Wundertüte im Ulmer Stadtarchiv: Die Reformationsakten

Dr. Marie-Kristin Hauke hat das Quellenmaterial im Stadtarchiv neu erschlossen. Sie hat dazu handschriftliche Aufzeichnungen aus dem 16. Jahrhundert entziffert.

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  • Marie-Kristin Hauke erstellt neue Findbücher: Hier bearbeitet sie einen Band aus den Jahren 1542/43.  1/2
    Marie-Kristin Hauke erstellt neue Findbücher: Hier bearbeitet sie einen Band aus den Jahren 1542/43. Foto: 
  • Das Original-Quellenmaterial der Jahre 1517 bis 1600 füllt mehr als 30 Meter in den Regalen des Ulmer Stadtarchivs.  2/2
    Das Original-Quellenmaterial der Jahre 1517 bis 1600 füllt mehr als 30 Meter in den Regalen des Ulmer Stadtarchivs. Foto: 
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Dieser Schatz ist nicht golden und er funkelt auch nicht. Er ist aus Papier – aus handgeschöpftem ­ – und ist beschrieben mit Tinte und Federkiel. Dieser Schatz passt auch nicht in eine Kiste, sondern füllt rund 30 Meter in den Regalen des Ulmer Stadtarchivs: die Reformationsakten. 97 Bände stehen dort, manche mehr als 2000 Seiten dick. Sie halten die Ereignisse und Debatten im Rat, in den Kirchen und Zünften und in Verhandlungen mit den Bündnispartnern in der Zeit zwischen 1517 und 1600 fest, als es in der Reichsstadt darum ging, sich vom katholischen Bekenntnis zu lösen und statt dessen protestantisch zu werden.

„Eine hochspannende Zeit, in der Religion und Politik untrennbar verbunden sind“,  findet Dr. Marie-Kristin Hauke. Die Historikerin arbeitet seit 18 Monaten an den Reformationsakten und erschließt sie in so genannten Findbüchern. 67 Bände mit insgesamt 22.503 Einzelblättern – also mehr als 45.000 Seiten – hat die 48-Jährige durchgearbeitet. Sie hat die Inhalte erfasst, Schlagworte vergeben und eine Datenbank aufgebaut, die inzwischen 6250 Datensätze umfasst.

Ihre Arbeit ist die Grundlage für alle, die in der Ulmer Stadtgeschichte jener Zeit forschen und an den Originalquellen wissenschaftlich arbeiten wollen. So wie das aktuelle Forschungsprojekt der Uni Tübingen, bei dem die Kirchenhistorikerin Dr. Susanne Schenk das Nebeneinander der verschiedenen Strömungen in Ulm während der Jahre 1530 bis 1548 erforscht (siehe Info-Kasten mit der Reformationstagung am 18./19. Mai).

Die bisherigen Findbücher sind eine Notverzeichnung aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, weil die alten im Krieg verbrannt waren. Wo es bislang einen Haupteintrag und einige Nebeneinträge pro Band gab, hat Marie-Kristin Hauke nun bis zu 311 einzelne Datensätze gemacht.

Ein Charakteristikum der Akten ist, dass die meisten Bände Sammelsurien sind. Das kommt daher, dass sie in ihrer Entstehungszeit in Laden abgelegt worden waren und erst später geordnet wurden. „Viele sind chronologisch gebunden“, berichtet die gebürtige Nürnbergerin, „deshalb sind in den Bänden oft unterschiedliche Vorgänge zusammengefasst“. Manchmal ist überhaupt  keine Logik in der Sortierung erkennbar, und es finden sich „ganz verrückte Sachen“ zwischendrin.

Die Voraussetzung für ihre Arbeit ist, dass Hauke alte Handschriften lesen kann. Angefangen damit hat sie während ihrer Promotionszeit an der Uni Erlangen. Damals war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Edition der Akten über den Regensburger Reichstag 1576 beteiligt.

Bei  aller Gründlichkeit hat die Historikerin nicht die Zeit, jede Zeile zu lesen, sondern sie tut es kursorisch. An einem Band aber ist sie fast verzweifelt. Er enthält rund 50 Briefe in Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch. Da war das Entziffern extrem mühsam. Irgendwann war ihr klar: „Da haben die Ulmer wohl einen Postsack des gegnerischen Lagers abgefangen.“ Deshalb befinden sich in Ulm auch Briefe aus dem kaiserlichen Feldlager bei Füssen, Briefe vom und an den spanischen Königshof, Korrespondenz der Familie Taxis und Schreiben italienischer und niederländischer Handelsherren.

Daher bezeichnet die Historikerin die Bände als „Wundertüte“, weil sie nie genau weiß, was als nächstes kommt.  Erwartbar sind beispielsweise die offiziellen Schreiben der Reichsstadt an ihre Verbündeten im Schmalkaldischen Bund, Briefe und Berichte der Ulmer Gesandten an den Rat, Predigtmitschriften, Eingaben einzelner Personen und Entwürfe von Gutachten.

Ein interessantes Detail ist, dass die Ulmer Reformationsakten alle auf Papier geschrieben sind. Die Nürnberger und lange Zeit auch die Augsburger verwendeten Pergament für ihre Korrespondenz. Hauke: „Das ist teurer, die hatten wohl mehr Geld.“

Sie weiß aus den Akten, dass zu den wichtigen Verhandlungen über die Ausgestaltung der reformatorischen Ideen immer Zweier-Teams geschickt wurden: ein Patrizier und ein Vertreter der reichen Zünfte. Die Gesandten waren oft viele Wochen im Jahr unterwegs und berichteten per Brief regelmäßig in die Heimat. Hauke hat öfter verschiedene Versionen gefunden: „Einen offiziellen Brief an den Rat der Stadt, einen mit Insiderinformationen an den Geheimen Rat, und manchmal einen privaten vom Sohn Georg Besser an seinen Vater Bernhard Besser.“ Letztere gehörten zu den führenden politischen Persönlichkeiten der Stadt.

Nachzulesen ist ebenfalls, dass die Gesandten Nebenaufgaben hatten, indem sie beispielsweise Fleisch- oder Barchentpreise in Erfahrung bringen sollten. „Zwischen den Aktendeckeln tobt das Leben,“ sagt Hauke und empfindet ihre Arbeit deshalb als „unglaublich spannend, obwohl es manchmal auch lange Vormittage gibt“.

Bisher hat das Stadtarchiv die freiberufliche Historikerin dreimal für je sechs Monate anstellen können, um die Reformationsakten zu erschließen. Zwei Drittel des Bestands hat sie geschafft, die Bände wurden in diesem Zuge auch restauriert. Nun stehen aber noch 30 Bände aus. Die Verantwortlichen hoffen, dass es weitere Projektmittel gibt, um die Arbeit zu vollenden.

Großes Ziel aller Arbeiten an und mit den Akten wäre es, im Hinblick auf das Ulmer Reformationsjubiläum 2030/31 eine Gesamtdarstellung vorzulegen. Dann jährt es sich um 500. Mal, dass sich die Ulmer Bürger in einer Abstimmung für die Einführung der Reformation entschieden. Wie auch immer es ausgeht, Marie-Kristin Hauke hofft, dass durch ihre Arbeit „Bewegung in die Geschichte kommt“. Und da tut sich ja schon einiges.

Wissenschaftliches „Vielstimmige Reformation in den Jahren 1530 bis 1548“ heißt die Tagung, die in Ulm am Donnerstag, 18. Mai (14 bis 17.15 Uhr) und Freitag, 19. Mai (9 bis 16.15 Uhr) stattfindet. Elf renommierte Kirchenhistoriker halten die Vorträge im Haus der Begegnung, die Interessierten offen stehen. Das Programm findet sich unter www.reformation.ulm.de

Öffentliches Am Donnerstag gibt es einen Vortrag (19 Uhr) im Stadthaus: Prof. Berndt Hamm spricht über die „Antriebskräfte der Reformation in ihrer Vielstimmigkeit“. Um 20.15 Uhr beginnt ein Konzert im Münster mit Musik der Reformationszeit (Scherer-Ensemble und Markus Munzer-Dorn, Laute). Der Eintritt ist zu allen Veranstaltungen frei.

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