Zwei Frauen starten Online-Petition: "Bildung soll nichts kosten"

Der Besuch von Krippe und Kindergarten soll kostenfrei sein. Das fordern die beiden Ulmerinnen Yasemin Arpaci und Daniela Mezger. Deswegen haben die berufstätigen Mütter eine Online-Petition gestartet. Mit einem Kommentar von Beate Rose.

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Bildungsgerechtigkeit heißt für Yasemin Arpaci (links) und Daniela Mezger, dass der Besuch von Kita und Kindergarten kostenfrei ist. Beide bezeichnen die Gebühren für die Einrichtungen in Ulm als unverhältnismäßig hoch.  Foto: 

Die Schule ist kostenfrei, das Studium in den meisten Regionen in Deutschland auch. Warum sollte der Besuch von Krippe und Kindergarten Geld kosten? Zumal für die Ulmerinnen Yasemin Arpaci und Daniela Mezger feststeht: "Sprachförderung, soziales Miteinander, professionelle Betreuung - der Kindergarten leistet Bildungsarbeit. Bildung sollte nichts kosten", formuliert es Arpaci. Mezger schiebt nach: "Wir sind dagegen, dass in Ulm Familien als Einnahmequellen verstanden werden."

Arpaci und Mezger wollen nicht als zwei "spinnige Mütter" verstanden werden, wie es Mezger formuliert. Beide sind berufstätig, haben kleine Kinder. Beide wissen also, wovon sie reden, wenn sie über Kosten für Kinderbetreuung sprechen. Ein Thema, das Dauerbrenner unter Eltern ist. Denn "die Gebühren für Kita und Kindergarten sind in Ulm unverhältnismäßig hoch", fasst es Daniela Mezger zusammen. Alle Eltern würden klagen. Die gültige Gebührenordnung stammt aus dem Jahr 2003, wurde jedoch immer wieder mit Zustimmung des Gemeinderats geändert, was bedeutet, dass die Gebühren meist erhöht wurden, zuletzt im März dieses Jahres.

Die Gebührentabelle liest sich stets verwirrend - und zwar so: Abhängig sind die Beiträge davon, wie lange die Kinder in einer Einrichtung betreut werden, wie alt die Kinder sind, wie viele Kinder eine Familie hat und wie viele gleichzeitig eine Einrichtung besuchen. Den Höchstbetrag muss man zahlen, wenn das monatliche Nettoeinkommen der Familie 5306 Euro oder mehr beträgt. Dann werden bei einem Kind, das ganztags im Monat über 48 Stunden betreut wird, 8,55 Prozent des Einkommens fällig, bei einer Familie mit einem Kind sind das 454 Euro. Bei einem Kind unter drei Jahren wird das 1,5-fache der Gebühr erhoben.

Eltern tun sich schwer, über das, was sie zahlen, öffentlich zu reden. Yasemin Arpaci macht eine Ausnahme. Sie arbeitet Vollzeit im Kundendienst. Für den Kindergartenplatz des vierjährigen Sohnes zahlt sie im Monat knapp 400 Euro. Da die Betreuungszeiten im Kindergarten der Berufstätigen nicht ausreichen, beschäftigt sie auf 450-Euro-Basis eine Kinderfrau. "Ich komm mir vor wie im Hamsterrad", sagt sie. "Ich muss mehr arbeiten, um die Betreuung zahlen zu können."

Die Frauen haben Zahlen zusammengetragen, die belegen, was das für Familien aus ihrem Bekanntenkreis bedeutet. Eine Familie etwa, die über ein monatliches Einkommen von 5500 Euro verfügt, zahlt für den Kindergartenbesuch ihrer beiden Kinder monatlich 934 Euro. Eine Alleinerziehende, die über ein Einkommen von 2100 Euro verfügt, muss für ihren Sohn 225 Euro Kindergartengebühr zahlen - Monat für Monat. "Das Geld fehlt, um sich etwa eine Wohnung mit Kinderzimmer zu leisten", sagt Mezger.

Aus diesen Gründen haben Arpaci und Mezger vor zehn Tagen eine Online-Petition gestartet, in der sie ihre Forderungen ausführen. 80 Unterzeichner gibt es mittlerweile, die durchweg Unterstützung für Eltern fordern. 60 Tage steht die Petition im Internet. Nach Ablauf der Diskussion wollen sich die beiden Frauen an die Ulmer Bürgermeisterin Iris Mann, zuständig für Bildung, Kultur und Soziales, wenden und ihr die Petition in ausgedruckter Form plus Unterschriften übergeben.
 

Ein Kommentar von Beate Rose: Gebührenfreie Kitas: Elternbeiträge abschaffen

Bildung ist in Deutschland kostenfrei. Nur im Vorschulalter kostet sie etwas. Warum? Das finden viele Eltern unlogisch. Noch für eine zweite Rechnung haben Eltern keine Lösung: Die Gebühren für Kitas und Kindergärten sind gerade in Ulm hoch, die Erzieherinnen aber verdienen unterirdisch schlecht. Warum? Und: Wo geht das Geld hin?

Die beiden Frauen, die kürzlich eine Petition im Internet gestartet haben und sich für gebührenfreie Kitas und Kindergärten stark machen, haben völlig Recht. Denn das Geld, das jede Ulmer Familie für die Kinderbetreuung Monat für Monat aufbringen muss, fehlt in der Familienkasse. Eine größere Wohnung? Von 300 Euro mehr ließe sich die vielleicht bezahlen.

Natürlich ereifern sich bei diesem Thema die Kinderlosen, die fragen: Wer solls zahlen, etwa ich? Die Antwort lautet: Alle. Wenn eine Gesellschaft Kinder haben will, und das wird seit Jahren allerorten beteuert, dann müssen alle bereit sein dafür aufzukommen. Wer Familien unterstützen will, muss Elternbeiträge abschaffen. Doch stattdessen werden Dinge wie Betreuungsgeld ausgebrütet und an Eltern gezahlt, die ihre Kinder nicht in die Kita bringen.

Die beiden Frauen können mit ihren Forderungen noch weitergehen: Besser bezahlte Erzieherinnen, mehr Erzieherinnen für kleinere Gruppen, größere Flächen zum Spielen - erst dann könnten wir anfangen, über Qualität von Bildungsarbeit im Kindergarten zu reden.


 
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Kommentare

15.10.2014 09:30 Uhr

Macht den Familien das Leben einfacher - Familienfreundliche Stadt Ulm?

Die Grundfrage ist doch wie wichtig Kinder für unsere Gesellschaft sind. Ist die Gesellschaft bereit Mehrkosten zu tragen oder an anderen Stellen zu sparen zum Wohle der Kinder? Die Ansicht, dass Mütter natürlich drei Jahre zu Hause bleiben müssen, weil man sonst seelisch verkrüppelte Kinder großzieht ... ist sowas von lächerlich und moralisch überheblich gg Familien die sich das einfach nicht leisten können. Und unfair gegenüber den Frauen die danach gewaltige Probleme haben wieder ins Berufsleben einzusteigen. (bei zwei Kindern können das ja auch mal sechs Jahre zu Hause bedeuten) und ganz egal wie lieb ich meine Kinder habe, nicht jeder ist der geborene Pädagoge bzw. ein Gemütsmensch der das so lange erträgt. Die Förderung in den Kitas und der Kontakt zu den andere Kindern kann nun mal nicht 1:1 von einer Mutter allein gestemmt werden.
Die finanzielle Belastung sollte nicht den einzelnen Familien aufgebürdet werden. Andere Bundesländer, denen es weit aus schlechter geht, können das auch stemmen. Schulen sind auch kostenlos. Ok, historisch so gewachsen. Der Hintergrund ist nicht ganz uninteressant? Warum trauen wir uns nicht auch Geschichte zu schreiben?

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06.10.2014 11:22 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Fehlr im Text””

Sorry nach nochmaliger Prüfung werden zwar Brutto Zahlen eingetragen aber das Netto anhand der AWO Liste berechnet, und von diesem Netto die Gebühr berechnet.

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06.10.2014 11:02 Uhr

Antwort auf „Fehlr im Text”

Dann berechnet wohl die AWC falsch. Dort muß man seinen Brutto-Einnahmen eintragen und der Höchstsatz ist bei 5306 Brutto zu entrichten.

Siehe AWO Text:
"Das monatliche Nettoeinkommen ermittelt sich grundsätzlich aus dem Bruttoeinkommen, das in den 12 Monaten vor der Gebührenfestsetzung erzielt wurde, vermindert um die jeweiligen Pauschalbeiträge, geteilt durch 12. (Bruttoeinkommen sind grundsätzlich alle Einnahmen in Geld oder Geldeswert ohne Rücksicht auf ihre Quelle und ohne Rücksicht darauf, ob sie als Einkünfte im Sinne des Einkommenssteuergesetzes steuerpflichtig sind.) Eltern, die die angegebene Einkommensgrenze (Nettoeinkommen) überschreiten brauchen keinen Nachweis zu führen und zahlen den in den Tabellen genannten Höchstsatz."
Und in die Tabelle werden Bruttobeträge eingetragen!

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03.10.2014 14:41 Uhr

Zensur, wenn Beitrag zu treffend!

Ach, die SWP löscht Beiträge, wenn sie zu treffend sind!!!

Sagt genügend aus über diese Zeitung!!

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02.10.2014 18:16 Uhr

Wenn eine Gesellschaft Kinder will...

dann soll sie die auch haben und auch zum Teil dafür aufkommen. Allerdings MUSS sie dann nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht haben sich frühzeitig darum zu kümmern was aus den Kindern wird.
Der andere Artikel ist leider nicht mehr da, daher hier nochmal meine Aussage. Kindergeld und Kita sollte es nur für die geben die sich um die Erziehung bemühen. Wer das nicht kann bekommt eine Fortbildung und die klare Ansage dass es so nicht geht. Sein Kind zum Hartzler erziehen auf Kosten der Allgemeinheit kann nicht sein. Das Geld das für diese Vorsorge aufgewendet werden muss spart man sich dafür an den Folgekosten durch Sozialarbeiter und so weiter wieder ein.

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02.10.2014 17:44 Uhr

Traurig, liebe SWP

dass immer wieder der Aufmacher aus den dri großen Themen besteht: Ausländer - Kinder - Behinderte.

Die SWP hat sich da ganz grundsätzlich gewandelt. Schade um diese Zeitung.

Darum habe ich inzwischen kein Abo mehr.

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02.10.2014 14:01 Uhr

... wer soll das bezahlen?

mich erinnert die Petition an die unrealistischen Forderungen der Linken. Klar hätte ich auch gerne ein garantiertesx Grundeinkommen und es wäre toll, wenn die Mindestrente grundsätzlich bei 1000 Euro liegen würde und kostenlose Kitas wären auch super. Aber: Wer soll das bezahlen? Der Staat? Das sind wir doch alle!

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02.10.2014 08:47 Uhr

Fehlr im Text

Leider ist im Artikel von 5306 Nettoeinkommen die Rede. Das stimmt nicht. Es sind 5306 Euro aller Bruttoeinkommen + Kindergeld und allen weiteren Einnahmen!

[i]Das ist schon korrekt. Wir haben gerade noch einmal beim Fachbereich Bildung und Soziales der Stadt Ulm nachgefragt. Demnach wird der Höchstbetrag tatsächlich fällig, wenn das Netto-Familieneinkommen 5306 Euro übersteigt. [/i]

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