Vom Mobile zum Stahlband

Eine Fülle an Stilen, Verfahren und Materialien zeigt sich an den "Skulpturen und Reliefs" der Sammlung Weishaupt in der neuen Ausstellung. Je nach Standpunkt offenbaren sich ganz unterschiedliche Blicke.

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  • Bernar Venets fast geschlossene Bögen dominieren das zweite Stockwerk der Ausstellung. Foto: Matthias Kessler 1/2
    Bernar Venets fast geschlossene Bögen dominieren das zweite Stockwerk der Ausstellung. Foto: Matthias Kessler
  • Siegfried Weishaupt und Tochter Kathrin vor Gerwald Rockenschaubs Zauberkasten. Foto: Matthias Kessler 2/2
    Siegfried Weishaupt und Tochter Kathrin vor Gerwald Rockenschaubs Zauberkasten. Foto: Matthias Kessler
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Glänzend endlos windet sich die vergoldete Schleife von Max Bill. Und man könnte das Werk natürlich als Metapher heranziehen: Nach dem "zweiten Blick" auf die Sammlung von Siegfried und Jutta Weishaupt in der vorangegangenen Ausstellung präsentiert die Kunsthalle in der Neuen Mitte nun erneut einen Überblick. Auch Frank Stellas "The Crotch" ist zum wiederholten Male im Schaufenster installiert.

Möglichst viele Wechselausstellungen zu bieten, begreift Siegfried Weishaupt eben nicht als seine Aufgabe, er will vor allem auch seinen stetig sich vergrößernden Kunstschatz präsentieren - im Februar 2013 soll dann laut seiner Tochter, der Kunsthallen-Direktorin Kathrin Weishaupt-Theopold, das ursprüngliche Konzept wieder aufgenommen werden: Ein Stockwerk für eine Einzelpräsentation, eines für die Sammlung, dazu wohl ein spezielles Begleitprogramm.

Die Schau, die heute Abend eröffnet, ist explizit eine "Wunschausstellung" ihres Vaters, wie Weishaupt-Theopold sagt. Zu sehen sind "Skulpturen und Reliefs". Rund 50 Objekte aus mehr als einem halben Jahrhundert Bildhauerei, und doch nur eine Auswahl aus der Sammlung, die eine Fülle an Stilen, Verfahren und Materialien bietet. Sie reicht vom zarten Mobile Alexander Calders aus dem Jahr 1948 bis zum kühl-kalkulierten "Extended Production Black" von Liam Gillick von 2007. Abstrakte und konstruktive Kunst treffen aufeinander, geräuschvoll Kinetisches von Tinguely hat ebenso Platz wie Hans Arps vornehme "Amphore dEtoile". Einzig die menschliche Figur muss draußen bleiben, Barry Flanagans boxende Hasen stehen ja auch auf der Terrasse.

Bis kurz vor knapp hätten sie über die richtige Aufstellung der Werke diskutiert, berichten Vater und Tochter. Ein derart geschlossenes Arrangement wie es der Abendmahl-Raum mit Ben Willikens in der letzten Ausstellung war, ist nun auch kaum wiederholbar. An selber Stelle hängt jetzt Jean Tinguelys barock-verspielte"Schnudernase" von der Wand, mit ihren bunten Glühbirnen und dem Pferdeschädel als hintersinnigem Memento Mori. Darunter, etwas schwierig in dieser Zusammenstellung, wartet Imi Knoebel mit dem blau-gelb-gelb-roten "Ort" und "Voyager III".

In dem diesmal also vergleichsweise heterogenen Raum bildet Gerwald Rockenschaubs zu schweben scheinender schwarzer Zauberkasten einen Anziehungspunkt für sich. Der an beiden Seiten offene Quader bietet nicht nur Ausblick auf die dahinter an der Wand angebrachte Lichtinstallation von François Morellet - er verwandelt sowohl sich als auch das fremde Werk: Je nach Standpunkt steht der Betrachter vor einer geschlossenen schwarzen Fläche oder sieht sich geblendet von einer funkelnden Verspiegelungsorgie.

Fast ein ganzer Raum gehört im ersten Stock dagegen Koons-Schüler Vincent Szarek und seinen Urethan-Gebilden. In sein Hochglanzgebirge zeichnen sich wie zufällig Lichtornamente ein.

Im zweiten Stock angekommen, darf man sich freuen über die Cut-Out-Arbeiten von Tom Wesselmann, die den lichten Raum mit Landschaften in Öl - auf Aluminium - noch lichter machen. Tony Cragg hat nebenan ein konzentrationsförderndes Kabinett für sein "Forminifera"-Stillleben aus Gipsformen bekommen, die wie archaische Vasen anmuten; sie beziehen sich übrigens auf Mikroorganismen im Meer, aus denen Muscheln entstehen.

Die große Bühne hier aber gehört Bernar Venets "Two Arcs of 267,5°", die zum Transport auseinandergeschnitten und neu zusammengeschweißt werden mussten. Die einander locker touchierenden Beinahe-Stahlkreise wirken sehr schwer und sehr leicht zugleich. Im Ganzen ein derart dominantes Werk, dass es einen eigenen Raum bräuchte. Den kann man nicht eigens anbauen, trotzdem hätten Nachbarn wie Anthony Caros "Palace" oder John Chamberlains "The Devil and the Deep Blue Sea" wahrlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Öfter mal die Blickrichtung wechseln empfiehlt sich - in diesem neuerlichen Blick auf die Kunstwerke der Sammlung Weishaupt.

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