Vortragskünstler Harry Rowohlt kommt nach Ulm

Viele kennen ihn als Obdachlosen aus der „Lindenstraße“. Harry Rowohlt ist Schauspieler, Sprecher, Übersetzer und Vortragskünstler – etwa mit Texten von Twain und Vonnegut. Am Donnerstag liest er im Roxy.

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Harry Rowohlt gilt als unangepasst, er selbst bezeichnet sich als »ziemliches Lämmerschwänzchen«.  Foto: 

Mögen Sie Ihre eigene Stimme?
HARRY ROWOHLT: Ich glaube nicht. Ich höre mir auch nie meine eigenen Hörbücher an.

Hören Sie denn dann andere Hörbücher?
ROWOHLT: Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels hat mir mal einen Fragebogen geschickt. Welches Hörbuch wandert in ihren Urlaubskoffer? hieß es darin. Wandert? Wie soll ein Hörbuch wandern? Und als hätte man a) einen Koffer und b) einen Urlaubskoffer und machte c) überhaupt je Urlaub. Also habe ich geantwortet: Hörbücher höre ich, wenn ich mal blind bin.

Viele Menschen lieben Ihre Stimme. Wundert Sie das?
ROWOHLT: Es rührt mich. Aber ich verstehe es nicht.

Wie gehen Sie im Alltag mit Ihrer Stimme um?
ROWOHLT: Ich sage das, was man halt so sagen muss: „Kann ich bitte drei Seehechtfilets und zweihundert Gramm Kunstlachsersatzimitat mit Farbstoff und Konservierungsmittel haben?“ Aber ich pflege meine Stimme nicht und mache auch keine Übungen.

Sie haben 176 Bücher ins Deutsche übertragen. Für Ihre Übersetzungen sind Sie vielfach ausgezeichnet worden. Sie gelten als Sprachpfleger und -bewahrer . . .
ROWOHLT: . . . ja, man sagt auch, ich sei sprachversessen und sprachverliebt.

Und, sind Sie es?
ROWOHLT: Nö, ich bin nur alt und auf diese Weise altmodisch. Aber das nützt mir ja nichts, denn jede Sprache verändert sich. Das empfindet jeder in seiner Lebenszeit als so schlimm wie nie zuvor. Ich könnte mir auch vorstellen, dass ich damals richtig geweint hätte, als nicht mehr alles mit th geschrieben wurde. Heute ärgere ich mich über die Anglizismen, weil sie so ubiquitär sind. Früher haben sie mich amüsiert, weil ich sie erkannt habe. Das einzige, was man als Übersetzer machen kann, ist, dass man es selbst eben nicht macht.

Sie gelten als unangepasst, kritisch und widerspruchsfreudig. Sehen Sie sich selbst genauso?
ROWOHLT: Nein, denn ich bin eigentlich ein ziemliches Lämmerschwänzchen, schüchtern und rücksichtsvoll.

Trotzdem werden Sie in den Medien gelegentlich als „ruppig" bezeichnet.
ROWOHLT: Ja, neun Mal verkneife ich es mir, und einmal sage ich was. Und die neun Mal, die ich nichts sage, werden naturgemäß nicht wahrgenommen. So ist das.

Sie haben im vergangenen Jahr die Autobiografie von Mark Twain vertont. Was verbindet Sie mit Twain?
ROWOHLT: Meine Grabesstimme. Twain hat sich ja hundert Jahre zurückgehalten und schreibt im Vorwort: Ich spreche nun aus dem Grabe. Ich finde so toll, dass Twain wie selbstverständlich davon ausging, dass sich hundert Jahre nach seinem Tod noch jemand um ihn schert. Und das ist tatsächlich der Fall! Denken Sie an Paul Heyse, der war mal deutscher Literaturnobelpreisträger, den kennt aber keiner mehr. Hemingway hat gesagt, Huckleberry Finn sei der erste amerikanische Roman, und von dem kommt alles her. Da ist was dran. An der Autobiografie mag ich übrigens auch, dass Twain so modern schreibt. Dieses Buch ist völlig konfus, er schweift von aktuellen Ereignissen seiner Zeit oft ab und erzählt irgendwas anderes.

Sie treten pro Jahr knapp hundert Mal auf. Was reizt Sie an Lesungen?
ROWOHLT: Unter anderem die Bahnfahrt. Ich habe den New Yorker abonniert und komme nur in der Eisenbahn dazu, den zu lesen. Ohne Eisenbahnfahren hätte ich längst das Abo kündigen müssen. Früher habe ich immer den Spiegel gelesen, dann aber festgestellt, dass die ohne Quellenangabe immer genau das gleiche schrieben wie der New Yorker, nur zwei bis drei Wochen später. Und da dachte ich mir: Ich muss ja nicht alles zweimal lesen!

Es ist also die Lektüre auf der Bahnfahrt, die Sie an Lesungen schätzen und nicht etwa der Applaus des Publikums?
ROWOHLT: Natürlich freue ich mich, wenn die Leute das mögen, was ich mache. Das macht dann mir Spaß, und dass es mir Spaß macht, macht wieder den Leuten Spaß. Seit einiger Zeit gehe ich vorher nicht in die Künstlergarderobe, sondern stelle mich vor die Tür, um Passanten den Arm umzudrehen. Nur so kriegt man die Hütte voll! Und dabei lernt man auch die Leute kennen, die in die Lesung kommen. Publikum sind lauter Freunde, die man noch nicht kennt. Danach kennt man sie zwar auch noch nicht wesentlich besser, aber wenigstens etwas.

Info
Harry Rowohlt ist am Donnerstag um 20 Uhr im Roxy zu erleben. Karten unter 0731/ 96 86 2-0.

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