mit anderen jungen Filmemachern das "Oberhausener Manifest", erklärte "Opas Kino" für tot und gründete in Ulm das Institut für Filmgestaltung: nieder mit dem gedankenlosen Unterhaltungsgewerbe. Kluge drehte "Abschied von Gestern" und "Die Macht der Gefühle" und weitere Spielfilme, in denen er das Fiktionale immer auch mit dem Faktischen mischte - wie das halt so ist mit Lebensgeschichten und mit Geschichten aus dem Leben.
Und als das Privatfernsehen aufkam, zeigte Kluge wieder Flagge, der Autorenfilmer erfand das Autorenfernsehen und gründete die Firma dctp, deren Sendungen bis heute als exterritoriale Inseln des Geistes im quotengeilen TV-Kommerz auftauchen. Kluge produziert seit 1988 völlig unabhängige Kulturmagazine wie "Primetime/Spätausgabe", aber auch "Spiegel TV". So läuft zum Beispiel am Sonntag auf Sat 1 um 0. 25 Uhr, also in der Nacht zum Montag, in der Reihe "News & Stories" eine Reportage über die Uraufführung von "Fremd" an der Staatsoper Stuttgart. Ja, solches Fernsehen gibt es tatsächlich. Anders gesagt: "Das Fernsehen offen zu halten für das, was außerhalb des Fernsehens stattfindet", das ist Kluges Ziel, der einst Assistent Theodor W. Adornos am Frankfurter Institut für Sozialforschung war und die Kritische Theorie, sehr gesellschaftsnah, noch heute pflegt.
Kluge, der vom Bambi bis zum Büchner-Preis mit Auszeichnungen viel Bedachte, war immer ein äußerst neugieriger Mensch. Und so präzise er schreibt, so emotional nimmt der Erzähler Kluge in Wort und Bild die Wirklichkeit auf: "Unsere Lebensläufe sind die Häuser, aus deren Fenstern wir Menschen die Welt deuten: ein Gefäß der Erfahrung für das literarisch Erzählbare."
Seinem geschriebenen Werk hat Kluge jetzt "Das fünfte Buch" final hinzugefügt. "Neue Lebensläufe", nicht weniger als 402 Geschichten: ein ausuferndes, ein privates wie öffentliches Sammelsurium an Aphorismen, an kurzen Stories, tagebuchartigen Aufschrieben, an philosophischen Randnotizen und politischen Kommentaren. Und vielem mehr. Da hat einer versucht, in gut lesbarer Lakonie die ganze Welt festzuhalten. Da kann dann auch mal ein "Sturz nach einem Tag mit zu vielen Eindrücken" passieren - Kluge dokumentiert einen Unfall in New York, ein Foto zeigt ihn mit Platzwunde. Kurios. Dieses Journal eines die Welt filternden Denkers ist auch eine erzählerische Wundertüte. Wer sie öffnet, wird in Kluges Kosmos hineingezogen.
Erkenntnisse? Einer wie Kluge, der als 13-Jähriger knapp den Luftangriff auf seinen Heimatort Halberstadt überlebte, so ein erfahrener "Lebensläufer", weiß, dass "die Zufälle in der Welt getrennt marschieren und vereint zuschlagen", wie er in einem Interview dem "Spiegel" sagte. "Die Geschichte ist voller Tretminen und Blindgänger; obwohl lange unbeachtet oder vergessen, können sie jederzeit hochgehen." Trotzdem, als Pessimist gefällt sich Kluge nicht: "Der Eigensinn des Menschen ist verlässlich und unbesiegbar" - also zukunftsfähig.
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Autor: JÜRGEN KANOLD | 11.02.2012
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Streitbarer Denker: Alexander Kluge feiert seinen 80. Geburtstag. Foto: dpa
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