Zum Tod des Autors Edmundo Lebrecht

Edmundo Lebrecht, Chilene mit Ulmer Wurzeln, ist tot. Er, Nachfahre einer jüdischen Ulmer Kaufmannsfamilie, ist in Santiago de Chile gestorben. In die Heimat der Großeltern pflegte Lebrecht viele Kontakte.

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Edmundo Lebrecht ist im Alter von 69 Jahren in Chile gestorben, wo er zuletzt lebte. Foto: Dokuzentrum Oberer Kuhberg

Edmundo Lebrecht war der Enkel von Rosa und Wilhelm Lebrecht, die in der Wielandstraße eine Lederfabrik besaßen und denen dasselbe Schicksal widerfuhr wie vielen Juden während des Hitler-Terrors: Die Nazis enteigneten die Lebrechts 1939. Ihr 1925 in der Steinhövelstraße erbautes Wohnhaus - die "Lebrecht-Villa" - steht heute noch und ist Teil der Kinder- und Jugendpsychiatrie; im Haus daneben ist die Hans-Lebrecht-Schule für Kranke untergebracht.

Die alten Lebrechts konnten 1941 im letzten Moment vor der Deportation über die USA nach Brasilien fliehen. Ihre vier Söhne waren schon in den 30er Jahren emigriert. Der dritte Sohn, Walter, kam 1937 nach Contulmo in Südchile, kaufte eine Farm, gründete eine Familie.

Dort wurde Walter Lebrechts Sohn Edmundo am 30. November 1943 geboren. Nachdem Edmundo jahrzehntelang in Santiago gelebt hatte, ließ er sich in den letzten Jahren wieder in Contulmo nieder. Sein Leben hatte er dem Theater verschrieben - als Wissenschaftler, Autor, Schauspieler, Regisseur. Vor allem aber war er Theater-Pädagoge und hat mit den Mitteln des Theaters die politische Befreiungsbewegung in Chile unterstützt.

Im September 1974 verhaftete das Pinochet-Regime ihn, seine Frau Gilda und seinen Bruder Guillermo, die drei wurden eingesperrt und gefoltert. Alfred Moos, der Mitschüler seines Vaters gewesen war, sorgte gemeinsam mit Amnesty International und Ulmer Bürgern dafür, dass Edmundo Lebrecht die deutsche Staatsbürgerschaft bekam. Sie war Voraussetzung dafür, dass er im April 1975 entlassen wurde und nach Deutschland ausreisen konnte, wo er nach Ulm kam und später nach Berlin ging.

Nach Ende der Pinochet-Herrschaft ging Lebrecht zurück nach Chile und setzte seine Theaterarbeit fort. Ulm aber, so sagte er, sei seine zweite Heimat geworden. Hier hatte er Freunde. Er schrieb ein Stück "Vater-Land", das den (Ulmer) Kampf um seine Befreiung aus den Pinochet-Kerkern thematisierte und das er 2007 in der Ulmer Akademie für darstellende Kunst inszenierte. Er trat auf in der Volkshochschule, im Dokumentationszentrum und der KZ-Gedenkstätte und auch - zusammen mit seinem Onkel Hans - im Stadthaus.

Zuletzt war Edmundo Lebrecht Anfang Dezember 2012 anlässlich der Eröffnung der neuen Synagoge in Ulm. Da sagte er: "Hier ist der einzige Ort in Deutschland, wo ich mich gut fühle. Hier ist aber auch der einzige Ort der Welt, wo ich meine jüdischen Wurzeln fühle - in Chile hatten wir keinen Kontakt zu einer jüdischen Kultur. Hier habe ich Solidarität gefunden und Menschen, die mir nahe sind."

Im Alter von 69 Jahren Edmundo Lebrecht in Contulmo gestorben, nach einer Gefäßerkrankung.

Dr. Silvester Lechner war maßgeblich am Aufbau des KZ-Dokumentationszentrums auf dem Oberen Kuhberg beteiligt und lange Jahre dessen Leiter.

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