1938: Ein Katastrophenjahr auch für die Kunst

Das "System Gurlitt" war überall: Die Ausstellung zum Pogrom-Jahr "1938" im Jüdischen Museum Frankfurt zeigt, wie sich Kunstbetrieb und Politik an der Verfolgung der Juden bereicherten.

|
Vorherige Inhalte
  • Verfolgte Künstlerin: Lotte Laserstein, fotografiert von Wanda von Debschitz-Kunowski im Jahr 1930. 1/2
    Verfolgte Künstlerin: Lotte Laserstein, fotografiert von Wanda von Debschitz-Kunowski im Jahr 1930. Foto: 
  • "Völkisch": Gerhard Löbenberg schenkte seinen "Raufbold (Hirsch)" Hermann Göring. 2/2
    "Völkisch": Gerhard Löbenberg schenkte seinen "Raufbold (Hirsch)" Hermann Göring. Foto: 
Nächste Inhalte

Es war die "Katastrophe vor der Katastrophe", wie Raphael Gross unterstreicht. Der Direktor des Jüdischen Museums und des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt verwies in seiner Einführung zu der neuen Ausstellung auf den "Strudel der Ereignisse", der Europas Juden 1938 erfasste, dem Jahr des "Anschlusses" Österreichs, der Besetzung des Sudentenlandes und der November-Progrome.

An diesem Jahr, einem annus horribilis der deutschen Geschichte, lässt sich manches festmachen. Das Jüdische Museum Frankfurt, das kürzlich 25. Geburtstag feierte, widmet sich dem Kunstbetrieb im Jahr "1938" - so auch der Titel der Ausstellung - und begegnet dem "System Gurlitt", wie Gross sagt.

Es waren aber nicht allein Kunsthändler, die sich an den Opfern der Nationalsozialisten bereicherten. Die Ausstellung gibt wertvolle Hinweise: So wurden bis dahin 21 000 Bilder von 1400 Künstlern aus rund 100 Museen als "entartete Kunst" beschlagnahmt. In den folgenden sieben Jahren füllten allein Hitler und Göring ihre Depots mit fast 9000 größtenteils entwendeten Kunstobjekten.

Im Jüdischen Museum findet sich zum Beispiel Fritz Boehles geruhsamer "Feierabend" eines Bauernpaars, der einst zur Sammlung Hugo Nathans gehörte und dann als "national wertvolles Kulturgut" für das Städel-Museum konfisziert wurde. Allein 800 Aquarelle von Hitlers Lieblingsmaler Rudolf von Alt wurden im allerhöchsten Auftrag zusammengerafft.

Aber die Herren kauften auch gern und großzügig nach Gusto ein. Edmund Steppes hier gezeigtes Triptychon "Die Geburt der Wolke" etwa wurde von Hitler für 38 000 Reichsmark geordert, der völkische Malerfürst kam danach ebenso auf die kriegsdienstbefreiende "Gottbegnadeten"-Auswahlliste wie der Bildhauer Georg Kolbe. Andere Biografien verliefen brüchiger. Hans Braschs Werk etwa galt 1937 noch als "entartet", ein Jahr später erhielt Göring bereits ein Brasch-Aquarell als Geschenk übereignet.

Es ist die Gegenüberstellung entstaatlichter (aber eben auch verstaatlichter) Kunst mit den Profiteuren des Systems, die eine eigene Spannung erzeugt. Auf der einen Seite steht jemand wie Görings Haus- und Hofmaler Gerhard Löbenberg, dessen kapitaler "Raufbold"-Hirsch den Wild-Maler zum "Referenten für Jagdkunst und Ausstellungswesen" im Reichsjagdamt prädestinierte. Auf der anderen Seite sind verfolgte, geächtete, ermordete Künstler wie Lotte Laserstein oder die viel zu lange unterschätzte Elfriede Lohse-Wächtler.

Ein Prunkstück der Ausstellung ist gerade mal 38 mal 46 Zentimeter groß: "Paysage, le mur rose" von Henri Matisse ist ein Bild mit bewegter Vergangenheit: Die "Rosa Mauer" an einem korsischen Krankenhaus wurde als eines von 145 Gemälden 1914 auf der - unter dem Namen "Peau de l"Ours" berühmt gewordenen - Auktion moderner Kunst im Pariser Hôtel Drouot versteigert. Danach verlor sich die Spur des Bildes, bis es 1949 dem Musée Nationale d"Art Moderne (MNAM) übergeben wurde.

Später wurde die abenteuerliche Geschichte des Werkes annähernd rekonstruiert. Es war jahrelang im Besitz des Frankfurter Telefon-Magnaten Harry Fuld jr., der in jenem Herbst 1938 vor den Nazis nach London floh, als der Offizier Kurt Gerstein im heimatlichen Tübingen die Synagoge brennen sah.

"Jetzt lassen sie die Maske fallen", soll Gerstein am 9. November zu seiner Frau Elfriede gesagt haben. Dem Christen Gerstein, einem im SS-Waffenrock getarnten Hitler-Gegner, wurde später mit Rolf Hochhuths "Stellvertreter"-Drama und einem Kinofilm ein etwas brüchiges Denkmal gesetzt. Die Abneigung gegen das Regime scheint Gerstein jedenfalls nicht davon abgehalten zu haben, seinerseits profitable Geschäfte zu machen. Das Matisse-Gemälde wurde nach dem Krieg von den Franzosen in Talheim, einem Steinlach-Dörfchen unweit von Tübingen, aufgespürt. Kurt Gerstein hatte es offenbar dort versteckt, bevor er in französischer Haft Selbstmord beging. Sehr wahrscheinlich schanzte es ihm ein alter Schulfreund zu: Der Auktionator Hans W. Lange, der nicht nur den "Führerbunker" mit gestohlenen Preziosen belieferte, sondern auch reichlich Raubkunst im Auftrag der gleichgeschalteten Finanzbehörden versilberte.

Vor fünf Jahren wurde das Matisse-Bild schließlich den Fuld-Erben übereignet und umgehend zugunsten eines israelischen Rettungsdienstes versteigert. Vor drei Jahren kehrte "Le Mur Rose" nach Frankfurt heim, als das Jüdische Museum das Werk mit Drittmitteln für 200 000 Euro erwarb.

Die sehenswerte Frankfurter Ausstellung spricht Klartext: Der "arisierte" Handel war "staatliche legitimierte Hehlerei", nichts anderes. Hier bekommt man einen Eindruck davon.

Infos und Öffnungszeiten
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kuhberg: Was den Anwohner Sorge macht

30 Ulmer gehen mit dem Oberbürgermeister über den Unteren Kuhberg und sagen, was ihnen Sorgen macht. weiter lesen