150 Jahre Reclam Universal-Bibliothek: Die Revolution in Gelb

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    Der Neubau des Verlags in Ditzingen. Foto: 
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    Anton Philipp Reclam (1807-1896), der Gründer des Reclam-Verlags: Jugendbildnis eines unbekannten Meisters. Foto: 
  • Einer der ersten Bände der Reclam Universal-Bibliothek von vor 150 Jahren. 4/5
    Einer der ersten Bände der Reclam Universal-Bibliothek von vor 150 Jahren. Foto: 
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    Die berühmten „gelben Hefte“ werden von den Lesern oft noch weiter kreativ gestaltet. Foto: 
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Reclam und revolutionär? Das mögen Generationen von Schülern und Studenten nicht zusammenbringen, stehen die kleinen gelben Bände doch nicht nur für handliche und erschwingliche, sondern vor allem auch für klassische Literatur. Und Klassik klingt eher nach Kanon, nach Pflicht, denn nach hippem Aufrührertum. Wobei manch’ zerfleddertes, bekritzeltes oder sonstwie künstlerisch bearbeitetes Büchlein aus der Jugend dann doch immerhin rebellische Reaktionen seitens der Pflichtleserschaft auf die Lektüre von Goethes „Götz von Berlichingen“, Aristophanes’ „Die Vögel“ oder Büchners „Woyzeck“ erahnen lässt. Ob die vereinfachte Reproduktion des Plakats von „Der weiße Hai“ auf der Rückseite von Giraudoux’ „Undine“ oder das bittend kniende Cartoon-Klärchen mit Wespentaille in Kuli/Buntstift auf Pappumschlag zu Hebbels „Maria Magdalena“ Rückschlüsse auf das inhaltliche Verständnis des Primärtextes zulassen?

Einen „rebellischen Ursprung“ jedoch liest kein Geringerer als Literaturnobelpreisträger Thomas Mann aus dem Programm des einst in Leipzig gegründeten und heute in Ditzingen bei Ludwigsburg beheimateten Reclam Verlags heraus.

Der 9. November ändert alles

Neben Klassischem bot der preislich von Anfang an alle Konkurrenten unterbietende Verlag  Aktuelles, Unterhaltung, Satire sowie „politische, einem bürgerlichen Liberalismus verpflichtete Broschüren“, berichtet die jetzt zum 150-Jährigen von dessen im deutschsprachigen Raum einmaliger Universal-Bibliothek herausgegebene Chronik. Und liefert die Begründung gleich nach: Anton Philipp Reclam (1807-1896), der als 21-Jähriger zum 1828 erworbenen „Literarischen Museum“ in Leipzig einen Verlag gegründet hatte, stand der jungdeutschen Bewegung nahe, deren Dichter sich gegen die reaktionäre Politik und für demokratische Freiheitsrechte einsetzten. Also: revolutionär! 1837 gab er das Museum ab und taufte den Verlag in „Philipp Reclam jun.“ um.

1843 musste er die demokratische Wochenzeitschrift „Leipziger Locomotive“, vom Umfeld Metternichs des aufrührerischen Sansculottismus bezichtigt, einstellen; 1846 erhielt der Verlag Vertriebsverbot in Österreich: wegen Verbreitung „staatsgefährlicher und  verbrecherischer Lehren“; und als er die Übersetzung von Thomas Paines „The Age of Reason“ veröffentlichte, wurde Reclam „wegen öffentlicher He­rabsetzung der Religion“ gar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt – die er nicht antreten musste. Eine historisch verbürgte Revolution verhinderte das, die von 1848.

Am 9. November 1867 schließlich gab eine neue Regelung die Werke deutscher Autoren 30 Jahre nach ihrem Tod zum lizenzfreien Abdruck frei. Dieser Tag heute vor 150 Jahren markiert die Geburtsstunde der kleinen gelben Hefte. Denn Reclam, dessen Sohn Hans Heinrich inzwischen in den Verlag eingestiegen war, gründete daraufhin die „Universal-Bibliothek“. Eine „Sammlung von Einzelausgaben“, die regelmäßig erweitert werden sollte, finanziert über die Mischung beliebter, lukrativer Titel mit literarisch höherwertigen, doch schwerer verkäuflichen.

Los ging es mit „Faust“, gefolgt vom „Nathan“ und einer „freiheitskriegerischen Lyriksammlung“. Dazu kam Weltliteratur: Auf Shakespeares „Romeo und Julie“ folgten bald Molière, Racine, Cervantes, Goldoni, aber auch antike Texte von Homer, Aischylos, Ovid und Mittelalterlichem wie dem „Rolandslied“. Mit deutschen Erstausgaben etwa von Gogol leitete der Verlag „eine breite Rezeption der russischen Literatur in Deutschland“ ein, trug im Gegenzug zur Begeisterung für westliche Literatur in Russland bei und wurde zum frühen Förderer skandinavischer Autoren.

Ende des 19. Jahrhunderts sollte Ibsen zum erfolgreichsten ausländischen Autor der Universal-Bibliothek werden, die nicht nur in Deutschland, sondern bis ins ferne Japan Nachahmer fand. Die in Programm, Format und Nummernzählung verwandte „Iwanami Bunko“ führte gar zu einer Wandlung des zunächst nur „Bibliothek“ bedeutenden Begriffs „bunko“. Der steht in Japan seitdem für eine „kleinformatige, billige Ausgabe“. Die „Idee, literarische Hochqualität mit niedrigsten Preisen zu kombinieren“ – bis 1917 war der Preis mit 20 Pfennig pro Heft sensationelle 50 Jahre lang stabil, bevor er 1923 inflationsbedingt auf aberwitzige 330 Milliarden Mark kletterte –, war nicht nur revolutionär, sie kam auch an: Bildung ermöglichte den gesellschaftlichen Aufstieg.

Dazu hätte es nicht mal des marketingtechnisch wahrhaft revolutionären Bücherautomaten bedurft, von dem Reclam zwischen 1912 und 1940 fast 2000 Stück aufstellen ließ: in Cafés und Biergärten, Bahnhöfen und Hotels, Krankenhäusern und Kasernen. Ein Verlegerkollege schwärmt noch Jahre später von dieser „Sensation“, die für ein paar Pfennige nicht Süßigkeiten, sondern „eine ganz andere Art von Lebensweckern“ ausspie: Reclam-Hefte. Auf Anregung eines Soldaten hin folgte dem Reclam-o-mat im Ersten Weltkrieg dann die „Tragbare Feldbücherei“: Kästen mit je 100 Nummern der UB, die an der Front, auf Schiffen und in Lazaretten zum Einsatz kamen.

Verzeichneten andere Verleger vor 150 Jahren Auflagen von durchschnittlich 750 Exemplaren, legte Reclam seinen „Faust“ gleich zu Beginn mit 5000 Exemplaren auf  – und musste schon einen Monat später die gleiche Menge nachdrucken. Opern-Libretti, Philosophisches, zeitgenössische Autoren und Gesetzestexte folgten. Schon nach einem Jahr war die Taschenbuch-Reihe auf 110 Nummern angewachsen. Bis 1935 sollten es 7310 lieferbare Titel werden.

Dann ging es bergab. Erst verlangten die Nationalsozialisten, jüdische und andere missliebige Autoren aus dem Programm zu nehmen, dann wurde Papier knapp und 1943 das Hauptlager durch Brandbomben vernichtet. „Die Sammlung der Universal-Bibliothek besteht nicht mehr“, konstatiert der Chronist.

Die Geschichte des Reclam-Verlags wird nach Kriegsende zur deutsch-deutschen Geschichte. Teile der Familie gründen in Stuttgart die Reclam Verlag GmbH. 1947 erscheint dort die erste westliche Nachkriegsserie der Universal-Bibliothek – mit 17 Titeln zu 60 Pfennig –, 1957 ist sie die erfolgreichste Buchreihe Deutschlands. Der Neuanfang war nicht leicht, berichtet die Verlagshistorikerin. Doch „der Name Reclam besaß genügend geistige Substanz und Anziehungskraft“.  1967 nennt „Der Spiegel“ die kleinen Gelben zum 100-Jährigen „die revolutionärste Idee der Buchindustrie“.

Nach dem Mauerfall teilen sich Leipzig und Stuttgart den Markt, 1991 übernehmen die Schwaben das verschuldete sächsische Haus. 2006 wird die Leipziger Zweigstelle geschlossen. Heute ist der Verlagssitz Ditzingen, die Universal-Bibliothek zählt 3000 Titel, die es außer in Gelb in fünf weiteren Farben gibt: Rot (Fremdsprachentexte), Blau (Arbeitstexte für die Schule), Orange (zweisprachige Ausgaben), Grün (Erläuterungen und Dokumente), Magenta (Sachbücher). Sie kosten zwischen 1,60 und 22 Euro. Aus Pappe, zum Bekritzeln, sind sie immer noch. Auch Revolutionäres lässt Raum für Konstanz.

Festakt Für Samstag lädt der Reclam-Verlag zu „150 Jahre Universalbibliothek“ ins Stuttgarter Literaturhaus. Festredner sind Anja Reclam-Klinkhardt und Wolfgang Kattanek vom Verlag, Reclam-Autor und Dramaturg Michael Sommer, Literaturkritiker Rainer Moritz und Slam-Poet Timo Brunke mit „Ich reclamiere“.

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