Visionäre und biblische Orgelmusik

Unter dem Motto "Bibel und Orgel" gastierte Willibald Bezler in der Georgskirche. An der Münster-Orgel spielte gestern Kay Johannsen "Visionäres".

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Zwei namhafte Interpreten gastierten am Wochenende bei den Ulmer Orgelfestwochen: der Stuttgarter Orgelprofessor Willibald Bezler in der Georgskirche und Kay Johannsen, Kantor und Organist der Stuttgarter Stiftskirche, vor 120 Zuhörern im Münster. "Visionäres" - das war gestern Johannsens Motto an der großen Walcker-Orgel. Den Anfang machte er mit Bachs bekannter Passacaglia in c-Moll, in der eine musikalische Figur durch alle Stimme schreitet. Weniger starr kamen die drei Sätze aus Charles-Marie Widors "Symphonie romane" daher. In seiner abschließenden Improvisation ließ Johannsen ein aufsteigendes Thema durch die farbig-flimmernden, anfangs transzendentalen, später mit martialischeren Tönen versetzten Klangbilder geistern - bis zum feierlichen Schluss.

Willibald Bezler wiederum eröffnete am Freitagabend sein Konzert in der Georgskirche mit einer Bearbeitung der Mozartschen d-Moll-Fantasie. Haupt- und Seitenthema des bekannten Stücks passten zu dem weniger stimmgewaltigen Klang der Walcker-Orgel. Dass das Konzert ganz der Verbindung von Liturgie und Orgelmusik gewidmet war, wurde in der "Biblischen Sonate" des Thomaskantors Johann Kuhnau deutlich. Das in Musik gesetzte "Pochen und Trotzen" Goliaths und das "Zittern der Israeliten" konnte man förmlich spüren.

Die im Programm abgedruckten Textstellen erleichterten es den knapp 30 Zuhörern dabei, die Ausdeutung durch die Musik zu verfolgen. So bricht etwa in Hans Hubers Vertonung des 38. Psalms Gottes Zorn hörbar durch alle Stimmen, um sich am Schluss durch Alternierung ins reine Dur der Zuversicht zu verwandeln. Modal traurig stellt das "Psalm Prelude" des 1950 geborenen Andrew Fletcher die weinenden Israeliten "an den Strömen von Babel" dar.

Höhepunkt war der sechste Satz aus Oliver Messiaens frühem Orgelzyklus "Le corps glorieux" mit den bisweilen jazzartigen Klängen der verwendeten Modi. Organist Bezler griff aber auch auf eigenes Material zurück; die ersten beiden Sätze seiner "Biblia Organi" waren in ihrem atonalen Gestus das Modernste und Farbenfrohste an diesem Abend. Zum Schluss gab es noch den für liturgische Anlässe obligatorischen Bach, bevor Bezler mit einer Improvisation über Worte des Propheten Joel endete, die auch in der Kirche selbst als Wandmalerei mitzulesen waren.

Info Ihren Abschluss finden die Ulmer Orgelfestwochen mit Konzerten am Freitag in der Martin-Luther-Kirche ("Orgel hautnah) und am Sonntag im Münster ("Lustvolle Klänge").

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