WIN-Vorsitzender Lennard Lemke will Neu-Ulm voranbringen

Gemeinsam etwas bewegen - mit diesem Vorsatz geht Lennard Lemke sein Amt als Vorsitzender des Vereins "Wir in Neu-Ulm" (WIN) an. Ein Gespräch über Stärken, Schwächen und negative Schlagzeilen.

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Neu-Ulm hat einiges zu bieten, meint der neue WIN-Vorsitzende Lennard Lemke. Zum Beispiel das Edwin-Scharff-Museum und das Kindermuseum.  Foto: 

Herr Lemke, in den vergangenen Monaten fiel WIN vor allem auf durch die Entlassung der Citymanagerin und den kurz aufeinander folgenden Rückzug von zwei Vorsitzenden unter Getöse. Macht WIN eigentlich noch Spaß?
LENNARD LEMKE: Eindeutig, sonst hätte ich mich nicht zur Verfügung gestellt. Ja, es gab Turbulenzen. Die Glaubwürdigkeit hat etwas gelitten. Umso wichtiger ist es jetzt, raus zu kommen aus den negativen Schlagzeilen.

Wie wollen Sie das schaffen?
LEMKE: Ich bin eher der vermittelnde Typ. Aber ich allein kann das nicht schaffen. Wir sind ein Team im Vorstand, und wir ergänzen uns gut. Wir müssen wieder Vertrauen schaffen, auch unter unseren Mitgliedern. Das geht nur durch Taten.

Was wären für Sie denn positive Schlagzeilen?
LEMKE: Das Schönste wäre, wenn einem Anerkennung und Wertschätzung entgegengebracht würden für das, was man tut. Wohlgemerkt: keine Lobhudelei! Aber Anerkennung wäre schön. Wir vom Vorstand bringen uns ehrenamtlich ein und arbeiten wirklich sehr viel für WIN in unserer Freizeit. Dieses Pensum geht nicht auf Dauer.

Braucht Neu-Ulm WIN überhaupt?
LEMKE: Ja, auf jeden Fall. Ich habe aufmerksam verfolgt, was mit dem Verein Ulmer City passiert ist in den vergangenen Jahren. Seit Anna-Maria Dietz Citymanagerin wurde, ist das eine Erfolgsgeschichte, die sich unter ihrem Nachfolger Henning Krone fortsetzt. Das zeigt, dass eine Innenstadt jemanden braucht, der sich professionell für sie einsetzt und sie repräsentiert.

Sie wollen ja auch wieder einen Citymanager einstellen. . .
LEMKE: . . .weil das ein ehrenamtlich tätiger Vorstand nur bedingt leisten kann. Das Citymanagement muss auch in Neu-Ulm wieder in professionelle Hände.

Der Stadtrat hatte einen Zuschuss von insgesamt 90.000 Euro für drei Jahre bewilligt, um einen Citymanager zu bezahlen. Kann WIN den nicht selbst finanzieren?
LEMKE: Wir dürfen uns nichts vormachen: Wir sind auf das Geld von der Stadt angewiesen. Ein Verein mit rund 110 Mitgliedern kann nicht mal eben schnell auf das Doppelte hochgebeamt werden. Wir hoffen natürlich auch, dass die Glacis-Galerie zahlendes Mitglied wird.

Die Glacis-Galerie - ist das eine Chance für Neu-Ulm oder eine Bedrohung der kleineren Geschäfte?
LEMKE: Das ist immer die Frage, mit welchem Blick ich durchs Leben gehe. Ich bin immer positiv gestimmt, ich sehe Chancen, keine Bedrohung. Viele Menschen freuen sich zum Beispiel darauf, dass die Modekette Zara nach Ulm/Neu-Ulm kommt und in der Glacis-Galerie eröffnet. Ganz klar: Die Glacis-Galerie wird mehr Kundenfrequenz nach Neu-Ulm bringen. Das ist auf jeden Fall positiv.

Was aber, wenn die Kunden nur ins Einkaufszentrum gehen und sonst nirgendwo hin?
LEMKE: Es stimmt: Der größte Teil der Menschen, die in ein Einkaufszentrum gehen, bleiben auch dort. Die Herausforderung wird also sein: Wie kriegen wir es hin, dass die Menschen auch das Umfeld der Glacis-Galerie wahrnehmen, dass sie Lust bekommen, jenseits noch dieses oder jenes zu erleben?

Und wie kriegt man das hin?
LEMKE: Neu-Ulm muss auch außerhalb der Glacis-Galerie Flair bieten. Plätze zum Beispiel, an denen man gern sitzt, Lokale und Geschäfte mit einem ergänzenden Angebot, Freizeitmöglichkeiten, vielleicht einen bayerischen Biergarten auf dem Schwal. . .

Da ist in der Neu-Ulmer Innenstadt noch Luft nach oben, oder?
LEMKE: Es hat sich schon sehr viel Positives entwickelt, die Stadt hat viel getan. Die Bahntieferlegung war zum Beispiel ein ganz, ganz großer Glücksgriff. Aber Neu-Ulm hat es auch nicht einfach. In einer ehemaligen Garnisonsstadt mit einem schachbrettartigen Grundriss ist es schwer, ein Zentrum zu definieren. Neu-Ulm ist zudem eine junge Stadt, die im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde. Es gibt wenig alte Bausubstanz. In Ulm gibt es beides: Herrliche historische Bauten und spannende moderne Architektur dazwischen.

Schaut Neu-Ulm zu sehr nach Ulm, anstatt sich auf sich selbst zu konzentrieren?
LEMKE: Neu-Ulm kann nie wie Ulm sein. Auch eine Hirschstraße wird es bei uns nie geben. Aber dieses Ganze "das ist Neu-Ulm, das ist Ulm" ist überflüssig. Das gehört doch der Vergangenheit an! Ich wünsche mir, dass sich beide Städte so verbunden und stark fühlen, dass sie ihre Eigenheiten nicht mehr betonen müssen.

Trotzdem: Was ist das Positive an Neu-Ulm?
LEMKE: Es ist eine aufstrebende Stadt, in der ich es schätze, dass die Menschen sich noch fast wie auf dem Dorf kennen, dass sie freundlich sind, es eine hohe Ärztedichte gibt und ein gutes kulturelles Angebot mit Edwin-Scharff-Museum, Kindermuseum und Theater. Fast alle Freizeitangebote, von der Ratiopharm-Arena über Kletterhalle und Freizeitbad, liegen auf Neu-Ulmer Seite. Aber im täglichen Leben der Menschen spielt das überhaupt keine Rolle. Die Stadtgrenze nimmt doch niemand bewusst wahr.

Als WIN-Vorsitzender vertreten Sie aber die Interessen Neu-Ulms.
LEMKE: Sicher. Aber letztlich dient auch das dazu, beide Städte zu stärken. Ich finde zum Beispiel "WIN" eine super Abkürzung. Sich bei WIN zu engagieren, ist eine Win-Win-Situation für alle Seiten.

Wie wollen Sie denn WIN wieder voranbringen?
LEMKE: Die größte Herausforderung ist zunächst, das Schiff wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Wir wollen auf die Mitglieder zugehen, auch auf die, die vielleicht gerade die Schnauze voll haben. Ich stehe für einen offenen Umgang miteinander. Das wünsche ich mir generell: mehr Grundsympathie dem anderen gegenüber, weniger Misstrauen. Alles Weitere werden wir zusammen entwickeln, auch zusammen mit dem neuen Citymanagement.

Zur Person 

Berufliches Lennard Lemke hat zwei Ausbildungen absolviert: Er ist Augenoptiker und Hörgeräteakustiker. 2004 machte er sich mit seinem Unternehmen "Lemke hören" selbstständig. Er beschäftigt am Petrusplatz in Neu-Ulm sechs Mitarbeiter und seinen Sohn als Auszubildenden.

Privates Lennard Lemke, 50, wurde in Kiel geboren. Die Familie zog aber bald nach Süddeutschland. Seit 1996 lebt er in Ulm. Lemke ist geschieden und alleinerziehender Vater seines Sohnes Tim, 24. Heiraten wird er nicht mehr, "weil meine Form in Deutschland eingetragene Partnerschaft heißt".

Ehrenamtliches Lennard Lemke engagiert sich seit der Jugend ehrenamtlich und arbeitete bei Amnesty International mit. Er war Elternbeiratsvorsitzender, unterstützt den Nersinger Verein "Chance auf Bildung - Zeit für Kinder" und war bei einem humanitären Hilfseinsatz in Jordanien dabei, wo er gespendete Hörgeräte angepasst hat. Für sein ehrenamtliches Engagement wurde er 2014 in Neu-Ulm als "Verborgener Engel" ausgezeichnet. Bei "Wir in Neu-Ulm" (WIN) arbeitete er als Mitglied an mehreren Aktionen mit. Am 15. Juli 2014 wurde er zum Vorsitzenden von WIN gewählt.

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