Verglühte Träume: Scharff-Museum zeigt Maler, die im Ersten Weltkrieg fielen

Der Erste Weltkrieg und die Kunst ist in vielen Ausstellungen ein Thema. Die Schau "Verglühte Träume", die am Freitag im Scharff-Museum eröffnet wird, widmet sich Malern, die als Soldaten im Krieg fielen.

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  • Albert Weisgerbers "Mann am Fenster". Das Gründungsmitglied der Neuen Münchener Secession ist einer von acht im Ersten Weltkrieg gefallenen Künstlern, die das Edwin-Scharff-Museum in seiner Ausstellung "Verglühte Träume" vorstellt, die am Freitagabend eröffnet wird. 1/2
    Albert Weisgerbers "Mann am Fenster". Das Gründungsmitglied der Neuen Münchener Secession ist einer von acht im Ersten Weltkrieg gefallenen Künstlern, die das Edwin-Scharff-Museum in seiner Ausstellung "Verglühte Träume" vorstellt, die am Freitagabend eröffnet wird. Foto: 
  • Französische Schule: Franz Nölkens 1909 entstandene "Flusslandschaft in Frankreich". 2/2
    Französische Schule: Franz Nölkens 1909 entstandene "Flusslandschaft in Frankreich". Foto: 
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Hundert Jahre Erster Weltkrieg - das ist ein Datum, das auch Kultureinrichtungen nicht ignorieren können. Das war Helga Gutbrod, Leiterin des Scharff-Museums, klar. Ebenso klar wie die Gewissheit, dass in der Kunst zum einen die Malergiganten Franz Marc und August Macke im Fokus stehen würden, die als Soldaten im Krieg fielen, zum andern aber auch die Einflüsse, die der Erste Weltkrieg im Werk der überlebenden Künstler hinterlassen hatte.

Gutbrod wünschte sich einen anderen Blickwinkel. Auch auch aus der Erfahrung heraus, die ihr Museum, das sich vor allem Namensgeber Edwin Scharff und seiner Zeit widmen soll, mit der Kunst und den Künstlern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den vergangenen 15 Jahren gesammelt hat. "Arbeiten von Hermann Stenner und Albert Weisgerber hatten wir schon in anderen Ausstellungen gezeigt", erklärt Helga Gutbrod. Zwei Künstler, die ebenfalls im Krieg fielen, die aber heute weitgehend vergessen sind. Warum also nicht einen Blick auf jene Künstler werfen, die bei Ausbruch des Krieges noch am Anfang ihrer Karriere standen, sie aber nicht fortsetzen konnten, weil sie auf den Schlachtfeldern starben?

Die Idee hatte Gutbrod vor drei Jahren, in eine Ausstellung gefasst hat sie die Hamburger Kunsthistorikerin Friederike Weimar. Sie hat neben Stenner, Weisgerber und Wilhelm Morgner, die sich Gutbrod in der Ausstellung gewünscht hatte, noch Benno Berneis, Hans Fuglsang, Franz Seraph Henseler, Franz Nölken und Otto Soltau ausgewählt. So werden verschiedene Facetten einer Avantgarde gezeigt, die sich mit eigenständiger Formensprache der virulenten Themen der Zeit annahm. Und die war vor allem von einer Stimmung gekennzeichnet, die uns heute unverständlich ist: Der Ausbruch des Kriegs wurde von all diesen Künstlern begrüßt, obwohl einige von ihnen, wie etwa Nölken, ihre Ausbildung in Frankreich absolviert hatten. "Es ging auch weniger um den Konflikt mit dem Nachbarn", erklärt Weimar. Der Krieg sollte letztlich nur das Instrument sein, um die alte Ordnung, den wilhelminischen Obrigkeitsstaat, zu zerschlagen. "Sie träumten alle davon, dass der Krieg ihn schleifen würde und so Platz für eine bessere Zukunft entsteht."

Das Gemeinsame aller acht Künstler, die zumindest in der Kunstszene ihrer Zeit schon bekannt und geachtet waren: "Sie litten unter ihrer Gegenwart", sagt Friederike Weimar. Wie sie das in ihren Bildern umsetzten, war aber höchst unterschiedlich.

Ins Völkische tendierte etwa Otto Soltau mit seinen nordischen Mythen und seinen heroischen Postkarten, die er aber auch mit Motiven konterkarierte, die versehrte Soldaten und verknotete Siegesfahnen zeigen. Benno Berneis, dessen "Neuer Mensch" das Entree der Ausstellung bildet, war gerade der Durchbruch gelungen (er gehörte zum Vorstand der Freien Secession). Die wenigen Bilder zeigen in der Neu-Ulmer Ausstellung seinen stilistischen Wandel vom Impressionismus hin zum angedeuteten Kubismus. An den Pointilismus angelehnt sind manche Arbeiten Wilhelm Morgners, den keine Geringeren als Franz Marc und Wassily Kandinski für den "Blauen Reiter" gewannen.

Franz Nölken war ein Schüler der Académie Matisse. Ein Einfluss, der in den vom Fauvismus beeinflussten Frauenakten deutlich spürbar wird. In nur drei Jahren hatte Hermann Stenner seine Ausbildung absolviert. Dessen Lehrer Adolf Hölzel hielt so große Stücke auf ihn, dass er ihm gemeinsam mit Oskar Schlemmer und Willi Baumeister einen Auftrag für die Eingangshalle der Werkbundausstellung 1914 in Köln zuschanzte.

Kandinsky, Marc, Schlemmer, Baumeister: Große Namen, die vor 1914 in einem Atemzug mit den im Scharff-Museum ausgestellten Künstlern genannt wurden. Die einen hatten die Chance, nach dem Krieg ihre Karriere zu verfolgen. Die anderen nicht. Verglühte Träume.

Ausstellung in Neu-Ulm

Vernissage Die Ausstellung "Verglühte Träume - Werke junger Künstler, Opfer des Ersten Weltkrieges" wird heute, Freitag, 19 Uhr, im Scharff-Museum am Neu-Ulmer Petrusplatz von Bürgermeister Albert Obert und Museumsleiterin Helga Gutbrod eröffnet. Die Kuratorin Friederike Weimar wird in die Ausstellung einführen. Katja Kaufmann (Sopran) und Igor Beketov (Klavier) begleiten die Vernissage. Die Ausstellung ist bis 6. Januar zu sehen und wandert dann weiter in den Museumsberg Flensburg.

Katalog Zur Ausstellung ist im Berliner Verlag Gebr. Mann ein Katalog erschienen, der in der Ausstellung 19.80 Euro kostet.

Öffnungszeiten Dienstags und mittwochs 13 bis 17, Donnerstags bis samstags 13 bis 18 und sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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