Wagner und Ulm? Biografische Spuren gibt es fast keine - aber Musik

"Happy Birthday, Richard Wagner!", plakatiert das Theater Ulm. Der Komponist hat zwar eher deutsche Musikdramen geschaffen, aber das Geburtstagskonzert der Philharmoniker ist tatsächlich ein Geschenk.

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Ulm und die Größen der Musikgeschichte? Wolfgang Amadeus Mozart zum Beispiel machte auf seinen Reisen drei Mal in der Reichsstadt an der Donau Station, und am 6. und 7. Juli 1763 wechselte er nicht nur die Pferde, sondern schaute sich die Stadt an - freilich schrieb der ihn begleitende Vater Leopold in einem Brief, dass er Ulm als "abscheulichen", ja als einen ziemlich "abgeschmackt" gebauten Ort empfinde. Pfui! Aber wie stehts mit dem vor 200 Jahren geborenen Richard Wagner, den das Theater Ulm jetzt mit gleich zwei Geburtstagskonzerten im Congress Centrum feiert? Keine Spur. Nichts. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Wagner jemals Ulmer Boden betreten hat.

Und doch: Wer das Suchprogramm des Richard-Wagner-Archivs der Digitalen Bibliothek startet, immerhin 50 000 Bildschirmseiten mit Wagners sämtlichen Schriften und Dichtungen, mit all seinen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, aber auch den Tagebüchern Cosima Wagners und diversen Wagner-Biografien - wer also den ganzen Wagner nach dem Stichwort "Ulm" durchforscht, erhält zwei Treffer! Zieht man aber die Erwähnung Ulms in einem Brief des Fürsten Paul von Thurn und Taxis an den Bayernkönig Ludwig II. ab, dann hat Wagner selbst nur ein einziges Mal von "Ulm" persönlich geschrieben, und zwar in einem Brief vom 18. Juni 1851 an seinen "lieben Freund" Theodor Uhlig in Dresden. Leider gehts dabei weniger um Musik als um Eisenbahnfahrpläne.

Der steckbrieflich gesuchte Revoluzzer Wagner war 1849 aus Dresden ins Exil in die Schweiz geflüchtet, nach Zürich, wo er bis 1858 auch als Dirigent das Musikleben mitprägte, aber vor allem fleißig schrieb und komponierte: große Teile des "Rings des Nibelungen" sowie "Tristan und Isolde" und die Wesendonck-Lieder. Eine Affäre mit besagter Kaufmannsgattin Mathilde Wesendonck und eine Ehekrise beendeten die Zürcher Jahre Wagners abrupt. Theodor Uhlig wiederum (1822-1853), angeblich ein unehelicher Sohn des Sachsenkönigs Friedrich August II., war seit 1841 Geiger der Dresdner Hofkapelle und dort bald ein wichtiger Gefährte des Kapellmeisters Wagner. Uhlig erstellte zum Beispiel den Klavierauszug des "Lohengrin", trat als Musikkritiker für Wagner ein und half dem Meister in Zürich.

Aus "vollem herzen" also freut sich Wagner, der gerade am Textbuch zu "Der junge Siegfried" (später "Walküre") dichtet, in diesem Brief auf seinen Freund Uhlig. Und er macht sich Gedanken, wie dieser am besten nach Zürich kommen könne. Wagners Tipp: "Ich meine also Du reisest mit der bairischen eisenbahn hierher: Du kommt da am schnellsten. Reise über Ulm nach Friedrichshafen am Bodensee: von da fährst Du mit dem dampfschiff nach Romanshorn herüber, und dort werde ich Dich erwarten, wenn mir nicht gottweißwas der quere kommt."

Das hört sich, streckenplanerisch, sehr vernünftig an. Der den Luxus schätzende Wagner war naturgemäß ein Bahnreisender der ersten Stunde und kannte sich wohl aus: Die Südbahn von Ulm nach Friedrichshafen war 1850 gerade erst eröffnet worden. Und so darf man gewiss davon ausgehen, dass auch Richard Wagner gelegentlich durch Ulm gefahren ist - und sich vielleicht sogar mal am Bahnhof die Füße vertreten hat.

Wann? Auf jeden Fall müsste Wagner auch im Mai 1864 durch Ulm gefahren sein, auf dem Weg von Stuttgart nach München. Denn damals hatte der Königlich-Bayerische Kabinettssekretär Franz Seraph von Pfistermeister den vor seinen Gläubigern durch halb Europa flüchtenden Komponisten im Stuttgarter Hotel Marquardt aufgespürt, um ihn an den Hof des frisch gekrönten Bayernkönigs Ludwig II, zu holen. Das war die märchenhafte Rettung Wagners durch seinen größten Fan.

Ulm und Wagner? Nicht mal eine Fußnote in der Biografie des großen deutschen Komponisten. Bleibt die Musik. Heute aber wieder zu hören im Congress Centrum.

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