Legendäre Entwicklung aus Ulm - die Mäusemelkmaschine

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  • Die Mäuse liegen bereit, die Leitungen mit den Saugnäpfen hängen herab.

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    Die Mäuse liegen bereit, die Leitungen mit den Saugnäpfen hängen herab. Foto: 
  • Die Maschine in Aktion. 2/6
    Die Maschine in Aktion. Foto: 
  • Die Mäusemilch fließt.
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    Die Mäusemilch fließt. Foto: 
  • Ein Plakat, mit dem Studenten angeworben wurden.
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    Ein Plakat, mit dem Studenten angeworben wurden. Foto: 
  • Herbert Schmitt in Blacky Fuchsbergers Sendung „Ja oder nein“. 5/6
    Herbert Schmitt in Blacky Fuchsbergers Sendung „Ja oder nein“. Foto: 
  • Bernd Bosch und Herbert ­Schmitt. 6/6
    Bernd Bosch und Herbert ­Schmitt. Foto: 
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Was sie da an medialem Echo lostreten würden, hatte wohl keiner der Beteiligten auf der Rechnung: weder der Biochemiker Dr. Günther Sawatzki noch der Biologe Franz Hoffmann von der Uni Ulm. Und auch der Ingenieur Herbert Schmitt staunte nicht schlecht über die Resonanz. Noch Jahre später, genau: am 14. März 1995, sollte ihn seine Konstruktion ins Deutsche Fernsehen bringen. „Ja oder nein“ hieß das ARD-Quiz, das Joachim „Blacky“ Fuchsberger moderierte. Vier Prominente mussten die Geheimnisse der Gäste erraten – und am Ende des Tages ging Herbert Schmitt mit 2500 Mark nach Hause. „Davon hab’ ich mir dann einen Fernseher gekauft, der alte war kurz vor der Sendung kaputt gegangen.“

Das Rateteam hatte nicht den geringsten Schimmer, welche kuriose Geschichte sich mit dem netten Herrn verband, der da neben Blacky Fuchsberger saß und bei jeder mit „Nein“ beantworteten Frage um ein paar Mark reicher wurde. Aber, im Ernst, wer sollte auch schon darauf kommen, dass Schmitt die Ulmer Mäusemelkmaschine konstruiert hatte. Mäuse . . . was? Doch ja, richtig gelesen: Mäusemelkmaschine!

Ja, es gab sie wirklich die Mäusemelkmaschine – wenngleich sich die Erfindung stark nach Aprilscherz anhört. Was hat sich Schmitt gedacht, als Dr. Günther Sawatzki im August 1980 mit dem Auftrag 643/0 in der Zentralwerkstatt der Uni Ulm aufschlug? Der Wissenschaftler  habe ihn schon vorgewarnt mit dem einleitenden Imperativ: „Bitte nicht lachen!“ Schmitt lachte nicht, er antwortete ganz trocken. „Eine Mäusemelkmaschine? Kein Problem, wenn wir den Eimer unter die Maus kriegen.“ Und Bernd Bosch erinnert sich, dass er damals nur den Kopf geschüttelt hat. „Wir waren ja einiges gewohnt, die Forscher wollten ja oft außergewöhnliche Apparaturen“, sagt der Werkzeugmechanikermeister, „aber das . . .“

In der Tat, das fiel aus dem Rahmen. Komplett. Wenn Schmitt und Bosch, die mittlerweile beide im Ruhestand sind, von der Entwicklung der Mäusemelkmaschine erzählen, dann sind sie voll in ihrem Element. Dann blitzt der Schalk in ihren Augen auf. „Herumzuexperimentieren, genau das macht ja den Spaß aus“, so Bosch. Spaß war freilich nicht alles. Die beiden waren ja im Auftrag der Wissenschaft unterwegs – und die brauchte Mäusemilch. Nicht in Millilitern, sondern in Litern.

Hinter der Melkmaschine steckte ein Forschungsprojekt der Abteilung Transfusionsmedizin, das sich mit den natürlichen Abwehrmechanismen bei bakteriellen Infektionen befasste. Zu den körpereigenen Stoffen, die das Wachstum von Bakterien hemmen, gehört unter anderem Laktoferrin – ein Eiweiß-Bestandteil der Milch. In der Muttermilch ist es beispielsweise enthalten, in der Kuhmilch ebenso. Dem Wirkmechanismus von Laktoferrin auf die Spur zu kommen, war das Ziel des Biochemikers Dr. Günther Sawatzki. Warum wurde dann nicht gleich menschliches Laktoferrin für die Versuche verwendet? Menschliches Laktoferrin unterscheidet sich zwar von mäuslichem Laktoferrin. Um aber Menschen bei den Versuchen nicht zu gefährden – die bakteriellen Gegner von Menschen und Mäusen sind andere –, sei auf Mäusemilch zurückgegriffen worden, erklärt Schmitt.

Es sollte Monate dauern, bis der erste Tropfen Mäusemilch floss. Schmitt und Bosch experimentierten viel, allein für die zierlichen Plastiksaugnäpfe, die an die Zitzen der Mäuse gelegt wurden, benötigten der Ingenieur und der Handwerker etliche Versuche. „Die klitzekleine Form herzustellen, war schon an und für sich ein Problem. Dazu kam, dass das Silicon anfangs nicht trocken wurde“, erzählt Schmitt, der erstmals bei seiner Arbeit mit Tieren zu tun hatte. Und plötzlich vor einem Mäusekadaver stand. Eigentlich hatte er vorgehabt, lediglich die Zitzen zu vermessen. Dazu hätte die Maus in Tiefschlaf versetzt werden sollen, der Doktorand verschätzte sich allerdings beim Schlafmittel: Statt einem 1:10-Verhältnis spritzte er eine 1:1-Mischung. Was die Maus auf der Stelle übel nahm. Bosch: „Aber dann konnte man gut messen.“

Was sich heute, Jahrzehnte später, ein wenig salopp anhört, war damals überhaupt nicht so. „Wir waren um das Wohlergehen der Mäuse wirklich bemüht.“ Das ging los beim Melkstand, den der Konstrukteur zwar gezeichnet hatte. Aber Mäuse sind keine Kühe – was jeder Biologe auf Anhieb bestätigen wird. Oder anders ausgedrückt: Mäuse verfügen nicht über die Gemütsruhe einer gelernten Milchkuh. Mäuse kommen nicht von selber in den Melkstand, sie müssen fixiert werden. Wie? Mit einem Bügel vielleicht? Funktionierte aber nicht. Die Maus wand sich heraus. Sie musste also in Tiefschlaf versetzt und auf den Rücken gelegt werden. Damit das Tier nicht auskühlte, wurde es in eine Styroporwanne gelegt. Die Mäuse sollten ja nicht für die Forschung ihr Leben lassen, das Projekt hatte schließlich den Titel: „Die Ulmer Mäusemelkmaschine. Eine Möglichkeit für Untersuchungen ohne Tötung von Tieren“.

Insgesamt wurden zwischen fünf und zehn Liter Mäusemilch abgepumpt. Den Job erledigten Bio- und Medizinstudenten, „Bezahlung nach Milliliter gewonnener Mäusemilch, Arbeitszeit: gemäß landwirtschaftlichen Gepflogenheiten“, hieß es auf den Zetteln, die damals an den Schwarzen Brettern aushingen.

Was aus dem Forschungsprojekt wurde, weiß Schmitt nicht. Ein paar Unterlagen hat er gerettet, die meisten seiner Zeichnungen wurden vernichtet. Leider. In Serie ging die Produktion freilich nicht, „aber wir haben immerhin fünf solcher Melkmaschinen hergestelt. Eine ging nach Afrika.“

Fernsehauftritt Das Rateteam in Blacky Fuchsbergers Quiz „Ja oder nein“ tat sich schwer mit Herbert Schmitt. Der Ulmer Ingenieur, der nach einer Lehre bei Uhren-Hörz ein Studium der Feinwerktechnik an der Fachhochschule angehängt hatte, marschierte denn auch um 2500 Mark, umgerechnet rund 1200 Euro, reicher aus dem Studio.

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