Zeugen sagen für Ulmer Uni-Mediziner aus

Hut ab vor dem Mann. Er liest und liest und liest. Bemerkenswerterweise fast ohne Fehler und mit einer Ausdauer, die ihresgleichen sucht.

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Hut ab vor dem Mann. Er liest und liest und liest. Bemerkenswerterweise fast ohne Fehler und mit einer Ausdauer, die ihresgleichen sucht. Florian Förschner, Beisitzender Richter der 1. Großen Strafkammer, gibt den Vorleser. Seitenweise trägt er am siebten Verhandlungstag gegen den ehemaligen Uni-Mediziner, dem die Herstellung von und der Handel mit Dopingmitteln vorgeworfen wird, Protokolle von Telefonüberwachungen vor. Gespräche zwischen „ÜA“ und „PA“, also dem überwachten Anschluss und dem Partneranschluss. Gespräche zwischen dem 39-jährigen Arzt und seinem Freund, einem 34-jährigen Mathematiker. Gespräche, die an Sehr-Spätpubertierende und deren Nachholbedarf in puncto Frauen erinnern. Sensible Gemüter könnten sich an dieser Stelle fast fremdschämen.

Förschner aber wird nicht rot. Er liest und liest und liest – und wenn am Abend nicht das Licht gelöscht und das Landgericht Memingen geschlossen wurde, dann liest er immer noch. Vom nächsten Bordell-Besuch, von Prostituierten wie Simone und Gina, von Autos, von Reisen und vom fehlenden Geld. Davon, dass man an Schwörmontag in Ulm eine Bank, nein, besser: drei Banken überfallen sollte. Dass Frauen Zuckerbrot und Peitsche brauchen. Dass die anderen immer die Doofköppe sind (PA: ja, ja, ja, ja). Und dass man den Chefs (alles A. . .) mal die Arme brechen sollte – wahlweise die Hüfte. Weil Koma, das böte sich eher weniger an, denn der Chef sollte ja vielleicht noch die Doktorarbeit begutachten. Und im Koma geht das schlecht. Zehn, zwanzig, dreißig Minuten zieht sich das hin. Man könnte jetzt wegdösen, zumal die Temperatur im Gerichtssaal bei gefühlten 35 Grad liegt. Und sich zum Vertrieb von Dopingmitteln nichts in den Berichten findet.

Auch der Morgen war eher unspektakulär verlaufen. Sieben Zeugen waren aufmarschiert; mal mehr, mal weniger gesprächig ließen sie sich über das Neu-Ulmer Fitness-Studio aus, in dem der Mediziner bisweilen spätabends noch zu den Hanteln gegriffen hatte. Der Doc und Doping? Nein, der doch nicht! Definitiv nicht! So der Tenor. Und Doping sei im Studio nie ein Thema gewesen. „An mir ist alles echt“, sagte ein 24-Jähriger, von der Vorsitzenden Richterin Brigitte Grenzstein auf seine Muskelpakete angesprochen. Von Doping habe er nie etwas gehört, sagte ein 73-Jähriger, als Nachtaufsicht im Studio tätig. „Ich höre ganz schlecht.“ Ach, stöhnte ein 42-Jähriger auf, der seit ewigen Zeiten in Fitness-Studios unterwegs ist, „dass der Doc Dopingmittel verkloppt haben soll, ist mir nie zu Ohren gekommen. Es wird da über vieles geredet.“ Auch darüber, dass ein Staatsanwalt mit einem Bodybuilder . . . Ach, sagte da die Vorsitzende Richterin, „das habe ich auch schon gehört“.

Indes, so richtig weiter brachte dieses Gerücht die Kammer auch nicht. Was am gestrigen Prozesstag noch zur Sprache kam, waren Bestellungen, die der ehemalige Uni-Mitarbeiter im Jahr 2012 bei der Firma Pharmacy Chemicals in Shanghai aufgegeben haben soll. Darunter ein Kilo Testosteron im Wert von 830 US-Dollar inklusive Versand, ein andermal ein Kilo Sildenafil, der Viagra-Wirkstoff, im Wert von 380 Dollar. Beides sollte unter einer anderen Bezeichnung an die von ihm angegebene Adresse geschickt werden: die Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin am Uni-Klinikum.

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