Wenn Männer digital Gewalt ausüben

Heimlich filmen Männer Frauen in alltäglichen und intimen Situationen und erpressen sie mit den Videos. Diese Form der Gewalt kommt immer öfter vor.

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Ein Mann filmt seine Kollegin heimlich unter dem Schreibtisch und schickt ihr einen Link zum Video. In einem anderen Unternehmen verwanzt ein Kollege die Damentoilette. Ein gewalttätiger Mann überwacht seine Frau zu Hause, um sie daran zu hindern, sich Hilfe zu holen. Ein anderer filmt seine Partnerin beim Geschlechtsverkehr und gibt den Clip an Freunde weiter. Es sind echte Fälle, von denen Barbara Frey von der Frauenberatungsstelle erzählt. Dinge, die Männer Frauen im Raum Ulm angetan haben. Von denen sie erzählen, wenn sie zur Beratung kommen.

Langsam ins Bewusstsein

Bisher erfasst die Beratungsstelle die vielfältigen Formen digitaler Gewalt nicht separat, wenige kommen explizit deshalb ins Büro in der Olgastraße. „Es rückt erst langsam ins Bewusstsein, dass das ein eigenes Thema ist. Aber es hat wesentlich zugenommen“, sagt Barbara Frey. Vor wenigen Wochen hat der Bundesverband Frauenberatungsstelle und -notrufe eine Expertise zur Arbeit gegen digitale Gewalt veröffentlicht. Sie basiert auf einer Umfrage unter seinen rund 180 Mitgliedern, in der die Mehrheit der Beraterinnen angab, dass immer häufiger Frauen und Mädchen kommen, die von digitaler Gewalt betroffen sind. So auch in Ulm.

„Die Möglichkeit der Täter, Gewalt und Kontrolle auszuüben, ist durch die neuen Technologien größer geworden.“ Die Beraterinnen seien oft fassungslos, wie perfide Technik eingesetzt wird. „Wenn jemand zu uns ins Frauenhaus kommt, schalten wir als erstes die Ortungsfunktion des Handys aus.“ Inzwischen, sagt Frey, sei den meisten Frauen bewusster, dass sie kontrolliert werden. Oft fallen Strafen aber gering aus. „Täter gehen in dem Bewusstsein vor, dass ihnen nicht viel passieren kann.“

Und sie spionieren Frauen jeden Alters und jeder Schicht aus, in jedem Lebensbereich, ob privat, beruflich oder öffentlich. Ein aktuelles Thema in Schwimmbädern seien Kameras in Umkleidekabinen, in Toiletten und unter Wasser. Im Rahmen der Aktion „Glotz- und grapschfreie Zone“ hat Frey bei Schulungen im Westbad und im Donaubad mit Mitarbeitern gesprochen. „Fast alle haben Erfahrungen mit der Belästigung von Badegästen gemacht.“

Ein Satz, den eine Kripo-Beamtin einmal zu ihr gesagt hat, ist bei Barbara Frey hängen geblieben: „Es ist Ihnen allen gar nicht bewusst, wie oft Sie schon gefilmt wurden.“ Das Perfide daran: Viele Frauen zweifeln an sich und ihrer Wahrnehmung, befürchten, zu übertreiben. Wenn sie dann herausfinden, dass Männer sie heimlich gefilmt haben, suchen sie die Schuld bei sich und fragen sich, warum sie sich nicht besser geschützt haben. „Man kann kein Vertrauen mehr aufbauen, ist nicht mehr handlungsfähig.“ Viele Frauen isolieren sich aus Scham von ihrem Umfeld, entwickeln Ess- und Schlafstörungen oder Angstzustände.

Die wichtigste Botschaft, die die Beraterin für Betroffene hat: „Man kann sich immer wehren.“ Denn eines sei sicher: Von alleine hören die Männer, die oft Wiederholungstäter sind, nicht auf. Im Gegenteil: Die Gewalt intensiviere sich, es werde immer schwerer, sich zu wehren. Wenn Frauen sich in der Beratung Hilfe holen, hört ihnen zunächst einmal jemand zu. „Wir haben eine Schweigepflicht und wir drängen nicht.“ Entscheidet sich die Frau zur Anzeige, unterstützt sie die Beraterin auf Wunsch, empfiehlt Anwälte und organisiert eine Prozessbegleitung.

Auch Chefs sind gefordert

Wichtig ist, wie sich Arbeitgeber verhalten, etwa wenn Mitarbeiter Kolleginnen filmen. Barbara Frey rät, mit Screenshots oder auf einem USB-Stick Beweise zu sichern. „Schicken Sie nichts weiter, sonst machen Sie sich strafbar.“ Chefs sollten sich gegen Gewalt stellen und klipp und klar sagen, dass sie derartige Vergehen nicht dulden – und die Mitarbeiterin fragen, was sie will. „Es ist wichtig, dass Vorgesetzte das Ausmaß der Wirkung auf die Arbeitnehmerin erkennen. Man kann nach so etwas nicht mehr zusammenarbeiten.“

Sensibilisieren Barbara Frey rät zum sensiblen Umgang mit persönlichen Daten. Sie warnt: „Es gibt Untersuchungen, die belegen: Nach spätestens zwei Minuten sind in einem Chat Pädophile mit dabei.“ Frey ist nicht dagegen, dass Jugendliche chatten. „Aber man muss sich bewusst sein, ob es okay wäre, wenn diese Information Fremde mitbekommen würden.“

Appell Einen Appell richtet sie an Eltern, die Bilder ihrer nackten Kinder online stellen: „Ist es okay, wenn auch Pädophile meine Tochter nackt sehen?“ Jugendliche, die sich erstmals mit einem Chatpartner verabreden, sollten sich an einem öffentlichen Ort treffen und Freunde mitnehmen.

In der Beratungsstelle Frauenhaus sind Broschüren mit Tipps zum Thema „Digitale Welten, digitale Medien, digitale Gewalt“ erhältlich. Mehr Informationen unter frauen-gegen-gewalt.de

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