Vor 175 Jahren wurde der Verein für Kunst und Altertum gegründet

Der Verein, dem Ulm in kultureller Hinsicht am meisten zu verdanken hat, wird am Sonntag 175 Jahre alt. Sein schier unaussprechlicher Name lautet: Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.

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In der Inventarliste, welche die Vorsitzende Gudrun Litz in Händen hält, sind Teile des Vereinseigentums verbucht. Dazu gehört auch das wunderbare Portrait, das Johann Leonhard Schneider im Jahr 1748 von der Ulmerin Anna Margaretha Wagenhuber angefertigt hat.  Foto: 

Den damals baufälligen Münster-Torso zu retten und zu vollenden, war eines der vorrangigen Ziele, denen sich der Verein von Anfang an verschrieben hatte. Er war landesweit einer der ersten seiner Art - auch bezogen auf die Grenzen des heutigen Baden-Württemberg.

Gegründet hatten ihn am 6. März 1841 der Zeichenlehrer Eduard Mauch, der Buchhändler Philipp Ludwig Adam und der Finanzkammer-Assessor Friedrich Eser. Das Datum war sorgsam gewählt: Es war der Geburtstag des damaligen württembergischen Kronprinzen Karl. Den konnte der Verein nach kurzer Zeit als "Protector" - heute hieße es "Schirmherr" - für sich gewinnen.

Der im wahrsten Sinne Riesenerfolg, die Vollendung des Münsters, wurde im vergangenen Jahr ausgiebig gewürdigt. Das ist aber bei Weitem nicht der einzige, den der Verein verbuchen kann. Er lieferte den Grundstock für die reichsstädtische Abteilung des Ulmer Museums. Viele der prächtigsten Schätze stammen aus dem Bestand des "Altertumsvereins" - so die etwas unaufwendigere Bezeichnung des Vereins. Zu den populärsten gehören der Palmesel, gotische Altäre, Zunfttafeln und -pokale und nicht zuletzt das Schwert des Scharfrichters Johann Georg Degendesch, das mittlerweile die Dauerausstellung des Hauses der Stadtgeschichte "ziert".

Auch das Stadtarchiv profitiert von der Sammeltätigkeit des Vereins, die ihm über hundert Urkunden und andere Archivalien beschert hat. Was der Stadtbibliothek zugeflossen ist, erkennt man im Katalog an den Vermerken "AV" (Altertums-Verein) oder "AVZ"; Z steht für wissenschaftliche Zeitschriften wie "Ulm und Oberschwaben, Zeitschrift für Geschichte, Kunst und Kultur", die der Verein alle zwei Jahre herausgibt. Sie umfassen meist 400 bis 500 Seiten.

Die nächste Ausgabe wird Ende 2017 erscheinen; es ist die einhundertste seit der ersten aus dem Jahr 1843. Der Titel hat sich mehrfach verändert, aber nicht der Inhalt: wissenschaftliche Aufsätze zur Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie in der Region. Seit 2006 beteiligt sich die noch relativ junge "Gesellschaft Oberschwaben" an der Herausgabe.

Mit jeweils 2000 Exemplaren ist "Ulm und Oberschwaben" die auflagenstärkste Zeitschrift für Landesgeschichte in Baden-Württemberg. Jeweils ein Exemplar geht den 160 Tauschpartnern zu. Das sind ebenfalls Vereine oder Museen, die dafür ihre Neuerscheinungen nach Ulm senden, wo sie - mit dem Vermerk AVZ - in der Stadtbibliothek der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.

Seit 2010 leitet Gudrun Litz den 330 Mitglieder starken Verein. Die promovierte Historikerin, im Stadtarchiv für den reichsstädtischen Bestand verantwortlich, hat damals ihren Amtsvorgänger Gebhard Weig abgelöst, der mittlerweile Ehrenvorsitzender ist. Als eine der wesentlichen Aufgaben, die der Verein anpacken muss, sieht sie die Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte sowie seines Besitzes.

In den Regalen des Stadtarchivs etwa steht noch meterweise historisch wertvolles Schrifttum, das seiner Erschließung harrt. Auch ist nur zum Teil geklärt, welche Preziosen in Museum, Bibliothek und Archiv dem Verein gehören. Klar ist nur: Es sind wesentlich mehr als in den gedruckten Katalogen vermerkt. Die wahren Besitzverhältnisse sind zwar dokumentiert, aber in allen möglichen Inventaren und Listen, die noch nicht ausgewertet sind.

So gibt es ein Inventar, das der Verein 1859 angelegt hat. Das wurde bis 1883 systematisch geführt und enthält auf 30 Seiten 310 Einträge von Objekten, die der Verein durch die Sammlertätigkeit seiner Mitglieder oder durch Käufe erworben hat. Auch die folgenden 30 Seiten listen Vereinseigentum auf, aber ohne Nummern. All diese Hinweise sollen nun systematisch erfasst und ausgewertet werden.

"Auch das ist eine Art von Provenienzforschung" bringt es Gudrun Litz auf den Punkt, der bekanntlich mitunter recht heikel sein kann. Um eventuelle braune Flecken sichtbar zu machen, soll auch dieser Zeitabschnitt der Vereinsgeschichte aufgearbeitet werden.

Einen Anfang macht Ulrich Scheinhammer-Schmid, der in seinem Festvortrag den langjährigen Vorsitzenden des Altertumsvereins, Oberstaatsanwalt Max Ernst, würdigt. Der legte 1934 sein Amt nieder - aus Protest gegen den Umgang mit dem jüdischen Museumsdirektor Julius Baum. Nach kurzem Intermezzo übernahm der als liberal geltende Otto Wiegandt die Leitung des Vereins. Sein "Geleitwort" zum 100. Vereins-Geburtstag im Kriegsjahr 1941 ist zwar nicht frei von Nationalismen, doch der Ton bleibt vergleichsweise moderat.

Scans der ältesten Zeitschriften und Festprogramm

Die Vorträge Ein wesentlicher Teil des Beitrags, den der Verein für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben zur regionalen Kultur leistet, sind seine Vorträge während des Winterhalbjahrs. Sie locken regelmäßig etwa 60 bis 100 Besucher in den Lichthof des Museums; der bisherige Rekord lag bei 200 Besuchern.

Zeitschrift Die Internetseite des Vereins (www. verein-ulm-oberschwaben.de) enthält unter anderem ein Inhaltsverzeichnis der Zeitschrift "Ulm und Oberschwaben". Ein Link führt zu den Scans der Exemplare von 1843 bis 1875.

Jubiläumsfeier Gleich zwei Vorträge enthält das Festprogramm, mit dem der Verein am Gründungstag, Sonntag, dem 6. März, im Lichthof des Ulmer Museums sein 175-jähriges Bestehen feiert. Die Historiker Marie-Kristin Hauke und Ulrich Scheinhammer-Schmid werden Einblicke in die Vereinsgeschichte geben. Für die musikalische Begleitung sorgt das Scherer-Ensemble, das sich alter Musik aus der Region widmet.

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