Projekt in Rumänien: Waldorfschüler packen seit 25 Jahren mit an

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    Bevor etwas Neues entstehen konnte, mussten die Schüler erst einmal die alten Gebäude abreißen – und zwar ohne schweres Gerät. Das Bild entstand 1995. Foto: 
  • Ausflug auf landestypische Art: Auch die Freizeitgestaltung in Rumänien fiel etwas anders aus. 2/2
    Ausflug auf landestypische Art: Auch die Freizeitgestaltung in Rumänien fiel etwas anders aus. Foto: 
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Rumänien – zu dem Land, das bei vielen Westeuropäern nicht unbedingt an erster Stelle der Top-Reiseländer steht, haben viele Ulmer Waldorfschüler einen besonderen Bezug. Ehemalige auch. Denn sie haben dort vor 25 Jahren angefangen, etwas aufzubauen, für das üblicherweise Profi-Baufirmen gebraucht werden. Mittlerweile haben die Schüler die erste anthroposophisch-homöopathische Klinik errichtet mit einer Ambulanz und einem angegliederten Altenheim, Kindergarten, Klinikpark, einem Demeter-Bauernhof und einer Bäckerei. Alles entstanden in diversen Ferien-Baulagern, in denen die Waldorfschüler nach Rumänien reisten, nach Masloc, einem Dorf in der Region Banat.

Ausgerechnet Rumänien. Dazu kam es, erzählt der für das Projekt verantwortliche Lehrer Wilfried Kessler, weil er an der Waldorfschule am Illerblick in den 90er Jahren eine Musikleh­rerin unterrichtete, die gebürtige Rumänin war. Sie hatte Kontakt zu einem Arzt, der eine Klinik aufbauen wollte, aber nicht wusste, wie er das stemmen sollte.  In Ulm suchte gleichzeitig Lehrer Kessler für seine Klasse etwas „das weg vom gewöhnlichen Wohlstand war“. Denn damals gab es an der Waldorfschule eine 9. Klasse, „über die sich ständig alle Lehrer beschwerten. Ich habe mir das stets angehört und mich irgendwann gemeldet, dass ich in meinem Probejahr die Klasse übernehme.“ Diese Klasse hat in den Augen ihres Lehrers „etwas über den Unterricht hinaus gebraucht“.

„So schlimm waren wir gar nicht“, verteidigt sich Felix Meingast. Der 39-Jährige ist einer der damaligen Neuntklässler. „Doch“, widerspricht Julia Cremer: „Wir haben schon ziemlich Gas gegeben. Wir waren eine Katastrophe.“

Julia Cremer gehörte mit zu einer kleinen Gruppe, die bereits 1992 das Dörfchen in den Karpaten mit ihrem Lehrer Kessler besucht hat, um zu sehen, ob sich der Ort tatsächlich für ein Baulager eignet. Sie erinnert sich so: „Dort war einfach nichts vorhanden. Und wir waren in einem Alter, in dem man was schaffen will und haben gespürt, das ist dort möglich.“

Im Mai 1993 fuhren diese Schüler, inzwischen Zehntklässler, ins erste Baulager nach Masloc. Übrigens in einer Zeit, in der im damaligen Jugoslawien, rund 100 Kilometer von Masloc entfernt, noch Krieg herrschte. Kessler hat die Eltern extra darauf hingewiesen. Dennoch genehmigten sie alle die Fahrt.

Bombenlärm sei zu hören gewesen und Schüsse, erinnern sich die Schüler heute noch. Wirklich wichtig sei aber etwas ganz anderes gewesen. Etwa in dem Dorf zurechtzukommen, ohne ausreichend Material. „Es gab einfach nichts“, beschreibt Johannes Ender (40), ebenfalls einer der Bauarbeiter der ersten Stunde. Weil es nichts gab, mussten die Schüler beispielsweise alte Steine recyclen. Am Ende des ersten Baulagers hatten sie drei Holzhäuser aufgebaut. Was es auch nicht gab, war fließend Wasser, es musste aus Brunnen gepumpt werden.  „Dafür waren wir dort mit 20 Mark reich“, erzählt Ender. Felix Meingast bestätigt: „Was wir als Taschengeld dabei hatten, hatten die Leute dort nicht mal als Monatslohn.“ Aber: Groß einkaufen konnten die Schüler nicht, im Ort gab es nämlich nur einen Lebensmittelladen.

Es hat sich einiges geändert, aber nicht alles. Ruben Stern hat im vergangenen Jahr sein Abi gemacht. Er erzählt vom heutigen Masloc: „Man kommt dort immer noch mit wenig Geld aus.“ Verändert habe sich, dass die Ulmer Schüler, die als Bauhelfer anreisen, mittlerweile auf dem Klinikgelände wohnen, das von einer Mauer umgeben ist, erzählt Ruben Stern. Ein dort arbeitender Arzt habe sie gebeten niemanden vom Ort mit ins Krankenhaus zu nehmen. „Bei uns gab’s keine Mauer“, sagt Johannes Ender. Gewohnt habe man verteilt im Dorf.

Heute sind alle stolz auf ihre Leistungen. „Ich hätte damals nicht gedacht, dass das über 25 Jahre geht“, bekennt Ender. Und alle staunen immer ein bisschen, wenn sie sich bewusst machen, was sie mit hingestellt haben: Arbeitsplätze für 40 Prozent der Dorfbevölkerung. Auch ein Grund, warum das Projekt inzwischen akzeptiert ist. Denn anfangs seien die Menschen skeptisch und manche auch neidisch gewesen, wie sich Lehrer Kessler erinnert. Er hofft, mit der „lebenswerten Anregung“ einen Anstoß gegeben zu haben, die „Volksdepression“ zu überwinden, die er in Rumänien sieht.

Beeindruckendes Erlebnis

Das Baulager hat jedenfalls keiner der Schüler der damals schwierigen neunten Klasse vergessen. „Immer wenn wir uns treffen, kommen wir früher oder später darauf zu sprechen“, erzählt Julia Cremer. Allein schon 20 Stunden Zugfahrt zu überstehen, ließ nur die Möglichkeit: „Entweder  wir zerfleischen uns oder wir kommen miteinander zurecht“, beschreibt Felix Meingast. Die Klasse hat sich für Letzters  entschieden.

Klara Lattwein, Abiturientin von 1996 und elf Mal im Baulager mit dabei, hat vor allen an Rumänien beeindruckt, dass „die Leute dort ihr letztes Hemd für die Gastfreundschaft geben“. Sie hat nach der Schule ein freiwilliges soziales Jahr in Bukarest absolviert, in einem Waldorfkindergarten. Heute ist sie Theaterpädagogin und hat schon in Rumänien Theaterprojekte geleitet.

Marie Schmidt-Daiß (31) war sechs Mal im Baulager. Nach der Schule hat sie zunächst eine Ausbildung als Krankenschwester absolviert und dann drei Wochen im Krankenhaus in Masloc gearbeitet. Sie weiß, dass der Klinikkomplex“ von manchem Einwohner wie ein „Wunder betrachtet“ wird.

Die Schüler haben dort negative wie positive Erfahrungen gemacht. Zu den negativen gehört, dass „uns mal alle Schuhe geklaut wurden“ (Klara Lattwein). Und zu den positiven, dass in den 90er Jahren ein Hund aus einem rumänischen Tierheim im Zug mit nach Ulm gebracht wurde. Vor allem aber, dass es heute im Ort Masloc fließend Wasser gibt. Und dass „wir Hilfe zur Selbsthilfe gegeben haben“, sagt Kessler.

Finanzierung Die Schüler brauchten fürs erstes Baulager Geld. Deswegen studierten sie Michael Endes Theaterstück „Das Gauklermärchen“ ein und führten es an mehreren Orten in Süddeutschland auf. 10.000 Mark kamen zusammen. Davon wurde ein Gebäude mit Gemüsegarten für die Klinik gekauft. Im Jahr 1995 gab es ein dreiwöchiges Baulager gemeinsam mit Schülern aus der Schweiz, das von zwei Maurermeistern begleitet wurde. In der Zeit entstand der dreistöckige Klinikbau in Masloc.

Auszeichnung Im Jahr 1998 erhielt das Projekt von der Robert-Bosch-Stiftung den vierten Preis für „humanitäre Hilfe in Mittel- und Osteuropa“. Während der 25 Jahre Baulager haben mittlweile schon mehr als 400 Schüler der Waldorfschule dort mitgearbeitet.

Klinik Die Klinik in Masloc hat sich zum Zentrum für chronische Erkrankungen entwickelt. Mittlerweile werden dort auch anthroposophische Heilmittel selbst hergestellt, obwohl es keine Unterstützung von deutschen Firmen mehr gibt. Die Ulmer bauen dort noch immer. Zur Zeit ein Mitarbeiter- und internationales Begegnungshaus. In diesem Jahr wird das Baulager voraussichtlich in den Herbstferien sein.

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