Wohnen und Arbeiten künftig wieder stärker Tür an Tür

|
Vorherige Inhalte
  • Vorbild für die künftige Stadtplanung: Im Stadtregal sind Wohnen und Arbeiten unter einem Dach verwirklicht. 1/2
    Vorbild für die künftige Stadtplanung: Im Stadtregal sind Wohnen und Arbeiten unter einem Dach verwirklicht. Foto: 
  • 2/2
    Foto: 
Nächste Inhalte

Jahrzehntelang funktionierte die Stadtplanung in Ulm und anderswo so: Gewerbe, Industrie und Handwerksbetriebe wurden nach Möglichkeit in extra ausgewiesenen Gebieten konzentriert, Wohnen und Arbeiten wurden immer stärker voneinander getrennt. Verlagerte ein Unternehmen seinen Standort, entstanden an seiner Stelle Wohnungen. Beispiele gibt es genug: in der Oststadt beispielsweise die früheren Firmenareale von Eberhardt, Wieland und Ott, in der Weststadt von Hörz, Münster Brauerei und Kässbohrer. Damit ist nun Schluss.

Wohnen und Arbeiten sollen künftig wieder viel stärker Tür an Tür stattfinden. Reine Wohngebiete sollen von der Weststadt bis zur Oststadt der Vergangenheit angehören. Wird neu gebaut, sollen Mischgebiete entstehen: mit Wohnungen, Büros und „nicht wesentlich störendem Gewerbe“, wie es die Ulmer Stadtverwaltung formuliert.

„Wir stehen vor einer Neuausrichtung der Stadtplanung“, sagte Volker Jescheck, der Leiter der Abteilung Stadtplanung, im Stadtentwicklungsausschuss, der die Kehrtwende einstimmig beschloss. Jescheck: „Es ist ein Paradigmenwechsel.“

Für den gibt es Gründe. Struktureller Wandel spielt eine Rolle, Veränderungen in der Lebenswirklichkeit, neue gesetzliche Möglichkeiten, aber schlicht auch: Not.

Gewerbeflächen-Knappheit Ulm gehen die Gewerbegrundstücke aus. 98 Hektar sind noch in Reserve. Sie reichen, wenn der Flächenbedarf ähnlich hoch bleibt wie im vergangenen Jahrzehnt, noch zehn Jahre, hat das Stadtplanungsbüro Zint & Häußler im Auftrag der Stadt ausgerechnet. Wenn überhaupt, denn nicht jede Fläche ist für jedes Unternehmen tauglich. Um Firmen ansiedeln oder bestehenden Erweiterungsflächen anbieten zu können, sucht die Stadt nun vermehrt nach Grundstücken in bewohnten Gebieten.

Neue Baugebiets-Kategorie Dies wird dadurch erleichtert, dass der Bund das Bauplanungsrecht geändert hat. Nun ist die Einführung der neuen Baugebietskategorie „urbanes Gebiet“ vorgesehen, in Ergänzung beispielsweise zu Wohn-, Gewerbe- und Mischgebieten. „Ziel ist, eine größere urbane Vielfalt und bauliche Nutzung zu ermöglichen“, heißt es in dem Strategiepapier des Büros Zint & Häußler zur Gewerbeentwicklung. Im „urbanen Gebiet“ sollen Lärmgrenzwerte von 63 dB(A) tagsüber und 48 dB(A) nachts gelten.

Strukturwandel Die Stadt soll belebt sein, wünschen sich Baubürgermeister Tim von Winning und Stadtplaner Volker Jescheck. Wohnviertel sollen tagsüber nicht wie ausgestorben wirken. Die Verbindung von Wohnen und Arbeiten könne in einigen Fällen auch für weniger Verkehr sorgen, weil die Fahrt zum Arbeitsplatz wegfällt, sagte Jescheck. Aus Gesprächen mit der Handwerkskammer weiß er, dass viele Handwerker gern in der Nähe ihres Betriebs wohnen würden.

Für die Durchmischung gebe es freilich Grenzen, sagte Jescheck. Gewerbegebiete sollen Gewerbegebiete bleiben, Wohnungsbau wird dort auch künftig nicht zulässig sein. Bei Konversionen von ehemaligen Firmenarealen in der Stadt soll es aber eine Mischnutzung geben. Beispiel dafür ist das frühere Gummi-Welz-Gelände in der Weststadt. Dort soll der Investor Munk einen Mix aus Wohnen und Arbeiten verwirklichen.

Das Büro Zint & Häußler hat in seiner Untersuchung sieben Gebiete genau unter die Lupe genommen (siehe Grafik). Die Stadtplaner suchten in jedem Gebiet nach Flächen, die ungenutzt, „untergenutzt“ oder nicht in der wünschenswerten Weise genutzt sind. Heraus kamen eine detaillierte Bestandsanalyse und Empfehlungen für die weitere Planung.

Jescheck war voll des Lobes für die Untersuchung. Er ist sich aber mit dem Baubürgermeister einig, dass nicht alles 1:1 umgesetzt werden kann. „Wir können Strategien daraus entwickeln“, sagte von Winning. Einfache Botschaften gebe es nicht, „wir müssen alles im Einzelfall und sehr differenziert betrachten“. Dies auch deswegen, weil die Stadt bei ihren Überlegungen auf andere angewiesen ist: auf Grundstückseigentümer und Unternehmen, die die ins Auge gefassten Flächen erst einmal frei machen müssten. Auch Bauträger müssen mitspielen und Gewerbeflächen in ihren Objekten anbieten. Nicht ganz einfach, meint von Winning, denn Wohnungen bringen mehr Ertrag. Für ihn ist klar: „Das wird kein Selbstläufer. Aber Aufgabe der Stadtplanung ist es, nicht alles dem Markt zu überlassen.“

Die Stadträte im zuständigen Ausschuss waren mit dem Konzept einverstanden, sie tragen den Paradigmenwechsel einhellig mit. Angesichts der künftig gewünschten Durchmischung stellte Dorothee Kühne (SPD) die Frage, ob die Stadträte eine Handelskonzentration wie in der Blaubeurer Straße mit Ikea und Fachmarktzentren wohl auch heute wieder beschließen würden. Sie hatte Zweifel.

Stadtregal Eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten wurde im so genannten Stadtregal in der Weststadt verwirklicht. Unter Federführung der städtischen Projektentwicklungsgesellschaft (PEG) wurde 2006 begonnen, das frühere Lkw-Werk von Iveco Magirus zu entkernen. Es entstanden urbane Lofts, Büros, Räume für Handwerk und Praxen. Das Konzept und seine Verwirklichung wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

29.06.2017 17:35 Uhr

In Ulm herrscht nach wie vor blindes anstatt aufgeklärtes Tun vor

Soll die Rede von der "Wissenschaftsstadt" nicht bloß leeres Gerede sein, müsste Ulm im Rahmen der Neuausrichtung seiner Stadtplanung zuvörderst Räume anbieten, in denen "hier ... wirklich die Stille (ist), in der sich ein Talent entwickelt, hier die Atmosphäre der Sammlung, in der sich Konzentrationsfähigkeit, Geduld, Hellhörigkeit, Feinheit des Tatsinns ausbilden - unentbehrliche Fähigkeiten, um sich den Gegenständen zu nähern, deren Erkenntnis und Verständnis er (der Forscher, R. R.) sich zur Lebensaufgabe gemacht hat" (Richter, 1964: 67). Insbesondere gemäß § 18 Absatz 1 Ziffer 1 Satz 2 des Einkommensteuergesetzes freiberuflich tätige Wissenschaftler, welche das Konstituens moderner Gesellschaften untersuchen und deren theoretisch angeleitet und empirisch kontrolliert erhobenen Befunde jedweder Naturerkenntnis an der dortigen Universität stets vorausgehen, sind darauf angewiesen, dass Wohnen und Arbeiten nicht an mitunter weit entfernten Orten angesiedelt sind. Schließlich dient ihr irdisches Dasein nicht vorrangig dem Zweck, private oder gar öffentliche Verkehrsmittel in Gestalt der gegenwärtig im Bau befindlichen Straßenbahnlinie 2 auszulasten, sondern im Sinne des antiken Philosophen Aristoteles der Orientierung von gleich welchem Handeln. Vor allem die derzeit auf dem Immobilienmarkt aufgerufenen Preise lassen es jedoch nahezu unmöglich erscheinen, eine dementsprechende Lösung zu finden. Infolge dessen wird es der Ulmer Region auch künftig daran fehlen, allen voran die erzeugten Güter und Dienstleistungen notwendig zielgerichtet und effizient herzustellen. Blindes anstatt aufgeklärtes Tun bleibt demnach die größte Schwäche der Stadt mit der einst höchsten Industriedichte Baden-Württembergs vor der wirtschaftlich äußerst tiefen Krise zu Beginn der 1980er Jahre. Wenn man so will, ließe sich angesichts dessen schlussfolgern, dass aus der beinahe traumatisch vollzogenen Schließung des Röhrenwerks der Videocolor GmbH selbst 35 Jahre danach noch immer keine Lehren daraus gezogen wurden, die zum Wohle aller etwas austragen.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

K.o.-Tropfen: "Finger in den Mund, und spucken Sie es aus"

Immer wieder werden Menschen mit K.o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt, anschließend vergewaltigt oder ausgeraubt. Dagegen hilft nur Vorsicht, sagt Achim Andratzek. weiter lesen