Von der Kirche ins Tonstudio - Flüchtlinge spielen in internationaler Band

In seiner Heimat Nigeria spielte er in der Kirche, nun probt er in einem Tonstudio der Musikschule Neu-Ulm: Junior Attai Idakwo. Mit einem Video.

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Flüchtlinge spielen in einer internationalen Band.  Foto: 

In seiner Heimat Nigeria spielte er in der Kirche, nun probt er in einem Tonstudio der Musikschule Neu-Ulm: Junior Attai Idakwo. Der 28-Jährige spielt als Schlagzeuger und Sänger bei „Music-int“, einer Band bestehend aus Asylbewerbern und deutschen Musikern. „Music-int“ bedeutet internationale Musik, aber auch Musik und Integration.

„Wir möchten die verschiedenen musikalischen Stränge zu einem Klang vereinen“, sagt Gründer Ludwig Franz Pak, „unser Spiel soll sich nach einer Art Weltmusik anhören.“ Der Klavier- und Gesangslehrer gründete gemeinsam mit seiner Frau Janina Rozalowska-Pak die internationale Band. Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen, bei ihrer zweiten Probe haben Ludwig Franz Pak am Klavier, Jens Blockwitz an der Gitarre und Junior Attai Idakwo am Schlagzeug allerdings bereits ein ordentliches Repertoire zu bieten. Musikrichtungen Funk und Reggae geben beim gemeinsamen „jammen“ den Ton an.

„Don’t worry about a thing, cause every little thing gonna be alright“ – Mach dir keine Sorgen, denn alles wird gut. Mit diesem Text von Bob Marley, einer von Idakwos Lieblingskünstlern, füllen die drei Musiker das Tonstudio mit Klängen. Die Sorgen vergessen. Das ist für den 28-Jährigen einer der Hauptgründe, Musik zu machen, erzählt er.

Schon seit seiner Jugend sind Schlagzeugspielen und Singen ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. In seiner Heimat spielte der Nigerianer mit sieben Freunden in der Band „Victory Gardens“. Die Musiker probten drei bis vier Mal pro Woche, traten in ihrer Kirche und in der Musikschule auf. „Wir hatten sogar ein wenig Unterricht“, sagt Idakwo stolz. Ein eigenes Instrument besaß er noch nie.

Die verschiedenen ethnischen Gruppen in Nigeria haben unterschiedliche Musikstile mit variierender Technik, Instrumenten und Liedern. Ihre traditionelle Musik spielen die Nigerianer meist nur zu feierlichen Anlässen, wie einer Hochzeit oder einer Beerdigung. Kirchenmusik, wie Idakwo sie in seiner Heimat mit „Victory Gardens“ spielte, hat dort eine große Bedeutung. Im Alltag ist die Volksmusik bei der Arbeit zu finden – Rhythmen werden meist getrommelt, sollen die Arbeiter motivieren.

Zusätzlich zu den typischen afrikanischen Trommeln wird oft auf Xylophonen, Glocken und Trompeten gespielt. Die Popkultur in Nigeria entwickelte sich in den 1970er Jahren bei großen Straßenfestivals in Lagos, der größten Stadt des bevökerungsreichsten Landes in Afrika.

Zurück zu Idakwo: Vor sieben Monaten kam der 28-Jährige nach Deutschland. Sein Fluchtweg führte ihn von Nigeria über Niger, Libyen und Italien schließlich nach Kadeltshofen, einem Orsteil von Pfaffenhofen. Idakwo möchte sich einleben. Er spielt Basketball beim TSV Weißenhorn und besucht einen Sprachkurs im Neu-Ulmer Familienzentrum.

Vor einigen Wochen sprach ihn Janina Rozalowska-Pak, seine Lehrerin, an, ob er an dem internationalen Musikprojekt teilnehmen wolle. Er war sofort Feuer und Flamme: „Ich bin sehr glücklich, endlich wieder am Schlagzeug zu sitzen und stolz, dass meine Lehrerin mich ausgewählt hat“, sagt Idakwo. Jetzt übt er fleißig am Schlagzeug der Musikschule und hat den großen Wunsch, eines Tages an seinem eigenen Instrument zu spielen. Rozalowska-Pak lobt den Nigerianer: „Es ist gar nicht so einfach, geeignete Teilnehmer zu finden.“ Die Bandmitglieder sollten musikalisch etwas auf dem Kasten haben. Es gehe schließlich nicht um Musikunterricht, auch wenn die Proben in den Räumen einer Musikschule in Neu-Ulm stattfinden.

„Weitere Musiker aus allen Ländern der Welt sind uns willkommen“, sagt Ludwig Franz Pak. Je mehr verschiedene Richtungen, desto interessanter die Musik, die am Ende rauskommt. Momentan gehe es darum, ein Repertoire aufzubauen – jeder darf seine persönlichen Vorlieben einfließen lassen: Jazz von deutscher Seite, Reggae von nigerianischer. Und: Idakwo möchte seine Rap-Künste unter Beweis stellen, schließlich zählt auch der amerikanische Superstar Jay Z zu seinen Lieblingsmusikern.

Auftritte haben die Jungs und ihre Managerin auf jeden Fall schon geplant, da stimmen alle zu. „Unser Ziel ist das internationale Fest in Ulm nächstes Jahr“, sagt Janina Rozalowska-Pak und lacht. Ihr Schüler hat da ein ganz anderes Ziel vor Augen: „Ich möchte von meinen neuen Freunden lernen, auf Deutsch zu singen.“

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