Zocken verändert die Hirnstruktur

Experten und Neulinge haben sechs Wochen lang im Dienst der Wissenschaft das Online-Rollenspiel World of Warcraft gespielt. Die Folgen für das Gehirn sind nachweisbar.

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World of Warcraft ist eines der populärsten Online-Spiele. Das Foto entstand beim Turnier professioneller WoW-Spieler auf der Kölner Gamescom im August.  Foto: 

Eine Studie der Universität Ulm sorgt für Aufregung im Netz. Forscher um Professor Christian Montag, Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie, haben festgestellt, dass Online-Computerspiele das Gehirn verändern. Unter der Überschrift „Online-Computerspiele lassen Gehirn schrumpfen“ verbreitete sich die Meldung. Vor allem Eltern, die sich Sorgen um ihre zockenden Kinder machen, dürfte dies in helle Aufregung versetzen.

Die Überschrift der Forscher liest sich freilich anders: „Online-Computerspiele verändern das Gehirn“ heißt es hier ganz sachlich. In einem bestimmten, sehr begrenzten Hirnareal, dem orbitofrontalen Kortex, haben die Forscher eine Abnahme des Hirnvolumens festgestellt. Dieser Bereich ist unter anderem zuständig für die Emotionskontrolle oder auch für die Frage, ob Dingen ein bestimmter Wert beigemessen wird.

Computerspielsucht näher beleuchten

„Internet-Spiele sind heutzutage zentraler Aspekt der Freizeitgestaltung“, sagt Montag. Das dadurch Veränderungen im Gehirn hervorgerufen werden, sei alles andere als abwegig. Schließlich habe auch das Erlernen eines Musikinstruments Einfluss auf bestimmte Hirnareale. Die Forschergruppe sei es darum gegangen, das Phänomen der Computerspielsucht näher zu beleuchten.

„WoW“ steht für „World of Warcraft“, eines der beliebtesten Online-Rollenspiele. Gerade wegen seiner Beliebtheit wurde das Spiel ausgesucht:  „Wir wollten in unserer Studie beispielhaft zeigen, dass Internet-Gaming tatsächlich Spuren im Gehirn hinterlassen kann. Möglicherweise wären bei anderen Spielen ähnliche Beobachtungen zu machen“, sagt Montag. Für WoW habe man sich auch deshalb entschieden, weil Kritiker dem Spiel hohe Suchttendenzen zuschreiben.

„Es ist eine sehr aufwändige Studie“, betont Montag. 119 Teilnehmer waren sechs Wochen lang dabei. Darunter 41 Experten, die seit Jahren erfolgreich World of Warcraft spielen sowie 78 Neulinge. Die Gruppe der Novizen wiederum wurde geteilt: Die Kontrollgruppe durfte nicht spielen, die andere musste. Mindestens eine Stunde täglich, wie die Experten auch. „Wir haben keine weiteren Vorgaben gemacht. Es gab aber einen finanziellen Anreiz, wenn man am Schluss unter den besten Spielern war“,  erklärt Montag.

Geringeres Hirn-Volumen

Um Veränderungen an der Hirnstruktur nachweisen zu können, wurde zu Beginn und am Ende der Studie ein Magnetresonanztomografie-Scan (MRT) gemacht. Das Ergebnis: Bei den Spielern hat die graue Substanz im orbitofrontalen Kortex abgenommen. „Besorgniserregend ist, dass sich die hirnstrukturelle Veränderung bereits nach sechs Wochen nachweisen ließ“, sagt Montag. Die Ergebnisse legten zudem den Schluss nahe, dass ein geringeres Hirn-Volumen in diesem Bereich die Folge exzessiven Computerspiels sein kann.

 „Uns geht es nicht um irgendwelche Sensationsmitteilungen“, sagt Montag, wohlwissend, dass das Thema Internetspiele „sehr emotionsbelastet“ ist: „Jeder kann die Studie im Original lesen und seine Schlüsse ziehen“, meint der Forscher.

Das Spiel World of Warcraft ist ein Fantasy-Rollen-Computerspiel der US-amerikanischen Firma Blizzard Entertainment. Es gehört zu den Massively Mulitplayer Online Role-Playing Games (MMORPG), wörtlich übersetzt Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiel. Es ist 2005 auf den Markt gekommen, mehrere Erweiterungen folgten. Weltweit wird WoW von rund 5,5 Millionen Menschen gespielt. In der E-Sports-Szene gibt es eine eigene Liga.

Die Studie Professor Christian Montag, ist Leiter der Abteilung Molekulare Psychologie am Institut für Psychologie und Pädagogik der Universität Ulm. Die Studie wurde zusammen mit Professor Benjamin Becker durchgeführt. Er ist Leiter der neuScan Forschungsgruppe an der University of Electronic Science and Technology im chinesischen Chengdu. Finanziert wurde die Studie mit 119 Teilnehmern von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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