Vor den Toren Tübingens gab es einst einen Tiergarten

Die Aufregung muss groß gewesen sein, als am 22. Juni 1907 per Telefon die knappe Ankündigung durchgegeben wurde: „Der König kommt – per Auto!“. Und zwar um den exotischen Zoo am Spitzberg zu besuchen.

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Die Aufregung muss groß gewesen sein, als am 22. Juni 1907 per Telefon die knappe Ankündigung durchgegeben wurde: „Der König kommt – per Auto!“ Mit seinen beiden Enkelsöhnen reiste der württembergische König nach Tübingen, um den exotischen Zoo am Spitzberg zu besuchen. Der hatte erst einen Monat zuvor eröffnet und avancierte schnell zum beliebtesten Ausflugsziel der Universitätsstadt.

Abseits des Waldweges, am Südhang des Spitzbergs liegen, im Schatten der Buchen, heute noch die Überreste. Rostige, verbogene Eisenstäbe, schwere Gitter mit Öffnungsluken, eingefallene und abgetragene Mauern: Es braucht schon einige Phantasie, um sich die stattlichen Anlagen vorzustellen, wo Bären, Affen, Löwen, Leopard und Ozelote lebten. Weiter unten, am Fuße des Bergs, stehen heute private Wohnhäuser. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es hier ein beliebtes Ausflugslokal beim „Tiergarten Tübingen“. Wirtshaus-Erbauer war der Zoo-Besitzer Eugen Mannheim. „Er war eine stadtbekannte Persönlichkeit und ein bisschen ein Lebenskünstler“, sagt Stadtarchivar Udo Rauch.

1906 hatte Mannheim 23 Morgen „Wieswachs und Wald“ auf dem Gelände der vollständig abgebrannten Ödenburg gekauft. Von dem kurz zuvor geschlossenen Nillschen Tiergarten in Stuttgart kaufte er mehrere Eisenbahnwagen voller Zoo-Materialien und baute umfangreiche Gehege auf. Zu Tierhandlungen im In- und Ausland hatte er hervorragende Beziehungen, um immer wieder neue Tiere für seinen „Tiergarten Tübingen“ anzuschaffen.

Und die gab es in beeindruckender Zahl und Vielfalt: Verschiedene Löwen (zwei wurden sogar im Zoo geboren), drei Eisbären, ein „glänzend schwarzer Kragenbär Muffi“, wie es in einem frühen Zeitungsbericht heißt, Pumas, Seehunde, ein seltenes weißes Lama, Opossums, verschiedene Affen, ein Hundspavian namens Seppl, Schildkröten, ein Mississippi-Alligator sowie Raub- und Singvögel. Um die Tiere zu ernähren, musste jede Woche ein Pferd geschlachtet werden.

Der Zoo war für viele Geschichten gut: Immer mal wieder büxten Tiere aus, darunter eine Wölfin, die aber von allein zurückkehrte. Zu einer eigenwilligen Kreuzung kam es zwischen einer Wölfin und einem Bernhardiner. Eine Nilgauantilope verünglickte bereits nach drei Wochen. Aufgeschreckt durch ein Wildschwein, prallte sie mit voller Wucht gegen einen Zaun und brach sich den Halswirbel.

Die beiden Affen Gottlieb und August sollen im Wirtschaftshaus für Aufregung gesorgt haben. Kaum verwunderlich also, dass „Der Mannheim“ ein so beliebtes Ausflugsziel für Familien und Studenten war. Sogar aus dem Schwarzwald und von der Alb kamen die Besucher. Allein im Jahr 1910 sollen 2000 Schüler aus den Oberämtern Reutlingen, Rottenburg und Tübingen den Tiergarten besucht haben.

In seiner großräumigen Ödenburg-Wirschaft bot Mannheim auch Kulturprogramm: Am 13. Oktober 1907 ließ er die Operette „Die Fledermaus“ aufführen – „mittels Riesengrammophons, allergrößte Nummer“, warb er in einer Zeitungsannonce. Das Grammophon hatte einen mannshohen Messingtrichter und konnte deshalb nur im Freien aufgestellt werden. Der Andrang muss so groß gewesen sein, dass es keine freien Sitzplätze mehr gab. Der Beginn des Ersten Weltkriegs bezeichnete auch das Ende des Tiergartens. Mannheim wurde eingezogen, die Tiere musste er verkaufen. Doch schon in den Vorkriegsjahren waren die Besucherzahlen zurückgegangen, die Sommer waren recht verregnet. Die Finanzierung seines Tiergartens dürfte für Mannheim ohnehin recht schwierig gewesen sein. Nur 20 Pfennig kostete der Eintritt, Kinder und Soldaten zahlten die Hälfte. Auch die finanzielle Unterstützung von Seiten der Stadt war dürftig, sie bestand lediglich in einem gewissen Steuererlass.

Nach seinem gut einstündigen Rundgang soll sich der König äußerst anerkennend über „den reichhaltigen, wohlgepflegten Tierbestand“ und über die Wahl des „besonders geeigneten Geländes“ geäußert haben. Dem Zoo ließ er später deshalb auch eine Spende zukommen – ganze 20 Mark.

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