Warum es in der Hirschstraße ein Kleidergeschäft im dritten Stock gibt

Ein Geschäft für Frauen, die Kleider zu schätzen wissen. Das betreibt Merhi Séclaoui im dritten Stock eines Hauses in der Hirschstraße. Um hinein zu kommen, empfiehlt es sich, einen Termin zu vereinbaren.

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Ein Laden, in dem sich Frauen willkommen und verstanden fühlen: Das ist das Prêt-à-porter-Reich des Merhi Séclaoui. Schließlich hat dieses Geschäft mehr von einem Pariser Salon an sich, als von einer der üblichen Klamottenfilialen. Zudem gibt es bei "Séclaoui" Getränke, Knabbereien und natürlich Kleider, Kleider, Kleider.

Um ins gelobte Kleiderland eingelassen zu werden, muss man zweimal klingen, am Seiteneingang des Hauses der Hirschstraße 11. Das Geschäft liegt im dritten Stock, über einem Schmuck- und einem Fischgeschäft und zwar recht versteckt. Denn Merhi Séclaoui und die Mitinhaberin Heidi Schäfer legen Wert auf "Kunden mit Niveau", auf Leute, die Kleider gut behandeln und nicht nach dem Anprobieren auf den Boden pfeffern, kurz gesagt, nicht auf Laufkundschaft.

Die Kundinnen, und es sind immer die Frauen, die klingeln, betreten einen Eingangsbereich, ausgelegt mit seidenen Teppichen. Auf teuren Schränken platziert funkeln Schmuckstücke wie Armbänder, Ringe, Ketten, sind Taschen dekoriert und bereits die ersten Kleider auf Schaufensterfiguren. Näher betrachten? Noch nicht. Herr Séclaoui hat anderes im Sinn, nämlich zunächst ein Gespräch. Die Termine bei ihm folgen einer strengen Choreografie. Deshalb: Herr Séclaoui - ein feiner Mann, der ein Menjou-Bärtchen trägt - führt in den Salon. Man kommt sich vor wie in einem Hollywood-Film, in dem Frauen zum Kleiderkauf zunächst auf einem Sofa Platz nehmen. In Séclaouis Salon stehen zwei davon bereit, dazu edle Sessel, an den Wänden hängen teuer aussehende Bilder.

"Was möchten Sie trinken: Champagner, San Bitter, Aprikosensaft?" Nachdem das geklärt ist, und er darauf hingewiesen hat, wo er einkauft, am liebsten in Paris, in Italien und in Deutschland, darf man die Kleider angucken. Séclaoui zeigt was er hat, "neue Ware, keine alte", wie er betont. Seine Partnerin Schäfer zieht sich zurück, in die Büroräume. Denn ihre Aufgabe sieht sie so: "Wir geben Hilfestellung, doch die Frauen müssen selbst entscheiden. Wir schwätzen nichts auf."

Séclaoui geht vor, in den ersten Raum. Er zeigt Mäntel, wattiert, aus dickem Strick, fein- oder grobmaschig, dann kommt der Raum mit Kleidern, feine Seidenkleider hängen neben Strickkleidern, es folgen Röcke, Oberteile, einfach alles, um von Kopf bis Fuß angezogen zu sein. Séclaoui verkaufte feinste Ware zu niedrigen Preisen, weil er günstig einkauft, wie er sagt. Nur: Die Marken will er nicht in der Zeitung nennen.

"Jede Frau gewinnt in einem schönen Kleid an Selbstbewusstsein", sagt er. Die Kleider führt er selbstverständlich von kleinen Größen wie 34 bis zu großen Größen wie 46. Das ist schon weniger selbstverständlich. Doch ein Anliegen von Séclaoui ist es mollige Frauen schön zu kleiden. Oder, wie er es ausdrückt: "Ich bin gegen Säcke für korpulente Frauen."

Frauen fühlen sich wohl in diesem Salon-Laden. Das liegt nicht nur an den schönen Kleidern, dem stundenlangen Angucken-Dürfen und -Sollen, sondern auch an den beiden Inhabern. Séclaoui, immerhin 75 Jahre alt, sagt von sich: "Mit Heidi losfahren nach Paris, Kleider einkaufen - das ist alles für mich." Er stammt gebürtig aus Beirut (Libanon). Bereits dort betrieb er ein vierstöckiges Geschäft für Damen, die an westlicher Mode interessiert waren. "Ich liebe die zarten Wesen", drückt er sich blumig aus. Zarte Wesen sei eine libanesische Umschreibung für Frauen, sagt er. Zudem liebe er den "Kontakt zu Menschen, das hält jung".

Geboren wurde er in eine christliche Familie in Beirut, besuchte dort eine französischsprachige Jesuitenschule, die "Weiblichkeit und Schönheit seiner Mutter", erzählt er, habe ihn geprägt. Später war er Ladenbesitzer in Beirut, das Geschäft für Damenmode wurde im Bürgerkrieg zerstört. Er arbeitete als Model in Amerika zu einer Zeit, als das noch Dressman hieß und kam in den 60er Jahren nach Deutschland.

Seinen Laden in der Hirschstraße betreibt er seit 13 Jahren. Das jedoch nicht in erster Linie zum Geldverdienen: "Ich habe meine Rente, Heidi hat ihre. Uns macht der Laden Spaß. Was soll ich zu Hause rumsitzen?" Heidi Schäfer (70) stammt gebürtig aus dem Schwarzwald und war die längste Zeit ihres Berufslebens Berufsschullehrerin. Doch sich mit Mode beschäftigen, mit Kunst und Design - das war ein Traum von ihr. Und jetzt, im Alter, ist er wahr geworden.

Bei aller Liebe zum Geschäft mit der Mode: Séclaoui hat die Öffnungszeiten begrenzt auf 10 bis 16 Uhr. "Ich möchte mich nicht kaputt machen", sagt er. Heidi Schäfer: "Das ist der libanesische Schlendrian." Merhi Séclaoui: "Ha, Libanesen sind Handelsleute und verstehen etwas vom Geschäft."

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