Das letzte französische Dorf: Vom Ende eines gelebten Traums

Noch bis zum 20. August lädt „Petit Paris“ in die Friedrichsau ein. Dann baut William Capoen zum letzten Mal die Kulissen ab. Er sagt den Ulmern und Neu-Ulmern „Adieu“.

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  • Besucher beim französischen Dorf in der Friedrichsau. 1/5
    Besucher beim französischen Dorf in der Friedrichsau. Foto: 
  • Crêpes und Gallettes werden frisch zubereitet. 2/5
    Crêpes und Gallettes werden frisch zubereitet. Foto: 
  • Wer’s mag, der kann auch Schnecken essen. 3/5
    Wer’s mag, der kann auch Schnecken essen. Foto: 
  • Pantomime Pascal und eines seiner „Opfer“. 4/5
    Pantomime Pascal und eines seiner „Opfer“. Foto: 
  • Die Capoens sagen Ulm endgültig „Adieu“. 5/5
    Die Capoens sagen Ulm endgültig „Adieu“. Foto: 
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William Capoen ist sich sicher: „Ich werde am 20. August ein paar Tränen vergießen“, sagt er. Und er, die Frohnatur mit dem französischen Akzent, wird auf einmal doch ganz ernst. An diesem Sonntagabend wird er die letzten Gäste aus seinem Französischen Weindorf verabschieden. Dann ist  Schluss mit „Savoir vivre“ in der Friedrichsau. Für immer. „Mein Kind ist volljährig geworden, es zieht aus“, bringt er es auf den Punkt. 18 Jahre habe er versucht, den Menschen hier die französische Lebensart zu vermitteln, und rückblickend stellt er fest: „Es scheint mir auch gelungen zu sein.“ Das hat er jedenfalls seit der Eröffnung am 3. August erfahren. Viele hätten gefragt, ob seine Entscheidung endgültig sei. „Ja, sie ist es.“

Schon jetzt hat er damit begonnen, das Inventar, also Kulissen, Bierbänke und Tische zu verkaufen. Eingelagert wird nichts mehr. Den Erlös will er karitativen Einrichtungen in Ulm spenden. Mit einer Ausnahme: Das Geld für den Eiffelturm, der 18 Jahre lang als Wahrzeichen in der Mitte des Dorfes stand, wird er selbst behalten. Der ist im Übrigen auch schon verkauft, er wird demnächst auf einem Betriebsgelände in Ulm stehen und zu sehen sein. Wo? Das kann und will Monsieur Capoen noch nicht verraten.

„Savoir vivre“ in Ulm hat also funktioniert. Die Ulmer und Neu-Ulmer hätten sich überaus frankophil erwiesen, sagt er. „Das Publikum ist gut situiert, mit einem Sinn für schönes Ambiente und Genuss.“ Capoens Erfolgsrezept: bezahlbare französische Weine, dazu Käse und Wurst, Flammkuchen, Crêpes und Galettes, ein paar landestypische Gerichte wie Froschschenkel, Schnecken und Tintenfischringe, dazu Live-Musik und etwas Unterhaltung. Beispielsweise mit Pascal, dem Feuerschlucker und Pantomimen, der anderen still und heimlich durch das Dorf folgt, deren Bewegungen und Gesten nachmacht, bis alle lachen und der Geneckte das endlich als Letzter auch mitbekommt. Ein schadenfreudiges Vergnügen.

All das hat er in der Summe hier bieten wollen. Deshalb hat er es in Ulm auch so lange durchgehalten. „Es war ein Traum hier, und ich habe jetzt ausgeträumt.“ Hätte seine Ehefrau Marie-Louise nicht darauf gedrängt, dass jetzt endlich einmal Schluss sein muss, vielleicht hätte er weitergemacht. Auch jenseits der 70, die er bald wird. Das zeitgleich und in Konkurrenz stattfindende Weindorf hat ihm die Entscheidung aber leichter gemacht.

Als er 1999 mit Dieter Schaible, dem damaligen Chef der Ulm-Messe und Stammgast, den ersten Dreijahres-Vertrag abgeschlossen hatte, besaß William Capoen noch drei weitere Französische Dörfer, die er bundesweit auf Reisen schickte, mit den Themen Paris, das Loiretal, Elsaß und die Provence. Sie standen in München, Nürnberg, Friedrichshafen, Chemnitz, Dresden, Leipzig, in Hannover, Hamburg und Lübeck und vielen anderen Städten. Zum Schluss allerdings das letzte davon nur noch in Ulm. „Das ich es hier so lange ausgehalten habe, liegt daran, dass ich mich hier auch besonders wohl gefühlt habe. Ich war zu Hause bei Freunden.“

Capoen, der 1948 in Evreux in der Normandie geboren ist, lebt seit 1970 in Berlin. Auf den Flugplatz Tegel ist er als Soldat zur französischen Armee gekommen. Schon 1971 wurde er als Zivilangestellter der Militärverwaltung angestellt. Direkt dem General unterstellt, leitete er im Wedding das französische Kulturzentrum,  Centre Francaise genannt. Er war für den Jugendaustausch zuständig und hat in mehr als 20 Jahren um die 50.000 junge Franzosen nach Berlin vermittelt. Ihm oblag es, das deutsch-französische Volksfest zu organisieren mit jährlich 500.000 Besuchern.

Nur noch Rentner und Opa?

Schon vor der deutschen Wiedervereinigung gründete er seine Veranstaltungsgesellschaft FRA-BER (was für Frankreich-Berlin steht), um danach in Eigenregie die Französischen Dörfer zu führen. Aus dem Centre Francaise ist das Hotel de France geworden, ein Drei-Sterne-Haus, dessen Führung er 1995 übernommen hat und immer noch innehat. Der Vertrag läuft bis 2021, und das Hotel, so Capoen, sei ein Selbstläufer. Darauf wird er sich jetzt konzentrieren und mit seiner Ehefrau Marie-Louise, einer gebürtigen Belgierin, reisen, sowie ab und zu nach den beiden Kindern und bald drei Enkeln schauen. Nur noch ein Rentner- und Opa-Dasein für William Capoen, das kann sich keiner, der ihn kennt, richtig vorstellen.

Kulissendorf „Sacré Coeur“, die Basilica im Montmatre-Viertel, steht vor den Toren von Paris. Zumindest in der Mini-Ausgabe in der Friedrichsau. Das Französische Dorf ist in diesem Jahr deutlich kleiner geworden, so manche Kulisse fand drinnen keinen Platz mehr. Auch wenn es im Inneren also etwas enger zugeht, ist es im Großen und Ganzen bei den Angeboten  geblieben, die  viele Ulmer und Neu-Ulmer schätzen .

Das Angebot Es gibt französische Weine im 0,2-Liter Glas für 4,50 bis 5 Euro, die Flasche für 15,50 bis 17,50 Euro. Französisches Bier wird ausgeschenkt, 4 Euro für die Halbe, dazu Antialkoholisches für 2,50 bis 3 Euro (0,25 Liter). Der Käseteller (7 Sorten) kostet mit Weißbrot 5 Euro, der Räucherlachs im Baguette ebenfalls 5 Euro. Die Preise für den Flammkuchen bewegen sich je nach Belag zwischen 10 bis 12 Euro. Die süßen Crêpes sind, ebenfalls abhängig vom Belag, zwischen 2,50 und 4,50 Euro teuer, die Galettes, also die herzhafte Variante, kostet zwischen 3 und 6,50 Euro. Ein überbackenes Baguette ist für 4 Euro zu haben. Die Portion Froschschenkel kostet 13,50 Euro, die Portion Schnecken ist 14,50 Euro teuer, eine halbe Portion kostet 7,50 Euro. Und Calamares gibt es  für 8,50 Euro.

Öffnungszeiten Geöffnet ist „Petit Paris“ noch bis einschließlich Sonntag, 20. August, montags bis samstags von 17 bis 24 und sonntags von 12 bis 24 Uhr.

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