Wie der französische Schriftsteller das Ulm des Jahres 1876 beschreibt

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Im Original In Ulm spielt eine der Schlüsselszenen von Jules Vernes Roman "Der Pilot von der Donau". Der Held Ilia Brusch schaut sich die Stadt an und wird dabei von einem Unbekannten verfolgt. Hier der Beginn der Szene: "Von der Donau durchflossen, gehört Ulm auf der linken Seite zu Württemberg, auf der rechten dagegen zu Bayern, ist aber auf beiden Seiten eine rein deutsche Stadt. Ilia Brusch ging durch die alten Straßen mit alten, mit kleinen Türen versehenen Läden hin, welche die Kunden kaum je betreten, da die Einkäufe meist gleich in und durch die Schaufenster hindurch abgeschlossen werden. Bei stärkerem Winde gibt es da einen Heidenlärm von altem Eisen, da schwanken und knarren an ihren Armen die schweren Firmenschilder in Gestalt von Bären, Hirschen, Kreuzen und Kronen bunt durcheinander.

Als Ilia Brusch die alte Stadtmauer erreicht hatte, spazierte er durch das Quartier, wo Fleischer, Kuttler und Lohgerber ihre Trockenböden haben, und dann kam er, ziellos weiter schlendernd, nach der Hauptkirche, einem der kühnsten Bauwerke ganz Deutschlands. Ulms Münster sollte an Höhe sogar den Straßburgs übertreffen. Diesen Anspruch hat er jedoch, wie das im Leben so oft vorkommt, aufgeben müssen: die äußerste Spitze des württembergischen Bauwerkes ragt nur dreihundertsiebenunddreißig Pariser Fuß (107.78 Meter), die des Straßburger 142 Meter empor.

Da Ilia Brusch nicht zur Familie der Bergfexe gehörte, kam ihm gar nicht der Gedanke, den Münster zu besteigen, von dem aus er die ganze Stadt und weithin deren Umgebung hätte übersehen können. Wenn er es getan hätte, wäre ihm jedenfalls jener Unbekannte nachgefolgt, der ihn nicht verließ, ohne dass er etwas davon bemerkte. Er wäre von dem andern begleitet worden, wenn er nach seinem Betreten des Gotteshauses das Tabernakel bewundert hätte, das ein französischer Reisender (Duruy) mit einer Bastion mit kleinen Zellen und Verteidigungserkern verglichen hatte, oder wenn er die Chorstühle betrachtet hätte, die ein Künstler des 14. Jahrhunderts mit den Holzbildern berühmter Persönlichkeiten aus jener Zeit geschmückt hat.

Einer hinter dem andern kamen die beiden am Rathause, einem ehrwürdigen Bau aus dem 12. Jahrhundert, vorüber und begaben sich dann wieder nach dem Strome zu.

Ehe sie jedoch den Kai erreichten, machte Ilia Brusch einen kurzen Halt, um sich eine auf Stelzen dahermarschierende Gesellschaft anzusehen. Dieses Stelzenlaufen ist in Ulm sehr beliebt, obgleich dessen Einwohner dazu nicht gezwungen sind, wie das in der alten Universitätsstadt Tübingen der Fall ist, wo sich der feuchte und schluchtig zerrissene Erdboden kaum für Fußgänger eignet.

Um das Schauspiel besser genießen zu können, das hier eine Gruppe lustiger junger Burschen, hübscher Dirnen und kleiner Knaben und Mädchen aufführte, hatte sich Ilia Brusch in einem Café niedergesetzt. Sofort hatte auch der Unbekannnte an einem Tische in der Nähe Platz genommen, und beide ließen sich jetzt ein Glas des berühmten hiesigen Bieres bringen. Zehn Minuten später gingen sie wieder weiter, jetzt aber in umgekehrter Ordnung. Der Unbekannte ging beschleunigten Schrittes voraus, und als Ilia Brusch, der ihm, ohne sich etwas dabei zu denken, folgte, seine Jolle erreichte, fand er den andern, der schon darin saß und nur auf ihn zu warten schien."

Buch und Film Der Paderborner Salzwasser-Verlag hat den Roman wieder aufgelegt - als Faksimile der deutschen Originalausgabe in Frakturschrift (34.90 Euro). Und wer des Ungarischen mächtig ist: Der Roman wurde 1974 verfilmt und ist im Internet zu finden unter: www.youtube.com/watch?v=m3A5dIbjJws

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