Zweifel an der Muttermilch

Beugt Stillen gegen eine spätere Erkrankung an Asthma und Allergien vor? Ulmer Forscher sehen keinen Zusammenhang.

|
Vorherige Inhalte
  • Selbst wenn die Studie die Wirksamkeit von Muttermilch in Bezug auf Schutz vor Asthma und Allergien anzweifelt, rät der Ulmer Forscher 
Dr. Jon Genuneit Müttern zum Stillen: „Muttermilch ist die beste Ernährung“. 1/2
    Selbst wenn die Studie die Wirksamkeit von Muttermilch in Bezug auf Schutz vor Asthma und Allergien anzweifelt, rät der Ulmer Forscher Dr. Jon Genuneit Müttern zum Stillen: „Muttermilch ist die beste Ernährung“. Foto: 
  • 2/2
    Foto: 
Nächste Inhalte

Muttermilch oder: Wie Babys gesund bleiben. Das ist zusammengefasst die seit Jahrzehnten gängige These zum Stillen. Muttermilch ist in der Tat ein „tolles Gebräu“, sagt Dr. Jon Genuneit und fügt an: „Stillen ist die beste Ernährung für Babys.“ Auch weil Muttermilch Schutz vor Infektionen biete. Neben Eiweiß und Wasser gibt die stillende Mutter über die Milch auch Antikörper und Fettsäuren an das Neugeborene weiter – darunter auch die gemeinhin als „gut“ geltende Omega 3-Fettsäure.

Vor dem Hintergrund einer Studie, die der Mediziner und sein Kollege Chad Logan vom Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie an der Uni Ulm jüngst publiziert haben, tauchen allerdings leise Zweifel an der Wirksamkeit der Muttermilch auf. Ganz speziell: Die beiden Wissenschaftler haben im Rahmen der Ulmer Kinderstudie untersucht, inwiefern die Zusammensetzung der Muttermilch das Entstehen von Asthma verhindert. Vorhergehende Studien hatten einen Zusammenhang festgestellt. Nicht so Genuneit und Logan. Sie kommen zu dem überraschenden Ergebnis, dass offenbar keine Korrelation zwischen Stillen und späteren asthmatischen Reaktionen nachzuweisen ist. „Das hat uns schon verblüfft“, sagt Genuneit. Die Erkrankungsrate lag im Bundesdurchschnitt: Rund neun Prozent der Kinder, die gestillt wurden, entwickelten bis zum 13. Lebensjahr Asthma.

Die beiden Epidemiologen griffen in ihrer Studie auf Proben zurück, die von November 2000 bis November 2001 erhoben worden waren. In diesem Zeitraum hatten insgesamt 1066 Mütter mit 1090 Kindern an der Studie teilgenommen, die damals unter der Bezeichnung „Säuglingsstudie“ lief, heute, weil die Säuglinge von damals Kinder sind, als „Kinderstudie“ bezeichnet wird. Die Forscher analysierten die Zusammensetzung von 782 Muttermilchproben, die zu zwei Messzeitpunkten genommen wurden: zum einen sechs Wochen, zum anderen sechs Monate nach der Geburt der Kinder. „Das waren jeweils zehn Milliliter, die Milch sollte ja der Säugling bekommen – nicht die Studie“, sagt Genuneit. Beim zweiten Messzeitpunkt nahmen nur noch 470 Mütter teil, was primär dem Umstand geschuldet ist, dass manche Kinder zu diesem Zeitpunkt, also sechs Monate nach der Geburt, bereits abgestillt waren.

Im Mittelpunkt der Analyse standen 28 Fettsäuren und ihre Wechselwirkung, „die vorhergehenden Studien hatte das Zusammenwirken nicht berücksichtigt, sondern einzelne Fettsäuren isoliert betrachtet“, erklärt Genuneit. Was seiner Meinung nach zu falschen Ergebnissen führt. Nimmt eine stillende Frau beispielsweise Omega 3-Fettsäuren über Fischöl zu sich, „dann erhöht sich diese Omega 3-Fettsäure, andere Fettsäuren reduzieren sich infolgedessen. Der Zusammenhang ist komplex.“

Jedes Jahr ein Fragebogen

Das war die labortechnische Arbeit, hinzu kam die statistische Auswertung der Fragebögen, die über 13 Jahre hinweg Auskunft über den Gesundheitszustand der Kinder geben. Wurden Allergien oder Asthma diagnostiziert? Hat das Kind entsprechende Medikamente erhalten.

Am Ende der Studie stand das eindeutige Ergebnis: Die Zusammensetzung der Muttermilch hat keinen Einfluss auf eine spätere asthmatische Erkrankung. Dies bedeute aber nicht, dass Muttermilch überhaupt nicht wirksam sei, „vielleicht hat es ja einen Einfluss auf andere Erkrankungen. Unsere Ergebnisse lassen sich nicht generalisieren. Weitere Studien müssen jetzt folgen.“

Projekte
Dr. Jon Genuneit ist Projektleiter der Ulmer Spatz Gesundheitsstudie, die Daten von Müttern und Kinder im Zeitraum von April 2012 bis Mai 2013 erfasst hat. Der 38-Jährige hat an der Uni Ulm Medizin studiert, seit 2006 forscht er am Institut für Epidemiologie und medizinische Biometrie, wo er 2008 promoviert und 2014 habilitiert hat. Die Ulmer Spatz Gesundheitsstudie steht inhaltlich in enger Verbindung mit der ersten Ulmer Säuglingsstudie, die von November 2000 bis November 2001 ebenfalls Daten von Müttern und Kindern erhoben hat und gegenwärtig noch erhebt. fasst. In beiden Langzeitstudien, die Daten von der Geburt bis zum 17. Lebensjahr sammeln, geht es um Asthma und Allergien, um die körperliche Entwicklung und Adipositas und um die psychosoziale Gesundheit, um Schlaf, Stress oder auch Medienkonsum.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

26.04.2017 10:59 Uhr

Antwort auf „Wissenschaftlich Logik...”

Das ist wohl keiner "wissenschaftlichen Logik" geschuldet, sondern dem komischen Tenor des Artikels von Rudi Kübler. Die Wissenschaftler haben einfach nur einen Aspekt untersucht und die Ergebnisse veröffentlicht. Herr Kübler wählt dafür die irreführende Überschrift "Zweifel an der Muttermilch" und behauptet in der Unterüberschrift, dass kein Zusammenhang mit "Asthma und Allergien" gesehen wird. Im Artikel ist allerdings ausschließlich von Asthma die Rede (Allergien wurden lt. Artikel untersucht, aber zu Ergebnissen steht dort nichts).

Antworten Kommentar melden

26.04.2017 10:03 Uhr

Wissenschaftlich Logik...

Da sie auf späteres Asthma anscheinend keinen Einfluß hat, wird der Eindruck erweckt sie hätte überhaupt keinen besonderen Nutzen.

Man könne genauso absurd behaupten: Die meisten Alkoholiker wurden als Kind gestillt. Also ist Muttermilch wohl eher schädlich für die spätere Entwicklung...

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Mieter entsetzt über Kahlschlag in grüner Oase

Mieter einer Villa am Michelsberg sind entsetzt über den Kahlschlag ihrer Grünflächen, die eine Oase für Pflanzen und Tiere gewesen sein soll. Die Ulmer Wohnbaugenossenschaft UWS hat die Maßnahmen angeordnet. weiter lesen