Kunsthalle Weißhaupt: Wie ein Ulmer vom Friedhof ins Museum wechselte

Uwe Riedel ist in der Kunsthalle Weißhaupt der erste Ansprechpartner. An der Kasse erlebt er immer wieder Kurioses. Er verrät, was ein Parkautomat damit zu tun hat.

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Der Tiger von Robert Longo ist Uwe Riedels Lieblingsexponat in der Kunsthalle Weishaupt. „Weil es so außergewöhnlich ist“, sagt er. Man erkenne auf den ersten Blick nicht, dass das Bild eine Kohlezeichnung ist.  Foto: 

Uwe Riedel dürfte einen der besten Arbeitsplätze in ganz Ulm haben. Zumindest, was die Aussicht angeht. Wenn der 48-Jährige auf seinem Bürostuhl hinter der hölzernen Theke im Foyer der Kunsthalle Weishaupt sitzt und durch die riesigen Fensterfronten schaut, dann hat er einen super Blick: auf die komplette Neue Mitte, aufs Rathaus, und wenn er sich klein macht, dann sieht er sogar das Münster. „Wenn in der Neuen Mitte irgendwas passiert, bekomme ich das mit Sicherheit mit“, sagt Riedel.

Viel Zeit, um die Aussicht auf seine Stadt zu genießen, hat der gebürtige Ulmer jedoch nicht. Meist muss er sich auf das konzentrieren, was sich direkt vor seiner Theke abspielt. Mit dem bloßen Verkauf einer Eintrittskarte ist es an der Kasse nämlich selten getan. Zu seinem Job gehört viel Beratung. „Gerade Touristen sind vorher nicht besonders gut informiert, was es bei uns zu sehen gibt“, erzählt Riedel. Er klärt dann darüber auf, dass die Kunsthalle die private Sammlung der Familie Weishaupt beherbergt und dass der Fokus auf zeitgenössischer und moderner Kunst liegt.

Auch wenn Riedel meist an der Kasse zu finden ist, sind Verkauf und Beratung nur ein Aspekt seiner Arbeit. Zusätzlich ist er Teamleiter der Aufsichten. Diese teilen sich die Kunsthalle und das Museum Ulm, 22 Leute sind es insgesamt. Wer Riedel einen Vormittag lang durch die Kunsthalle begleitet, der bekommt jedoch schnell den Eindruck, dass er eigentlich Ansprechpartner für alle ist – noch bevor die Sammlung überhaupt geöffnet ist. Uwe hier, Uwe da – jeder will etwas von ihm. Der Hausmeister braucht eine Info, die Putzfrau hat eine Frage. „Ich bin auch für die Mitarbeiter so etwas wie die erste Anlaufstelle.“

Seit 2009 arbeitet er in der Kunsthalle an der Kasse, angestellt ist er aber bei der Stadt Ulm. Bevor er in der Kunsthalle anheuerte, hat er schon viele Jobs gemacht. Er war Lokführer bei der Bahn, hat im Geld­transport geschafft und leitete bei Elektro Fröschl in der Frauenstraße den Verkauf. Zur Stadt kam der gelernte Kaufmann, weil sein bisheriger Arbeitgeber Konkurs anmeldete.

Anfangs arbeitete er in der Friedhofsverwaltung. Länger als ein Jahr hielt er es dort aber nicht aus. Es war ihm zu ruhig. „Ich habe schon immer gern mit Menschen zu tun gehabt, doch die Kunden auf dem Friedhof sind nicht sehr redselig“, meint er schmunzelnd. So bewarb er sich auf den Job in der Kunsthalle.

Geschäftig geht er die lange Treppe in dem lichtdurchfluteten Gebäude ganz nach oben. Das macht er jeden Morgen – um die Einnahmen des vorigen Tages über den gläsernen Steg rüber ins Museum Ulm zu bringen. Die darf die Stadt behalten. Auf dem Weg bleibt Riedel kurz stehen, er will sein Lieblingswerk zeigen. Er knipst das Licht im zweiten Stock an und geht zielsicher auf das wildeste Bild im Raum zu: ein Werk von Robert Longo. Es zeigt den Kopf eines Tigers, vor dem selbst der hochgewachsene Uwe Riedel seltsam klein wirkt.

„Es passt eigentlich nicht in die Sammlung, weil die sehr minimalistisch ausgelegt ist“, erklärt er. Genau deswegen gefällt es ihm aber auch so gut – weil es außergewöhnlich ist. „Auf den ersten Blick erkennt man gar nicht, dass das Bild eine Kohlezeichnung ist. Das ist genial“, sagt er. Longo sei der einzige Künstler der Sammlung, der mit fotorealistischen Darstellungen arbeite.

Wenn er das alles so erklärt, will man ihm eigentlich nicht glauben, dass er, wie er sagt, kein „Kunstspezialist“ ist. Woher kommt das Wissen dann? „Das kommt mit der Zeit, man liest sich ein.“ Die Kunst in der Kunsthalle gefällt ihm gut, allerdings kann er nicht mit allem etwas anfangen. „Wenn die Bilder mit System gestaltet sind, finde ich das toll. Bei den ganz minimalistischen Dingen hab ich aber so meine Probleme“, erzählt er und zeigt etwas ratlos auf eine Installation, die aus einer komplett schwarzen und einer komplett weißen Leinwand besteht.

Dabei müsste er sich mit Schwarz und Weiß eigentlich gut auskennen. Schließlich ist seine „Arbeitsuniform“ genau so gestaltet: schwarze Hose, schwarze Schuhe, ein weißes Hemd und darüber eine schwarze Weste. Den Kleidungsstil habe er vom Friedhof ins Museum mitgenommen, verrät er. „Als erste Ansprechperson muss man schließlich einen guten Eindruck hinterlassen.“ Und er muss morgens nicht überlegen, was er anzieht.

Der Umgang mit Besuchern macht Riedel am meisten Spaß. „Man hat viel mit unterschiedlichen Menschen zu tun“, sagt er. Auch wenn nicht immer alle ganz auf der Höhe sind. Er kann da kuriose Geschichten erzählen. Immer wieder kommen zum Beispiel Menschen in die Kunsthalle und suchen verzweifelt nach einem Parkautomaten. „Die denken, das ist der Eingang zur Parkgarage.“ Einmal kam eine Frau herein, schaute sich verdächtig suchend um. Riedel hat ihr dann erklärt, dass sie gar nicht in der Tiefgarage ist. „Da hat sie sich an die Stirn gefasst und gesagt:  Na klar, ich bin ja auch in der Sparkasse!“

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