Wie eine E-Lok von Ulm nach China kam

Gefällt dem Chinesen ein Foto im Internet, druckt er's ab - zum Beispiel auf staatlichen Telefonkarten. Eine Ulmer Lok kam so groß raus.

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Ziert chinesische Telefonkarten: Eine E-Lok vor Ulmer Kulisse. Foto: Günther Klebes

Unter der Spezies des modernen Sammlers fallen zwei merkwürdige Ausprägungen besonders ins Auge. Erstens: Männer mit Kameras, die an Gleisen verharren, um vorbeifahrende Loks abzulichten. Zweitens: Männer, die solche Fotos käuflich erwerben. Zu letzteren gehört Günther Klebes aus Erlangen. Der Schulbusfahrer sammelt alles, was mit der Bahn zu tun hat und nennt hunderte Lok-Bilder sein Eigen. Auf der Suche nach neuem Material stieß der 65-Jährige nun bei einer Internet-Auktion auf ein so genanntes Telefonkarten-Puzzle aus China. Im Riesenreich der Mitte sind solche Karten zum bargeldlosen Telefonieren groß im Umlauf. Auf ihrer Rückseite sind sie bebildert, oft ergeben erst drei oder vier Karten ein vollständiges Motiv. Der Chinese - in diesem Fall das Telekom-Unternehmen CNC mit Sitz in Hongkong - bedient sich dabei gerne mal exotischen Bildmaterials. Freilich ohne sich um Urheberrechte zu scheren. Auch im vorliegenden Fall. Das Telefonkarten-Puzzle, das Kleber für weniger als einen Euro von einem chinesischen Sammler ersteigerte (die Portokosten waren viermal höher), zeigt eine dunkelblaue Elektrolokomotive vor dem ehemaligen Bahnbetriebswerk in Ulm. Wie der 65-Jährige später bei Recherchen feststellte, stammt das Foto aus dem Jahr 2010, den Fotografen konnte er allerdings nicht identifizieren. Der Mann habe wohl kaum Chancen, für die Verwendung seines Bildes Honorar einzufordern, glaubt Klebes. Schade, bei der womöglich hohen Auflage: Immerhin verwaltet die CNC 111 Millionen Telefonanschlüsse.

Der Bilderraub sei überdies keine rein chinesische Unsitte, sagt Klebes. In vielen Staaten sei es Usus, im Internet kursierende Bilder bei Gefallen einfach zu verwenden. "Ich kenne Fotografen, deren Bilder sind auf afrikanischen Briefmarken." Anfangs hätten die Fotografen sich geärgert. "Aber am Ende waren sie stolz, dass ausgerechnet ihr Foto ausgesucht wurde."

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