SÜDWEST PRESSE Wanderaktion

Archäologische Wandertour im Lonetal

Lonetal. 



Raus aus dem Nebel, rauf auf die Alb. Tatsächlich beginnt das feuchte Grau kurz hinter Ulm sich zu lichten. Als wir auf den Wanderparkplatz unterhalb der Öllinger Steige bei Bissingen einbiegen, scheint die Morgensonne ins Lonetal. Trotzdem gehören außer festen Wanderschuhen dicke Jacke, Handschuhe und Mütze zur Ausrüstung.

Am Beginn des Wanderwegs heißt uns die Stadt Herbrechtingen auf ihrem Gebiet willkommen. Die Informationstafel gibt unter anderem Auskunft über die Höhlen im Lonetal. An drei der fünf genannten werden wir in den nächsten gut dreieinhalb Stunden vorbeikommen, das Fohlenhaus bei Bernstadt und die Haldensteinhöhle bei Urspring sind ein anderes Mal an der Reihe.

In den Wiesen rechts des Wanderwegs verdampft der Raureif in der langsam höher steigenden Sonne und schlängelt sich das neue Bett der Lone, fein säuberlich modelliert. Renaturierung mit dem Bagger, über die Naturschützer nicht besonders glücklich sind. Das Bett sei zu tief, bis ins Eiszeitgestein, gegraben worden, lautet der Vorwurf. Der mäandernde Bachlauf ist trocken wie ein Wadi in der Wüste – Schicksal eines Karstgewässers nach Wochen ohne ergiebigen Regen: Das weniger werdende Wasser versickert im durchlässigen Boden.

Nach etwa zwei Kilometern auf dem fein geschotterten Wanderweg erreichen wir auf der Nordseite des schmaler werdenden Tals die erste Station der Höhlentour, die Hohlenstein-Höhle. Hier hatten Urgeschichtler aus Tübingen am 25. August 1937 zahlreiche Bruchstücke von Mammutelfenbein gefunden. Erst Jahrzehnte später wurden diese zusammengesetzt, und heraus kam der Löwenmensch: 30 Zentimeter groß, etwa 32 000 Jahre alt und somit eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit. Noch älter ist der Oberschenkelknochen eines Neandertalers, der ebenfalls im Hohlenstein gefunden wurde. Sind Neandertaler und der moderne Mensch Homo sapiens im Lonetal aufeinandergetroffen?, fragt sich daher die Wissenschaft. Wir fragen uns, wie man es überhaupt in dieser kalten Höhle aushalten konnte und nehmen wieder Wandertempo auf.

Beim Kochstein, einem Felsen an einer Engstelle des Tals, geht es wieder auf die Sonnenseite der Lone. Nach weiteren etwa zwei Kilometern nehmen wir den kurzen Anstieg zur zweiten Station unserer Wanderung, der Vogelherdhöhle, in Angriff. Zuerst schauen wir in die kleine Vogelherdhöhle, dann in die große mit ihrem u-förmigen Durchgang. Auch hier war es ein Tübinger Wissenschaftler, Gustav Riek, der 1931 zu graben begann. Unter anderem wurden elf aus Mammutelfenbein geschnitzte Figuren gefunden, ebenfalls mehr als 30 000 Jahre alt: zwei Mammute, ein Wildpferd, ein Rentier, ein Bär, ein Höhlenlöwe.

Letzterer dürfte unseren Vorfahren des öfteren den Wohnraum streitig gemacht haben, mutmaßen wir und setzen den Weg hinauf nach Stetten ob Lontal fort. Dort, etwa bei Halbzeit der Wanderung, gibt es zwei Einkehrmöglichkeiten – Adler und Mohren –, aber beide haben Ruhetag. Geöffnet zur inneren Einkehr ist die Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt, 1729 bis ’33 nach Plänen des Elchinger Barockbaumeisters Christian Wiedemann erbaut.

Nächstes Etappenziel ist Lindenau, das wir auf dem Weg der Jakobspilger erreichen. Leider hat inzwischen der Hochnebel die Sonne zugedeckt, so dass der Mischwald mit dem schönen Namen „Frauholz“ fast ein wenig düster wirkt. Durch Lindenau geht es zügig hindurch, denn auch das „Schlössle“, die beliebte Ausflugsgaststätte, ist montags geschlossen.

Wieder tauchen wir ab in den Wald, lernen auf einem Stück Lehrpfad Ulme und Sommerlinde zu unterscheiden und folgen den Wegweisern zur Bocksteinhöhle. Oberhalb des Eingangs bietet sich von einer einfachen Hütte ein schöner Ausblick ins Lonetal. Der steile Abstieg zur Höhle ist nicht ganz einfach, feuchtes Laub, Wurzeln und Steine erfordern volle Konzentration.

Die Höhle und das unterhalb gelegene Erdloch, genannt „Bocksteinschmiede“, sind unscheinbar, aber ihre Geschichte macht Eindruck: Hier wurden in den Jahren 1933 bis ’35 und 1953 bis ’56 Reste von Steinwerkzeugen gefunden. Vor 50 000 bis 70 000 Jahren hatten Neandertaler damit gearbeitet. Die Bocksteinhöhle gilt daher als älteste Neandertaler-Siedlung in Süddeutschland.


Dateiname : Wandertipp 7
Dateigröße : 2,06 MBytes.
Datum : 03.11.2009 14:20
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Autor: Thomas Steibadler | 21.10.2009

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