Wegen Plünderns wird Joseph Weiss verurteilt und gehängt

Es sind letztendlich ein Paar Filzstiefel, wegen denen der 25-jährige Joseph Weiss am 19. April 1945 auf dem Ulmer Charlottenplatz beim heutigen Humboldt-Gymnasium erhängt wird.

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Holzkreuze markierten früher in der Abteilung 82 des Ulmer Friedhofs die Gräber der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, auch das von Joseph Weiss war darunter. Die Gräber sind mittlerweile abgeräumt. Foto: Maria Müssig

Der französische Zwangsarbeiter bediente sich, wie auch viele deutsche Zivilisten, an einem ausgebombten Güterzug und stibitzte sich ein Paar warme Filzstiefel aus einem liegengebliebenen Güterwaggon. Deshalb steht der junge Mann mit zwei anderen Zwangsarbeitern als Angeklagter vor dem Ulmer Standgericht im Neuen Bau. Die drei Männer sind im Lager Türmle interniert und werden von der Reichsbahn am Söflinger Güterbahnhof eingesetzt.

Joseph Weiss wird als einziger der Angeklagten zum Tode verurteilt, begründet wird dies mit seiner Vorstrafe. So zumindest stellt es der am Prozess gegen Joseph Weiss beteiligte ehemalige Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Ulm-Kuhberg, Wilhelm Ziegler, dar. Der gebürtige Langenauer wird in seinem Entnazifizierungsprozess nach dem Krieg noch die Ansicht vertreten, Joseph Weiss sei zurecht als Schwerverbrecher anzusehen gewesen, da er schon zuvor straffällig geworden war.

Was Ziegler verschweigt ist, dass die vorangegangene schwere Straftat des Franzosen im Versuch bestand, über die Schweizer Grenze zu fliehen. Beim Fluchtversuch 1941 werden er und weitere französische Leidensgenossen erwischt. Joseph Weiss wird daraufhin von seinem Arbeitgeber, der Deutschen Reichsbahn, wegen Arbeitsvertragsbruchs angeklagt. Der junge Mann kommt in Lagerhaft - mit dem Ziel, seinen Willen zu brechen. Die Vorstrafe von Joseph Weiss, erwirkt durch die Reichsbahn, führt letztendlich zu seinem Todesurteil vor dem Ulmer Standgericht. Die beiden anderen Zwangsarbeiter kommen mit dem Leben davon.

Der Chefankläger des Standgerichts, Dr. Ernst Friedrich, seit 1933 engagiertes Mitglied der NSDAP und linientreuer NS-Jurist, beantragt die Todesstrafe für den Franzosen. Ein weiterer Kläger im Prozess ist der letzte Leiter der Ulmer Gestapo-Dienststelle und SS-Hauptsturmführer Werner Thiemke. Der gebürtige Berliner diente zuvor in der so genannten Einsatzgruppe D, die während des Russlandfeldzuges Massenerschießungen von Juden durchführte. Der Gestapo-Beamte fordert die Todesstrafe für Joseph Weiss und die beiden anderen Angeklagten.

Ein weiterer Vertreter der Gestapo am Standgericht ist Erich Schülke. Er war als Gestapo-Beamter in Grabweiler und Straßburg im Elsass tätig, bevor er am Kriegsende nach Ulm kam. Erich Schülke wird nach dem Krieg in Söflingen sesshaft. Vorsitzender Richter des Standgerichts ist der Ulmer Amtsgerichtsdirektor Dr. Fritz Grub, ein überzeugter Nationalsozialist, seit 1933 Mitglied der NSDAP. Er verhängt das Todesurteil über Joseph Weiss wegen Plünderns. Das Urteil sieht vor, dass Weiss am 19. April 1945 um 6 Uhr erhängt wird und sein Leichnam zur Abschreckung einen Tag lang an einem Baum auf dem Charlottenplatz hängen soll. Alle schriftlichen Aufzeichnungen des Prozesses werden vor dem Einmarsch der Alliierten vom Gestapo-Beamten Thiemke verbrannt.

Die Leiche wird ohne Kennzeichnung auf dem Ulmer Friedhof begraben. Ein Freund von Weiss, der Fremdarbeiter Jean Tomazzoli, der die Hinrichtung und das Vergraben der Leiche beobachtete, stellt für den Franzosen ein Holzkreuz auf dessen Grab auf. Da er seinen Freund nur mit dessen Spitznamen "Jo" kennt, folgert er fälschlicherweise, dieser habe den Vornamen Georges getragen. Der Irrtum wird später aufgeklärt, als Jean Tomazzoli seinen Freund auf einem Foto identifiziert, das in den Akten des Prozesses der Reichsbahn gegen Joseph Weiss wegen seiner Flucht im Jahr 1941 zu finden ist.

Tomazzoli bezeugt nach dem Krieg, Weiss Henker seien zwei jugendliche SS-Soldaten gewesen. Einer der beiden heißt Johann Bock, ist SS-Angehöriger aus Söflingen und Bewacher des Zwangsarbeiterlagers Türmle, in dem Weiss interniert ist. Der andere ist sein Freund Heribert Krautmann. Die beiden Jugendlichen seien aufgrund ihrer Tat später von französischen Offizieren getötet worden, so die Aussage des Augenzeugen Tomazzoli. Dementgegen berichtet der Ulmer Polizist Erich Gaiser, der die Hinrichtung überwachen musste, zwei russische Leidensgenossen seien gezwungen worden, ihren französischen Kameraden zu erhängen. Ein französischer Polizist, der nach dem Krieg die Exekution von Weiss untersucht, kommt zum abschließenden Ergebnis, die beiden Jugendlichen hätten Joseph Weiss erhängt.

Namen von weiteren Personen, die der Hinrichtung beiwohnten, sind durch ein amerikanisches Protokoll eines Verhörs von Erich Gaiser bekannt. Der Ulmer Polizist, ein NSDAP-Mitglied, sagt aus, er sei als Ersatzmann für einen anderen Polizisten mit der Leitung des Hinrichtungskommandos beauftragt worden. Zudem gehören die Gestapo-Beamten Rudolf Kiechle und Viktor Hallmayer zum Exekutionskommando. Sie alle setzen nach Kriegsende ihre Karrieren fort (siehe Info-Kasten und nebenstehenden Artikel), auch der als eifriger Nationalsozialist bekannte Chefankläger des Standgerichts Dr. Friedrich, der es zum Oberamtsrichter bringt.

Die Angehörigen des zum Tode verurteilten Joseph Weiss haben nach dem Krieg weniger Glück. Der Zwangsarbeiter hinterlässt seine 21-jährige Ehefrau Juliette mit dem 2-jährigen Sohn Jacques und der 15 Monate alten Tochter Gérara. Juliette, die mit ihren Kindern in Nantes lebt, weiß nach dem Krieg zuerst nichts über den Verbleib von Joseph. Erst von zurückkehrenden französischen Zwangsarbeitern erfährt sie von der Hinrichtung ihres Mannes. In ihrer Verzweiflung wendet sich die gebürtige Italienerin an ihren Schwager, der als Soldat in der französischen Armee dient. Sie bittet ihn, ein gutes Wort für sie und ihre Kinder bei den französischen Behörden einzulegen, um finanzielle Beihilfe zu bekommen. Denn die Familie kann sich kaum über Wasser halten. Trotz zäher Widerstände der Behörden erhält die Witwe für ihren verstorbenen Ehemann zumindest die Anerkennung "mort pour la France" und somit Anspruch auf eine geringfügige Unterstützung.

Falls sie noch leben, sind die Kinder heute 69 beziehungsweise 70 Jahre alt. Ob sie wissen, wie ihr Vater ums Leben kam, und wenn ja, was sie über die Umstände erfuhren, bleibt eine spannende Frage. Denn trotz intensiver Recherchen konnten die Kinder von Joseph Weiss bis heute nicht ausfindig gemacht werden.

Info Die ausführliche Version "Das letzte Todesurteil des Standgerichts Ulm" soll im nächsten Band "Ulm und Oberschwaben" erscheinen. Der promovierte Historiker und Politologe Andreas Lörcher ist Mitarbeiter der vh Ulm und Leiter der vh-Denkstätte Weiße Rose.

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