Blick aus der Distanz
Berlin. Der bedeutendste deutsche Künstler der Gegenwart feiert Geburtstag: Gerhard Richter wird morgen 80 Jahre alt. Mehrere Ausstellungen zeigen die Vielfalt eines Künstlers, der sich nie festlegen ließ.
Hinterher bleibt das Gefühl, etwas mehr verstanden zu haben. Was das ist, lässt sich schwer beschreiben. Gerhard Richter fasst seine Gedanken nicht in Worte, er entwickelt sie als Bilder. Und so besteht die ganze Erkenntnis beim Besuch so einer Ausstellung vielleicht darin, dass eine Glas-Installation in Gestalt ihrer Schatten über die eigenen Grenzen treten kann. Hochkomplex ist das, und oft wunderschön.
"Der Schein", hat Richter geschrieben, sei sein Lebensthema. Um Gewissheiten kann es da nicht gehen, er hat sich nie auf eine Programmatik oder einen Stil festlegen lassen. "Ich mag das Unbestimmte und Uferlose und die fortwährende Unsicherheit", hieß es stattdessen. Wenigstens das dürfte noch gelten, wenn morgen der berühmteste deutsche Maler der Gegenwart seinen 80. Geburtstag feiert.
Mehrere Ausstellungen würdigen den Anlass. Die wichtigste ist jene Retrospektive, die in der Londoner Tate Modern zu sehen war und nun in die Neue Nationalgalerie nach Berlin zieht. In 150 Werken entrollt sich das "Panorama" eines Lebenswerks, das von Gemälden nach Fotos über romantisierende Landschaften bis hin zu Farbtafeln, abstrakter Malerei und Glasobjekten reicht. Den Anfang macht die Nummer 1 im Werkkatalog, das Bild, das Richter selbst 1962 als Beginn seiner Karriere definiert hat: "Tisch".
Dabei hatte Richter durchaus ein künstlerisches Vorleben. Seine akademische Ausbildung als Maler hatte er in Dresden bekommen. Kurz vor dem Mauerbau,1961, flüchtete er in den Westen, wo er noch einmal an der Düsseldorfer Akademie studiert. Er setzt sich mit zeitgenössischen Positionen wie Pop Art und Fluxus auseinander - prägend aber werden vor allem die Freunde: Konrad Lueg, Manfred Kuttner, Günther Uecker, Blinky Palermo, Sigmar Polke. Der "Kapitalistische Realismus", den Richter und Lueg etwa in einer Performance inszenieren, ist ein Kommentar auf sozialistische Staatskunst und westliche Konsumgesellschaft gleichermaßen. Kollektive und Ideologien bleiben Richter auch diesseits der Mauer fremd. Seine Kunst will bewusst nicht expressiv sein, sie setzt auf Distanz.
Exemplarisch dafür steht sein Verfahren, Fotos abzumalen, die er oft mit Unschärfe überzieht - ein deutlicher Hinweis darauf, wie fragwürdig die Repräsentation von Wirklichkeit ist; zugleich aber eine Behauptung des Eigenrechts der Malerei.
Die Bilder können banale Motive haben, doch Beispiele zeigen, dass Richter seinen Gegenständen keinesfalls immer gleichgültig gegenübersteht. Etliche Gemälde beziehen sich auf Vorbilder aus der Kunstgeschichte wie Vermeer oder Duchamp. Berühmt ist das Familienbild "Tante Marianne": Sie fiel der Euthanasie der Nazis zum Opfer. Einen provozierend neutralen Beitrag zur politischen Auseinandersetzung lieferte der Künstler mit seinen Abbildungen der RAF-Terroristen im Zyklus "18. Oktober 1977".
Ein großer Teil seines Werkes besteht aus abstrakten Gemälden, die in schillernden Farbschichten wiederum Illusion zugleich schaffen und vorführen. "Gar nichts" wolle er mit all dem sagen, behauptet Gerhard Richter gerne. Das muss er auch nicht, solange er malt.
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Autor: LENA GRUNDHUBER | 08.02.2012
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Gerhard Richters 80. wird gebührend gefeiert. Foto: dpa
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