Vereinsleben: Förderkreis restauriert Wiblinger Kapellen und Kleindenkmale

Wer es schafft, auf Anhieb den Vereinsnamen "Förderkreis zur Erhaltung der Wiblinger Kapellen, Flurkreuze, Bildstöcke und Kleindenkmale", fehlerfrei, also in der richtigen Reihenfolge, auszusprechen, darf . . . , ja was eigentlich?

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Die Fischerhauserkapelle wurde von Peter Rau restauriert, ehe er in den Ruhestand ging. Jüngst musste der Verein wieder ran an das Denkmal, weil Sprayer die Wände verunstaltet hatten. Die Kapelle erinnert an den dem Wiblinger Kloster gehörenden Weiler Fischerhausen, dessen Gebäude kurz vor Ende des 30-jährigen Krieges zerstört wurden und der in der Folge aufgegeben wurde.  Foto: 

Vielleicht zusammen mit Peter Rau oder Franz Barth, den beiden Männern vom Vorstand, historische Grenzsteine oder eine Kapelle restaurieren. Ach, das ist ja Arbeit. Stimmt. Sogar viel Arbeit. Aber: Diese Arbeit lohnt sich es, "wir brauchen die Erinnerung", sagt Peter Rau. Die Erinnerung an die kleinen Denkmale, die oft unauffällig am Weges- oder Straßenrand stehen und dem langsamen Zerfall preisgegeben sind. Wer kümmert sich um Flurkreuze und Bildstöcke? Niemand! Eben. Dabei gibt es so viele interessante kleine Denkmale, Zeugen der Vergangenheit, "Grenzsteine beispielsweise, die auf Napoleon zurückgehen oder auch die Besitzverhältnisse des Klosters Wiblingen erzählen können", sagt Rau, der natürlich als ehemaliger Restaurator den Blick für diese Dinge hat.

Am Anfang standen drei Personen: Peter Rau, Franz Barth und die Lokalhistorikerin Ulrike Häufele sowie ein kulturhistorisch wichtiges Denkmal, die Johannes-Nepomuk-Kapelle. Sie war der Anlass, über einen Förderkreis nachzudenken, denn die Behausung des Bewahrers des Beichtgeheimnisses war in einem desolaten Zustand, der hölzerne Heilige schaute ziemlich bedröppelt drein: Er bedurfte einer Wurmkur. Und weil das Wiblinger Trio nicht nur nachdenkt, sondern auch macht, wurde im März 2011 der Förderkreis gegründet. "Der Wiblinger Bürgerausschuss hatte sich damals aufgelöst. Und wir waren einfach der Meinung, Wiblingen braucht einen solchen Verein, zumal der Stadtteil mittlerweile 18.000 Menschen zählt", sagt Rau.

Die Alt-Wiblinger kennen noch die Fischerhauser Kapelle, einem Weiler dazugehörig, der zwischen Donau und Roter Wand lag und im 30-jährigen Krieg untergegangen ist. Unweit davon befand sich früher der Galgen, das Wiblinger Hochgericht. Sie kennen vielleicht auch die Bildeichkapelle am Rand des Gögglinger Walds. Den vielen Zugezogenen sind die Denkmale freilich fremd. Die Gefahr war offensichtlich: Wie die Nepomuk-Kapelle so verfielen auch die Fischerhauser- und die Bildeichkapelle mit ihrem einzigartigen Tafelbild: der Darstellung der Statue der Madonna von Einsiedeln in barockem Ornat.

Wenn sich niemand kümmert, bleibt von diesen Denkmalen in absehbarer Zeit nicht mehr viel übrig, allenfalls die Grundmauern und ein paar Farbreste im Innern. Der Verein hat das in seinem Flyer so formuliert: "In zunehmend ausgeräumten Orten und Landschaften erinnert immer weniger an die Welt, aus der die Gegenwart erwuchs. Um die Gegenwart zu verstehen und um die Zukunft menschlich gestalten zu können, brauchen wir gerade diese Erinnerung."

Ein Problem der Denkmale: Die Recherche zu den Besitzverhältnissen gestaltet sich bisweilen als schwierig. "Wir mussten zuerst klären, wer eigentlich für die Kapellen zuständig ist", berichtet Rau. Da war die Stadt, da war die Kirche oder auch ein privater Besitzer. Der Vorstand fand mit der Stadtverwaltung einen gangbaren Weg, die Stadt übernimmt bei der Restaurierung die Materialkosten, die Arbeitskosten liegen beim Verein, der, so der Vorsitzende, "genügend handwerklich begabte Leute hat, um die Projekte durchzuziehen". Um eine Größenordnung zu bekommen: Die barocke Kapelle an der Ulmer Straße schlug mit rund 70.000 Euro zu Buche, weil sie nicht nur restauriert, sondern auch um ein paar Meter versetzt wurde. Weg von der Straße, weg vom Spritzwasser und den Erschütterungen durch schwere Lastwagen. Diesen Betrag hat die Stadt gezahlt, 17.000 Euro kamen vom Verein hinzu, der seine Mitgliedsbeiträge einsetzt, aber auch auf großzügige Spenden baut.

"Es ist schön, dass die alten Wiblinger kulturhistorisch sehr interessiert sind", sagt Rau. Dass ihnen, den Wiblingern, die Vergangenheit am Herzen liegt, zeigt auch die Zahl der Mitglieder: Annähernd 120 Mitglieder unterstützen den Verein, eine stattliche Zahl angesichts dessen, dass der Verein erst seit viereinhalb Jahren existiert.

Info Peter Rau ist unter Tel. (0731) 452 84, Franz Barth unter Tel. (0731) 438 49 erreichbar.

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