Wie es an der Uni um die Integration ausländischer Studenten bestellt ist

Ausländische Studenten haben es schwer, Kontakte zu deutschen Kommilitonen zu knüpfen, sagt eine bundesweite Studie. An der Uni Ulm klappt es mit der Integration besser - aber längst nicht ideal.

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Weltoffenheit sieht anders aus: Gerade einmal 45 Prozent der ausländischen Master-Studenten in Deutschland geben an, häufiger mit ihren deutschen Kommilitonen zu reden. Das geht zumindest aus einer kürzlich veröffentlichten Studie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) hervor. Demnach fühlt sich nur etwas mehr als die Hälfte der rund 2000 Befragten gut ins soziale Leben außerhalb des Studiums integriert. Nur jeder Fünfte (22 Prozent) gab sogar an, mit Deutschen außerhalb der Uni Kontakt zu haben. Laut DAAD-Umfrage hatten allerdings auch nur vier von zehn Befragten einen unterstützenden Deutschkurs in Anspruch genommen. Wer nicht auf Deutsch angewiesen ist - was insbesondere bei den immer stärker verbreiteten englischsprachigen Masterstudiengängen der Fall ist - verspürt naturgemäß weniger Druck, die Sprache des Gastlandes so gut zu lernen, dass er sich damit im Alltag wohlfühlt. Das ist die Kehrseite der Internationalisierung an deutschen Unis und Hochschulen.

Wie sieht es mit der Integration ausländischer Studenten an der Universität Ulm aus? Geht es so weltoffen zu, wie bei offiziellen Anlässen immer betont wird? Oder hapert es auch auf dem Oberen Eselsberg mit der Willkommenskultur? Eine - nicht repräsentative - Umfrage auf dem Campus ergibt: Ganz so schlimm, wie die DAAD-Studie vermuten lassen könnte, geht es in Ulm wohl nicht zu.

"Die meisten meiner Freunde sind Perser, aber ich habe mittlerweile auch ein paar deutsche Bekanntschaften sowie Kontakte zu Mexikanern und Rumänen", sagt Farnaz Hadian aus dem Iran. Die 27-Jährige studiert im sechsten Semester den englischsprachigen Masterstudiengang "Energie Science and Technology", ein Studiengang mit dem Schwerpunkt "Erneuerbare Energien". Seit drei Jahren wohnt sie in Ulm. "Vor allem am Anfang hatte ich ziemliche Schwierigkeiten, mit deutschen Kommilitonen in Kontakt zu kommen."

Dem 26-jährigen Yeicatl Ramos aus Mexico erging es ähnlich, als er vor zwei Jahren nach Deutschland kam. Er ist im fünften Semester des Masterstudiengangs Nachrichtentechnologie. "Am ehesten lernt man Deutsche bei Partys im Studentenwohnheim kennen", sagt er. Außerdem sei es wichtig, möglichst schnell Deutsch zu lernen, um sich unterhalten zu können. Sonst habe man wenig Chancen, integriert zu werden. "Die meisten in meinem Freundeskreis sind mittlerweile Deutsche. Ich habe sie aber nicht an der Uni kennengelernt, sondern über meinen Mitbewohner oder über mein Hobby Breakdance."

Deutlich mehr Probleme, mit Deutschen in Kontakt zu kommen, hatte Gabriela Araujo. Die 20-Jährige aus Brasilien studiert im vierten Semester Elektrotechnik. In ihrem Semester ist sie die einzige ausländische Studentin - was es aber nicht einfacher mache, Deutsche kennenzulernen. "An der Uni sind die Bekanntschaften eher oberflächlich." Aber im Studentenwohnheim habe sie viele deutsche Freunde. Und dann seien da noch die "freundlichen Jungs aus der Fachschaft". Sie nehmen die Brasilianerin ab und an mit zu Partys.

Jorge Maldonado, 22, kommt aus Spanien und studiert im achten Semester Mathematik. "Ausländer lernen sich untereinander einfach am schnellsten kennen", sagt er. Er fand es ebenfalls schwierig, deutsche Kommilitonen kennenzulernen. Die einzigen Kontakte hat er über sein Studentenwohnheim und über das Fitnessstudio, in dem er Sport macht. "Mit den anderen ausländischen Studenten unterhalte ich mich auf Englisch. Eigentlich ist das nicht gut, aber es ist einfacher", sagt der Spanier.

"Willkommenskultur" für ausländische Studenten etablieren

Modellprojekt Mit einem Modellprojekt zur "Verbesserung der Willkommenskultur" möchte die Uni Ulm für Studenten aus dem Ausland attraktiver werden. Für die Einrichtung einer so genannten integrativen propädeutischen Phase hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) der Uni 150.000 Euro bewilligt, Projektlaufzeit zweieinhalb Jahre. Die Idee hinter dem etwas sperrigen Begriff: "Wir möchten die Angebote zur Studienvorbereitung für einheimische und ausländische Studierende miteinander verbinden", sagt Projektkoordinator Jan Rick. So sollen ausländische Studenten künftig verpflichtend ein Vorsemester besuchen, das ab April 2017 in die freiwillige propädeutische Phase für deutsche Studenten integriert wird.

Ziel Ausländische Studierende sollen das Vorsemester nicht nur nutzen, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, sondern sich auch fachlich auf ihr Studium vorbereiten können, sagt Dr. Reinhold Lücker, Leiter des International Office der Uni Ulm. Man erhoffe sich vom neuen Zuschnitt des Vorsemesters und der Verknüpfung von Angeboten für Bildungsausländer und Studierende aus Deutschland ein stärkeres Miteinander und ein besseres interkulturelles Verständnis.

Zahlen Zum Wintersemester 2014/15 waren rund 10.300 Studenten an der Uni Ulm eingeschrieben. 12,3 Prozent (1277) weist die Statistik als ausländische Studierende aus. Das Gros kommt nicht aus der EU. Vor allem bei den internationalen englischsprachigen Masterstudiengängen liegt die Uni mit ihrem Anteil an Bildungsausländern (22 Prozent) leicht überm Bundesdurchschnitt (20 Prozent). In den deutschsprachigen grundständigen (Bachelor-)Studiengängen dagegen liegen die Studierendenzahlen mit 2,2 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 5,5 Prozent. Zudem gibt es dort hohe Abbruchquoten.

 

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