ADHS: "Für Hyperaktive ist Schulzeit die Hölle"

Kinder mit Aufmerksamkeitsstörung haben oft eine Lese-Rechtschreibschwäche, sagt ein Psychiater. Darüber verzweifeln nicht zuletzt die Kinder.

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Ein Kind ist sehr unruhig, sehr impulsiv, sehr unkonzentriert. Ist es einfach hibbelig oder leidet es an einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS? Nur eine fachärztliche Diagnostik kann das klären, betonte Dr. Norbert Beck. Der Würzburger Kinder- und Jugendpsychotherapeut beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Thematik.

In der Neu-Ulmer Oldtimerfabrik sprach er kürzlich auf Einladung der Neu-Ulmer Niederlassung der Lehrinstitute für Orthographie und Sprachkompetenz, kurz LOS, die eine Tagung für Fachpublikum ausgerichtet haben. Beck stand mit seinem Vortrag über "Zappelphilipp, Träumer, Trotzkopf - Aufmerksamkeitsstörungen bei LRS-Kindern und Jugendlichen" im Mittelpunkt. Über 40 Lehrer und Ärzte hörten dem Vortrag zu.

Beck führte aus, dass ADHS keine Erfindung der Neuzeit sei. Schließlich wurde der Zappelphilipp im "Struwwelpeter" beschrieben, einem Werk aus dem Jahr 1845. Warum Kinder hyperaktiv werden, ist nicht vollständig erforscht. Für Beck steht fest: "Es ist kein Versagen in der Erziehung, geschweige denn eine Boshaftigkeit des Kindes." Vielmehr könnten dafür Komplikationen bei der Geburt, Vererbung und die Umwelt mit ihren schnell wechselnden Reizen verantwortlich sein.

Beck führte aus, dass in Deutschland fünf Prozent aller Kinder von einer hyperkinetischen Störung betroffen sind, deutlich mehr Jungs als Mädchen. Bis zu 40 Prozent dieser Kinder leiden an einer Lese-Rechtschreibschwäche. Beck: "Für sie ist die Schulzeit die Hölle." Stillsitzen fällt ihnen schwer. Der schulische Erfolg, "das Klebebildchen der Lehrerin", bleibt aus. Zudem werden die Kinder häufig ausgegrenzt. Beck berichtet von derart verzweifelten Kindern, dass sie "suizidale Impulse" entwickeln.

Welche Hilfen gibt es? "Die sind nur im Zusammenspiel von Eltern, Lehrern, Therapeuten möglich." Und mittels Medikamenten. Beck sieht sie kritisch, will sie aber nicht verteufeln. Denn: "Für manche Kinder kann Ritalin sinnvoll sein." Und: Eltern sollten die besondere Situation anerkennen. Damit es Familien nicht ergeht wie im "Struwwelpeter", bei dem es beim "Zappelphilipp" heißt: "Vater ist in großer Not, und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum."

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