Wärmende Elegien in der Klosterbibliothek

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Eine Elegie lang vergaß man sie, die rauschende Belüftung und winterliche Kühle in der voll besetzten Roggenburger Klosterbibliothek. Zehnmal für knappe zehn Minuten, dazwischen kollektives Frösteln. "Atmen Sie alle kräftig, das wärmt", hatte Edgar Selge das Publikum eingangs aufgefordert und wohl nicht bedacht, dass er und seine Frau Franziska Walser den Zuhörern gleich den Atem rauben würden: Mit schwerster Kost, Rilkes Duineser Elegien, abwechselnd rezitiert.

Wer jemals lesend versucht hat, diese Klagelieder um die Rätselhaftigkeit des "Großen in uns" deuten zu wollen, erlebte nun eine Offenbarung. Denn so gesprochen, öffneten Rilkes Sätze vielfältige Assoziationen, innere Bilder, ganze Räume. Als erfänden sie die Worte just in diesem Augenblick, tasteten sich die beiden Schauspieler an sie heran und lauschten ihnen hinterher, leise, unprätentiös und wunderbar frei von jeglichem Pathos.

Dann wieder Wechsel des Tempos, der Dynamik und Dramatik. Plötzlich wurde scheinbar Unverständliches verstehbar: Rilkes traurig staunende Zärtlichkeit für unser Dasein, sein klarer Blick auf die Fragwürdigkeit alles Erfahrenen und jeder Deutung, sogar sein liebevoller Spott.

Für alles hatten Edgar Selge und Franziska Walser ihre ganz eigenen Töne. Ja, die beiden sind Zauberer, denen es sprechend gelingt, an Bereiche zu rühren, die sonst nur Musik auszuloten vermag. Langer Beifall. Verdient aber hätten sie Ovationen!

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